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Eine Teilnehmerin des Fahrtrainings für Senioren ab 65 Jahren. Ältere Autofahrer sind im Straßenverkehr oft überfordert, sagen Unfallforscher.
Eine Teilnehmerin des Fahrtrainings für Senioren ab 65 Jahren. Ältere Autofahrer sind im Straßenverkehr oft überfordert, sagen Unfallforscher.
Tipps für Senioren und Angehörige

Fahrtauglichkeit im Alter - auch im Kreis Cuxhaven ein höchst sensibles Thema

von Wiebke Kramp | 09.10.2026 Zuletzt aktualisiert: 09.10.2026 18:56 Uhr

Auch Kreis Cuxhaven steht die Fahrtauglichkeit älterer Menschen auf dem Prüfstand. Von emotionalen Familiengesprächen bis zu innovativen Projekten reichen die Ansätze, um Senioren eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr zu ermöglichen.

Vier Fragen an den Hausarzt Philipp Dietz (Hemmoor):

1. Gerade im Hinblick darauf, dass einige Sinne im Alter nachlassen, gibt es doch bestimmt Anzeichen und Warnsignale, ab wann es nicht mehr angebracht ist, sich selbst hinters Steuer zu setzen, um nicht zu einem Risiko für sich selbst und andere zu werden. Auf welche solcher Vorzeichen sollten und können Senioren selbst achten?

Bei jeglicher Art von Sinnestrübungen, Gangstörung, Sehminderung (vor allem im Dunkeln), vermindertem Reaktionsvermögen, Bewegungseinschränkung im Halswirbelsäulenbereich sowie zum Beispiel arthrosebedingte Gelenkbeschwerden oder Verformungen der Hände oder Füße. 

2. Wie sieht es mit Medikamenten aus - wenn Sie als Hausarzt bestimmte Medikamente verordnen, die das Fahrvermögen beeinträchtigen könnten, thematisieren Sie das im Arztgespräch und legen ans Herz, aufs Autofahren zu verzichten?

Ja, das tun wir, wir klären über die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigende Medikamente auf. 

3. Und was könnten Angehörige tun, um ihre Eltern/Großeltern zu ermuntern, das Fahrvermögen regelmäßig zu überprüfen. Gibt es vielleicht Tipps, zum Beispiel, wie regelmäßige Überprüfungen des Hör-, Seh- und Reaktionsvermögens erfolgen sollten?

Man kann beim Optiker und beim Hörgeräteakustiker Tests machen, die teilweise umsonst oder zumindest günstig sind. Zusätzlich hatten wir einen über 90‑jährigen Patienten, der regelmäßig zu einem Fahrsicherheitstraining gegangen ist, um die Fahrtauglichkeit und die Reaktionsgeschwindigkeit zu überprüfen. 
Hierzu muss man aber sagen, dass gerade hier auf dem Land ohne Auto häufig einfach nichts geht und soziale Kontakte nicht gehalten werden können. Wir erleben es häufig, dass aus diesem Grunde gefährliches Verhalten von Senioren an den Tag gelegt wird ("das Autofahren geht einfacher als das Laufen"). 

4. Was halten Sie als Mediziner davon, dass Kommunen Anreize wie kostenloser ÖPNV als Motivationshilfe geben - in Bremerhaven zum Beispiel erhält man bei Abgabe lebenslange Busfreikarten?

Das finde ich großartig. Hier auf dem Land gibt es den Bürgerbus, der auch teilweise sehr genutzt wird und stündlich fährt. Auch die schön hohen Kosten für Benzin machen das Autofahren ja zunehmend unattraktiv. Es gab bereits Patientinnen und Patienten, die ihr Auto verkauft haben und sich von dem Geld, dem gesparten Benzin und Steuern und Versicherungen überall sehr gemütlich mit dem Taxi haben hinfahren lassen und waren dennoch günstiger unterwegs.

Eine Rentnerin startet mit dem Zündschlüssel ihr Auto.

So kann das Thema  Fahrtauglichkeit im Alter angegangen werden

Mit dem Älterwerden oder durch Krankheit lässt oft das Hör-, Seh- und Reaktionsvermögen merklich nach. Doch es ist ein höchst sensibles und äußerst emotionales Thema, in diesem Zusammenhang die Fahrtauglichkeit bei den Eltern oder Großeltern anzusprechen oder sogar infrage zu stellen. Ältere Autofahrer sind im Straßenverkehr oft überfordert, sagen Unfallforscher. Dies zu thematisieren, kann in der Familie schnell zu Unmut bis hin zum Streit führen.

