Influencer Anthony Lee während seines Vortrags vor mehr als 200 Gästen in Cadenberge. Foto: Larschow
Influencer Anthony Lee während seines Vortrags vor mehr als 200 Gästen in Cadenberge. Foto: Larschow
Reaktionen aus der Region

Populismus und Polemik: Breite Kritik am Auftritt von Anthony Lee in Cadenberge

von Tim Larschow | 09.01.2026

Der Auftritt des umstrittenen Gastredners Anthony Lee bei der Versammlung des Besamungs- und Rindviehzuchtvereins Land Hadeln in Cadenberge und der anschließende Bericht sorgte für deutliche Reaktionen. Politiker und Gäste schildern ihre Eindrücke.

Der Auftritt des umstrittenen Gastredners Anthony Lee bei der Versammlung des Besamungs- und Rindviehzuchtvereins Land Hadeln in Cadenberge am Mittwochabend und der anschließende Bericht sorgte für deutliche Reaktionen. Politiker sowie weitere Gäste, die anwesend waren, schildern ihre Eindrücke.

Zu den Gästen gehörte auch der Samtgemeindebürgermeister Land Hadeln, Frank Thielebeule. Thielebeule sieht eine der zentralen Aufgaben von Interessenvertretungen und Verbänden darin, sich für ihre Mitglieder einzusetzen, gute Rahmenbedingungen zu schaffen und angebrachte Kritik gegenüber der Bundes- oder Landespolitik zu äußern, um gemeinsame Ziele umzusetzen. "Dies geschieht oftmals in vorbildlicher Form und belegt mit guten sachlichen Begründungen", so Thielebeule.

"Demokratie lebt von kritischem Diskurs"

Deutlich kritischer äußert er sich jedoch zum Gastvortrag: "Der Gastvortrag des Herrn Lee war für mich ein Anreißen der Sorgen und Nöte unserer hiesigen Landwirte. Allerdings gepaart mit rechtsextremistischen Andeutungen, viel zu vielen populistischen und nicht belegten Parolen. Es war stark auf Stimmungsmache gegen die etablierten Parteien ausgelegt."

Weiter führt Thielebeule aus: "So wurden zum Beispiel die Nöte unserer Landwirte in Zusammenhang gestellt mit einer Aneinanderreihung von Themen wie etwa der finanziellen Unterstützung für die Menschen in der sich im Krieg befindlichen Ukraine. Transgender-Themen wurden abwertend dargestellt. Der für uns alle offensichtliche Klimawandel wurde verniedlicht beziehungsweise verleugnet und Entwicklungshilfe als unnötig bezeichnet. Im Kern wurde die Politik aller demokratischen Parteien mit Regierungsverantwortung der letzten Jahre verrissen."

Demokratie lebe von kritischem Diskurs, so Thielebeule weiter. Bürgerinnen und Bürger müssten sich kritisch mit politischen Prozessen auseinandersetzen und offen diskutieren. "So funktioniert Demokratie. Aber Veränderungen erfolgen nicht durch Populismus und Verunglimpfungen. Wir alle sollten in Gesprächen und mit Argumenten überzeugen, um so für gute Zukunftsbedingungen zu sorgen."

Auch der Hemmoorer Samtgemeindebürgermeister Jan Tiedemann war bei der Veranstaltung und hielt das Grußwort. Er zeigt sich überrascht über die Einladung Lees: "Ich bin erstaunt darüber, dass so ein Redner eingeladen wird. Den teils rechtspopulistischen und transfeindlichen Aussagen darf und sollte man nicht auch noch eine Bühne geben." Er nehme die genannten Sorgen der Landwirte ernst, doch er ergänzt: "Alle anderen Aussagen waren erschreckend."

"Mit Grundwerten unserer Demokratie unvereinbar"

Ebenfalls anwesend war Alina Kusabs, Geschäftsführerin des Landvolks Hadeln. Sie ordnet den Auftritt differenziert ein: "Die angesprochenen Themen und Herausforderungen der Landwirtschaft sind real und in ihrer Bedeutung richtig eingeordnet. Die grundlegende Problematik wurde treffend benannt, allerdings waren einzelne Beispiele in der Darstellung aus meiner Sicht nicht zielführend und zum Teil grenzwertig."

Das Cuxhavener Bündnis für Respekt und Menschenwürde meldete sich ebenfalls nach der Berichterstattung zu Wort und verurteilt die während der Veranstaltung des Besamungs- und Rindviehzuchtvereins Land Hadeln getätigten Aussagen des Redners Anthony Lee "auf das Schärfste". Weiter teilen sie mit: "Wir finden es äußerst bedenklich, dass ein traditionsreicher Verein einem Redner, der sich in der Vergangenheit durch rechtspopulistische und verschwörungsideologische Äußerungen hervorgetan hat, eine Bühne bietet. Aussagen, die wissenschaftliche Fakten leugnen, Menschen aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität herabwürdigen und offen rechtspopulistische oder diskriminierende Positionen vertreten, sind mit den Grundwerten unserer Demokratie unvereinbar."

"Das passt nicht in unsere weltoffene Region"

Auch der Bundestagsabgeordnete Christoph Frauenpreiß äußerte sich. "Ich selbst war zu Beginn der Veranstaltung zugegen, da mir der Austausch mit unseren Landwirten am Herzen liegt. Aus privaten Gründen musste ich die Veranstaltung leider vor dem Vortrag des Referenten Anthony Lee verlassen." Frauenpreiß zeigt sich überrascht über die erneute Einladung: "Ich war ehrlicherweise überrascht, dass Herr Lee auch in diesem Jahr eingeladen wurde, obwohl im Laufe des letzten Jahres seine Meinung zu politischen und gesellschaftlichen Themen mehr als deutlich wurde. Denn seine provokant-populistischen und auch teils diffamierten Aussagen passen nicht in unsere weltoffene Region."

Frauenpreiß führt fort: "Als überzeugter Demokrat, der Politik auf Faktenbasis macht und nicht durch populistische Videos überzeugen muss, hätte ich selbst gerne bei manchen nicht faktenbasierten Aussagen in seinem Vortrag Stellung bezogen." Lee reiße bewusst Dinge aus dem Zusammenhang, um Stimmung zu erzeugen.

"In den letzten Jahren hat er immer wieder erfolglos versucht, in unterschiedlichen Parteien und Verbänden seine Positionen zu verkaufen. Das ist kein Problem parteipolitischer Strukturen, sondern liegt ganz allein an ihm", so Frauenpreiß. Er zieht einen Vergleich: "Wenn ich kein Fußballprofi werde, liegt es nicht an den Spielregeln, sondern an meinem mangelnden Talent."

Zugleich betont der Bundestagsabgeordnete: "Unsere heimischen Landwirte sind weltoffene Demokraten und keine dumpfen Hinterwäldler, die gestriges Gedankengut in sich tragen. Sie verdienen es nicht, in eine Ecke gestellt zu werden wegen einiger weniger." Die Einladung des Referenten zeige die Sorgen der Landwirte, nicht deren politische Haltung.  

Eine Bitte um Stellungnahme zum Vortrag ließ der Vereinsvorsitzende Jörn Schumacher bislang unbeantwortet. Aufgrund von Schnee und Wind habe man derzeit auf den Höfen viel zu tun, teilte er mit. Man wolle sich in den kommenden Tagen melden.

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