Erinnerung in Otterndorf an ein düsteres Kapitel der Geschichte
In den letzten Monaten des 2. Weltkrieges kamen 14 Jungen und Mädchen in der Otterndorfer "Ausländerkinderpflegestätte" ums Leben. Im Nazi-Deutschland war ihr Tod kein Zufall, sondern gewollt. Ihr Schicksal bleibt unvergessen.
Eine dunkle Wolke über einem hellen Kinderbett: Dieses Kunstwerk steht genau dort, wo die Nazis 1944 einem Fahrrad- und Geräteschuppen die zynisch klingende Bezeichnung "Ausländerkinderpflegestätte" verpassten. Um "Pflege" ging es ihnen dort ganz gewiss nicht. Offiziell war der Schuppen zwar eine Außenstelle des Krankenhauses, doch die räumlichen und hygienischen Bedingungen waren eine Katastrophe. Kein fließendes Wasser, keine ausreichende Ernährung oder medizinische Versorgung, kein Schutz gegen die Kälte: Keiner der 14 Säuglinge wurde ein Jahr alt.
"Geschichte immer wieder erzählen"
Die Mütter aus Polen und Russland hatten keine Möglichkeit, sich ausreichend um ihre Kinder zu kümmern. Die "fremdvölkischen" Frauen mussten bereits kurz nach der Entbindung wieder Zwangsarbeit leisten und tatenlos zusehen, wie sich der Gesundheitszustand ihrer Kinder verschlechterte.
Damit sie auch über 80 Jahre nach ihrem Tod nicht in Vergessenheit geraten, war der Verein "Zukunft durch Erinnern" gegründet worden, der viele Details zusammentrug, die Namen recherchierte und auch dafür sorgte, dass im Mai 2009 die Skulptur am "Großen Specken" enthüllt wurde.
An diesem Platz gibt es in jedem Jahr eine Gedenkstunde. Reinhard Krause begrüßte dort am Freitag als langjähriger Vorsitzender des inzwischen aufgelösten Vereins die Teilnehmer und Teilnehmerinnen, bevor Bürgermeister Claus Johannßen in seiner Rede davor warnte, die Geschichte der Otterndorfer Zwangsarbeiterinnen und ihrer Kinder zu vergessen: "Wir müssen diese Geschichte immer wieder erzählen." Die Nazis hätten diese Frauen nicht als Menschen betrachtet, sondern als bloße Arbeitskräfte. Die Kinder seien für sie "wertlos" gewesen.
Namen der Kinder verlesen
Mit dem Schicksal der Zwangsarbeiterinnen und ihrer Kinder hatten sich in den vergangenen Monaten auch Schülerinnen des Otterndorfer Gymnasiums beschäftigt, die in einer Rückschau, durch ein ukrainisches Gedicht und musikalische Beiträge die Gedenkstunde mitgestalteten. Sie schilderten eindrucksvoll die Situation der Frauen, die "schutz- und hilflos" ansehen mussten, wie ihre Kinder vernachlässigt und völlig unzureichend versorgt worden waren. Zum Gedenken wurden auch am Freitag die Namen der 14 Kinder verlesen und Rosen an der Skulptur niedergelegt.
Einem anderen Aspekt der Nazi-Willkür in Otterndorf widmete sich Manfred Mittelstedt (Cuxhaven). Er rückte den Tod mehrerer Helgoländer Widerstandskämpfer in den Mittelpunkt, die kurz vor Kriegsende zum Tode verurteilt worden waren. Das Todesurteil bestätigte damals Konteradmiral Rolf Johannesson, der mit seiner Familie in Otterndorf lebte. Johannesson ignorierte die Bitte des Marinepfarrers um Aufschub der Hinrichtung. Die Männer wurden in Sahlenburg erschossen.
Johannesson machte nach dem Krieg in der Bundeswehr Karriere. Fassungslos zeigte sich Mittelstedt, dass an der Marineschule in Mürwick auch heute noch in ehrenvoller Weise an Johannesson erinnert werde. Das müsse sich endlich ändern.

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