Selbstreflexion ist zwar wünschenswert, bleibt aber oft illusorisch, schildern betroffene Angehörige deckungsgleiche Erlebnisse mit ihren meist über 80 Jahre alten Eltern. Gut meinende Ratschläge und geäußerte Besorgnis werden bestenfalls ignorierend vom Tisch gewischt. Ungemütlich wirds, wenn sie als Übergriffigkeit und Bevormundung verstanden werden. Sich einzugestehen, dass einen Altersgebrechen einschränken, und damit einhergehender Verzicht auf Mobilität im eigenen Auto, bedeutet für die betagten Menschen einen tiefen Einschnitt in ihr selbstbestimmtes Leben. Daher wird Angehörigen geraten, sich diesem Komplex möglichst feinfühlig anzunähern.

Wie aber bringt man Seniorinnen und Senioren dazu, sich diesem Bereich offen und ehrlich zu stellen - und tatsächlich aufs Autofahren zu verzichten, wenn alle Anzeichen dagegen sprechen? Wer weniger als 1000 Kilometer im Jahr mit dem Pkw fährt, sollte darüber nachdenken, ob sich der Unterhalt eines Fahrzeuges noch lohnt oder es sich sogar rechnen würde, auf Busse,, Bahnen und Taxis umzusteigen. 

Zeichen schwindender Fahrtauglichkeit lassen sich häufig früh erkennen. Ein Tipp für Angehörige von verschiedenen Verkehrsexperten ist, im Auto mitzufahren. Dabei können auf plötzlich verlangsamte Bewegungen und Körpersteifigkeit geachtet werden. Empfohlen wird, auf den Schulterblick zu achten sowie auf die Beweglichkeit von Kopf, Hals und Schultern. Hingeschaut werden sollte auch beim Ein- und Aussteigen ins Fahrzeug sowie darauf, ob Hände und Beine genügend Kraft haben, um im Notfall überhaupt das Lenkrad zu halten oder die Bremse zu treten.  

Bundesweit gibt es keine einheitliche Regelung für Senioren, den Führerschein abzugeben. Daher haben viele Städte, Landkreise und Verkehrsverbünde eigene Aktionen ins Leben gerufen. Die entsprechenden Tausch-Prämien sind fast immer kostenlose oder stark vergünstigte Tickets für Bus und Bahn. In Hannover gibt es zum Beispiel die Aktion "Fahrschein statt Führerschein", das ist eine kostenlose Seniorennetzkarte für ein Jahr.

Lebenslanges Gratis-Ticket in Bremerhaven

Bremerhaven geht sogar noch einen Schritt weiter, Menschen zu motivieren, ihre Fahrtauglichkeit auf den Prüfstand zu stellen. Da kommt das Projekt "Umsteigen70" ins Spiel. Senioren ab dem 70. Lebensjahr mit Hauptwohnsitz in Bremerhaven, die ihren Führerschein dauerhaft abgeben, erhalten im Gegenzug ein kostenloses, lebenslang gültiges ÖPNV-Ticket für das Stadtgebiet von Bremerhaven. Die Ortspolizeibehörde Bremerhaven, die Verkehrswacht Bremerhaven, das Bürger- und Ordnungsamt und BremerhavenBus gestalten diese Aktion gemeinsam. Mark Schröder, stellvertretender Pressesprecher des Magistrats Bremerhaven teilt auf Nachfrage von CNV-Medien mit: "Laut Bremerhaven Bus besteht das Angebot ‘Umsteigen70‘ seit April 2023. Es wurde direkt sehr gut angenommen. Inzwischen nutzen rund 1450 aktive Nutzerinnen und Nutzer das Umsteigen70-Ticket."

In der Stadt Cuxhaven gibt es kein entsprechendes Angebot, war vom Pressesprecher Marcel Kolbenstetter zu erfahren. In der Samtgemeinde Land Hadeln gab es bereits einen ersten Versuch. Samtgemeindebürgermeister Frank Thielebeule teilte auf Nachfrage mit: "In der ersten Jahreshälfte 2022 haben die Gremien der Samtgemeinde Land Hadeln die befristete Einführung einer 'Schnupperkarte‘ für das Anruf-Sammel-Taxi beschlossen. Davon profitieren konnten seinerzeit jene Personen, die aufgrund von Alter oder gesundheitlichen Einschränkungen ihren Führerschein freiwillig abgegeben haben. Im Rahmen dieses Angebotes haben diese Personen über die 'Schnupperkarte‘ fünf Fahrten mit dem AST finanziert bekommen, um das attraktive Angebot des AST kennenzulernen und zukünftig zu nutzen. Hierfür wurden seitens der Samtgemeinde entsprechende finanzielle Mittel eingeplant. Über eine Wiederholung dieser Aktion werden wir uns in der Besetzung der zukünftigen Gremien austauschen."

