Wie die ehemalige Gaststätte "Zur Kurve" in Cadenberge ein neues Kapitel aufschlägt
In der ehemaligen Gaststätte "Zur Kurve" in Cadenberge scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Zwischen Musikautomat & 70er-Jahre-Tapete entsteht durch den Kulturkreis am Dobrock ein Ort, an dem Geschichte bewahrt & gleichzeitig Neues gewagt wird.
Wer die Tür der ehemaligen Kneipe "Zur Kurve" in Cadenberge öffnet, taucht in eine andere Zeit ein. Ein alter Musikautomat steht noch in der Ecke, die Tapete erzählt von den 1970er-Jahren, im Zentrum steht der holzverkleidete Tresen, als hätte der letzte Gast gerade erst sein Bier bezahlt.
Dabei reicht die Geschichte des Hauses viel weiter zurück. Bereits 1891 erhielt Birte Mußmanns Familie die Genehmigung zum Betrieb einer Gaststätte. Damals kamen die Menschen mit Pferd und Wagen. Während sie den Gottesdienst besuchten, wurden nebenan die Tiere versorgt. Anschließend traf man sich in der Wirtschaft - zum Essen, Trinken und Reden.

Ein Frauenladen - über Generationen
"Es war eigentlich immer ein Frauenladen", sagt Birte Mußmann. Ihre Großmutter führte die Gaststätte bis in die 80er Jahre mehr als 30 Jahre allein, nachdem ihr Mann bereits 1952 gestorben war. Drei Kinder zog sie gleichzeitig groß. Birte Mußmanns Mutter, Reni Meyer, half schon als junges Mädchen mit, absolvierte später eine Lehre in der damaligen Marktstraße - der heutigen Bahnhofstraße -, bevor sie selbst hinter den Tresen zurückkehrte.
Geöffnet wurde täglich von 10 bis 12 Uhr und von 16 bis 20 Uhr. Dazwischen warteten Haushalt und Kinder. Birtes Vater war Seemann und viel unterwegs. Viele Gäste kamen jeden Tag. Stammgäste gehörten genauso selbstverständlich dazu wie der tägliche Plausch.

Für Birte Mußmann ist jeder Raum voller Erinnerungen. Sie erinnert sich an lange Arbeitstage, an die vielen Stammgäste, an laute Abende und auch an die Verantwortung, die das Leben in einer Gaststätte mit sich brachte. "Man lebte dort", beschreibt sie diese Zeit. Freizeit habe es kaum gegeben. Dafür habe sie gelernt, Verantwortung zu übernehmen und schnell zu arbeiten.
Selbst als Birtes Mutter längst im Rentenalter war, schloss sie für ältere Gäste immer noch auf. Erst 2016 endete diese Ära. Die Flaschenbierpreise hatte sie über Jahre kaum verändert. Für Birte Mußmann und ihren Bruder, Nils Meyer, stand trotzdem nie zur Debatte, die Wirtschaft weiterzuführen.

Eine Idee um zwei Uhr nachts
Dass die "Kurve" heute wieder auf eine andere Art geöffnet ist, hat mit einem spontanen Einfall zu tun. Nach einer gemeinsamen Feier beschlossen einige Freunde mitten in der Nacht, noch einmal in die alte Gaststätte zu gehen. Unter ihnen war die Sozialarbeiterin Daniela Siemer.
"Dort sieht es noch immer so aus, als wäre gerade erst Kundschaft gegangen", hörte sie.
Neugierig begann sie, die Geschichte des Hauses zu erforschen, und kam mit Birte Mußmann ins Gespräch.
Daniela Siemer war während des Lockdowns von Berlin nach Cadenberge gezogen. Dort arbeitet sie als Sozialarbeiterin und ist Vorsitzende des Kulturkreises am Dobrock. Der Verein wurde 1981 gegründet, um kulturelle Angebote aufs Land zu bringen. Viele Jahre richteten sich die Veranstaltungen vor allem an ein bildungsbürgerliches Publikum. Heute zählt der Kulturkreis zwar noch rund 100 Mitglieder, doch neue Mitstreiter, die Daniela Siemer "Mitgestalter" nennt, und neue Ideen sind gefragt. Es braucht mehr als nur zahlende Mitglieder.

Kultur zwischen Zapfhahn und Musikautomat
Rund 35 Besucher passen in den ehemaligen Gastraum, in dem der Kulturkreis so etwas wie ein Zuhause gefunden hat. Neben kleinen Konzerten, finden dort auch Lesungen statt. Am 25. September findet beispielweise eine Lesung der Autorin Jessica Benjatschek statt, die mit 47 Frauen den Atlantik überquert hat. Weitere Ideen reichen von einem Kneipenchor bis zu Karaoke-Abenden.

Doch jede Veranstaltung ist ein Wagnis. "Was interessiert die Menschen? Kommt überhaupt jemand?", fragen sich die Vorsitzende und ihre Mitstreiter immer wieder. Deshalb soll sich das Programm behutsam weiterentwickeln - ohne den ursprünglichen Gedanken des Kulturkreises aus den Augen zu verlieren. Die Vorsitzende möchte Kultur schaffen, die möglichst viele Menschen anspricht.
Jahrzehntelang war die "Kurve" ein Ort, an dem Nachbarn zusammenkamen, Neuigkeiten austauschten und den Alltag hinter sich ließen. Genau diese Idee lebt nun weiter - nicht mehr als Dorfkneipe, sondern als Ort der Begegnung. Für die "Kurve" beginnt damit ein neues Kapitel, als kulturelles Wohnzimmer Cadenberges.
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