Den Bischofsstab verwendet Ralf Meister gewöhnlich nicht bei öffentlichen Auftritten. Aus inhaltlichen Gründen machte er am Sonntag eine Ausnahme. Foto: Koppe
Den Bischofsstab verwendet Ralf Meister gewöhnlich nicht bei öffentlichen Auftritten. Aus inhaltlichen Gründen machte er am Sonntag eine Ausnahme. Foto: Koppe
500 Jahre "Reformation von unten"

Landesbischof zu Gast in Altenbruch: Gedanken zum Bild des "Hirten"

von Kai Koppe | 10.05.2026

Ralf Meister war zum Gottesdienst in St. Nicolai angereist und hatte seinen  Bischofsstab mitgebracht - ausnahmsweise. Denn eigentlich sieht der 64-Jährige die Insignien kirchlicher Macht kritisch. 

Spannender Moment: In Gegenwart prominenter Gäste wurde im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst vor den Kirchenpforten von St. Nicolai das aus Tonkacheln zusammengesetzte Kunstwerk enthüllt. Foto: Koppe
"Spitze, dass du da bist": Mit Musikeinlagen und einer Spielszene trugen Kinder wesentlich zur Gestaltung des Gottesdienste in St Nicolai bei. Foto: Koppe
Unter Anleitung der Töpferin Petra Sassen gestalteten Kinder der Grundschule Altenbruch knapp 130 Kacheln. Foto: Koppe

Gott in der Rolle des guten Hirten: Einer der bekanntesten Texte der Bibel kreist um diese Metapher, die am vergangenen Sonntag im Mittelpunkt eines prominent besetzten Gottesdienstes in Altenbruch stand. An dessen Ende wurde ein Kunstwerk enthüllt, doch zuvor ging es in St. Nicolai um die Frage, in welcher Weise die Kirche jenes auf ihre Seelsorger übertragene Hirtenbild lebt - und gelebt hat.

Nicht von ungefähr wurde das Thema in einer Veranstaltungsreihe behandelt, in der die Kirchengemeinde an ein 500 Jahre zurückliegendes Ereignis erinnert.

Kritischer Blick in die Kirchengeschichte

Es geht um die "Reformation von unten", die sich in Land Hadeln anno 1526 ihren Weg bahnte - aus der Erkenntnis heraus, dass der Umgang, den der damalige Kopf des Bistums Bremen mit den ihm anbefohlenen "Schäfchen" pflegte, ebenso gar nichts mehr mit dem biblischen Trostbild des Hirtens gemein hatte.

Vielleicht war es ein vom heutigen Altenbrucher Pastor Erik Neumann erkanntes "Revoluzzer-Gen", vielleicht auch einfach nur Mut, der die Altenbrucher damals bewog, sich vom ausbeuterischen Klerus loszusagen und die Glaubensgeschicke in die eigene Hand zu nehmen.

Repressalien, wie es sie in der Kirchengeschichte immer wieder gegeben haben mag, waren am Sonntag also ein Thema. Pastor Neumann, Superintendentin Kerstin Tiemann, aber auch die beiden Gäste - nämlich der katholische Dechant Christian Piegenschke und der aus Hannover angereiste Bischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche, Ralf Meister - erwähnten in diesem Rahmen unter anderem eine brandaktuelle Debatte um sexualisierte Gewalt: "Wir wissen, wie oft Pastoren ihr Hirtenamt missbraucht haben", betonte Meister in seiner Predigt.

Zuvor hatte der Landesbischof seine zwiespältige Haltung gegenüber kirchlichen Machtinsignien zum Ausdruck gebracht. Einen silbernen Bischofsstab, der wegen seines historischen und vermutlich auch materiellen Wertes im Kloster Loccum unter Verschluss gehalten wird, verwende er "eigentlich nur zweimal im Jahr", bei internen Zeremonien. Am Sonntag hatte Ralf Meister diesen Stab mit nach Altenbruch gebracht - weil er das Hirten-Thema in seinen widerstreitenden Facetten anschaulich machte. Nicht zuletzt ging es aber auch um eine Geste an die den Gottesdienst mitgestaltende Kirchenjugend, die den Stab zwischendurch entführen durfte.

Hirtenbild aus 130 von Kindern gestalteten Kacheln

"Wir hören und lernen in dieser Welt", so der Bischof, "von den Kindern". Wie wahr das ist, erfuhren Gemeindemitglieder kurz darauf vor der Kirchentür: Nachdem der Gottesdienst mit einem alten, vom Kirchenchor intonierten Barclay-James-Harvest-Hit ausgeklungen war, enthüllten Altenbrucher Grundschüler ein Keramikmosaik. Zusammengesetzt aus circa 130 von Kinderhand gestalteten Kacheln, zeigt es eine moderne Interpretation des Bibel-Psalms 23 ("Der Herr ist mein Hirte"), die nicht nur während der Reformation-Veranstaltungsreihe einen Hingucker bildet.

Ein in den Rasen eingelassener Betonsockel sorgt dafür, dass das unter Anleitung der Altenbrucher Töpferin Petra Sassen entstandene Kunstwerk über Jahre hinweg erhalten bleibt. In Gesprächen während der Arbeit an den Teilen des 95 mal 145 Zentimeter großen Mosaiks hätten die Nachwuchskünstler erkennen lassen, dass sie sich in der Rolle des "guten Hirten" ganz unterschiedliche Personen vorstellen können, so Petra Sassen. "Eltern, Großeltern, aber auch Verstorbene."

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Kai Koppe

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