Carsten Bode ist bei Polizeiinspektion Cuxhaven Präventionsbeamter und gleichzeitig ehrenamtlich bei der Verkehrswacht aktiv. Von solchen Anreizen bei freiwilliger Führerscheinabgabe hält er viel, weiß aber gerade für den ländlichen Raum um die Beschränktheit des öffentlichen Personennahverkehrs.  Carsten Bode betont: "Gerade im ländlichen Bereich ist es für viele erstrebenswert, so lange wie möglich den Führerschein zu behalten, um flexibel mobil zu bleiben. Und am besten erreicht man dies über Trainings."  Besonders viel hält er vom Programm "Fit im Auto" der Landes-Verkehrswacht. Es richtet sich ausdrücklich an Seniorinnen und Senioren, damit sie sicher selbstständig im Straßenverkehr unterwegs sind. Möglich, so Bode, sei aber auch, bei  einem Fahrlehrer eine Fahrstunde als Überprüfungsfahrt für die eigene Fahrsicherheit zu buchen. Als Polizeibeamter kennt er die Tücken. Etwa, dass es schwieriger werde, die Pedale bedienen zu können. So laufe man Gefahr , das Gas- und Bremspedal zu verwechseln. Großes Thema seien gerade bei Senioren Parkplatzunfälle. Ziel müsse natürlich sein, sicher am Straßenverkehr teilzunehmen, und da wünsche man sich schließlich entsprechende Selbstreflexion, so Bode. 

Präventionsbeamter Carsten Bode empfiehlt den Besuch von Fahrtrainings.

Trainingsprogramm für über 65-Jährige

"Fit im Auto", das  Fahrtrainingsprogramm der niedersächsischen Verkehrswacht bietet Autofahrern ab 65 Jahren die Möglichkeit, das eigene Können hinterm Steuer praktisch zu testen, und es gemeinsam mit Experten zu hinterfragen. Auf einem geeigneten Übungsplatz können die Teilnehmenden unter anderem das richtige Bremsen bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten, das Einparken und Rangieren trainieren, aber auch ihre Reaktionsfähigkeit bei einer Slalomfahrt testen. Zudem fahren sie mit zwei weiteren Teilnehmern und einem Fahrlehrer auch im öffentlichen Raum und erfahren dabei, wo sie sicher sind, aber auch, was noch besser geübt werden sollte oder  worauf genauer geachtet werden muss. Dabei lernen Teilnehmende auch Wissenswertes zu hilfreichen technischen Neuerungen im Auto sowie die Änderungen in der Straßenverkehrsordnung kennen. Sie erhalten wertvolle Tipps für schwierige Verkehrssituationen.

In dieser Region bietet Verkehrswacht am Sonnabend, 24. Oktober, und am Sonnabend, 14. November, jeweils ab 9 Uhr auf dem Schützenplatz in Hemmoor, Bürgermeister-Grube-Straße,  das Programm "Fit im Auto" an. Der Kostenbeitrag beträgt 40 Euro pro Person. Die Teilnahme ist allerdings nur nach vorheriger Anmeldung möglich. Interessierte wenden sich an Helmut Möller von der Verkehrswacht Börde Lamstedt unter Telefon (04771) 4761 oder per E-Mail an helmut.moeller@ewetel.et.

Das ist der rechtliche Hintergrund

Grundsätzlich muss kein Autofahrer ohne Grund seinen Führerschein abgeben. Im Alter können aber körperliche oder geistige Ausfallerscheinungen eine Entziehung rechtfertigen. Zweifelt die zuständige Führerschein-Behörde die Fahreignung an, kann beispielsweise die medizinische Untersuchung angeordnet werden.

Als fahrtauglich gilt laut Straßenverkehrsgesetz, wer körperlich und geistig dazu in der Lage ist. Wer ein Fahrzeug führen möchte, muss sicherstellen, dass er oder sie niemanden dabei gefährdet, heißt es in Paragraf 2. Dazu zählen zum Beispiel ausreichende Sehfähigkeit oder uneingeschränkte Motorik sowie Kenntnisse über die Straßenverkehrsordnung.

Wer nachweislich unter Einfluss von berauschenden Mitteln wie Alkohol, Drogen, aber auch von bestimmten Medikamenten mit dem Auto fährt, drohen für diese Ordnungswidrigkeit 500 Euro Bußgeld sowie zwei Punkte in Flensburg und ein einmonatiges Fahrverbot. Wer bei  expliziten Ausfallerscheinungen und einer auffälligen Fahrweise nicht mehr in der Lage ist, ein Fahrzeug sicher zu führen, begeht eine Straftat. 

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Wiebke Kramp

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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