Flussporträt: Burkhard Müller ist der Elbe von der Quelle bis zur Mündung gefolgt
Die Elbe ist mehr als ein Fluss. Sie ist sensible Lebensader für Mensch und Natur, ein Ort der Geschichte und der Geschichten. Burkhard Müller hat dem 1091 Kilometer langen Strom ein literarisches Porträt gewidmet. Wir haben mit ihm gesprochen.
Der Rhein und die Donau sind oft besungen worden. Das haben der zum Mythos verklärte Vater Rhein und die schöne blaue Donau, die im Walzer von Johann Strauss gefeiert wird, der Elbe voraus, dem drittgrößten, aber weit weniger beachteten deutschen Strom. "Warum ist es am Rhein so schön?", fragt das Volkslied. Warum es an der Elbe so schön ist, das fragt nun der Autor Burkhard Müller in seinem neuen Buch "Die Elbe - Porträt eines Flusses".
Der an der Technischen Universität Chemnitz lehrende Germanist und Dozent für Latein hat für den 304 Seiten langen Band zehn Reisen an die Elbe unternommen. Er war mit dem Auto, zu Fuß und auf Schiffen unterwegs. Müller führt die Leser entlang des Flussufers von Tschechien bis an die Nordsee und zugleich durch Jahrhunderte europäischer Geschichte. Sein Buch ist eine Mischung aus Reise-Essay, Flussbiografie und Kulturgeschichtsführer. Im Interview erzählt der 64-Jährige, wo an der Elbe es ihm besonders gut gefallen und warum er Cuxhaven auf seiner Reise ausgelassen hat.
Herr Müller, Sie leben in Chemnitz. Hatten Sie schon vor den Recherchen für Ihr Buch ein besonderes Verhältnis zur Elbe?
Ja, eigentlich schon. Ich lebe nahe am Fluss Chemnitz. Die Chemnitz mündet in die Zwickauer Mulde, die sich ein Stück weiter mit der Freiberger Mulde zur Mulde vereinigt, welche wiederum bei Dessau die Elbe erreicht. Ich lebe also an einem Elbenebenfluss dritten Grades. Die Elbe ist hier immer präsent.
Warum ist die Elbe im Gegensatz zum Rhein eher ruhmlos und nicht so besungen?
Der Rhein ist der Fluss des alten Westens und hatte immer eine besondere Bedeutung, beispielsweise im Abwehrkampf gegen die Franzosen: "Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein." Das alles fehlt bei der Elbe. Die Elbe war zwar zentral für das alte Reich und für das Deutsche Reich, das später kam, aber dann kam die deutsche Teilung und die Elbe fiel fast zur Gänze an den Osten und damit war sie weg.
Sie haben für Ihr Buch zehn Reisen an die Elbe unternommen. Wo hat es ihnen am besten gefallen?
Die größte Überraschung war für mich die tschechische Elbe. Die kannte ich so gut wie überhaupt nicht - und ich glaube, dass es den meisten Menschen so geht. Die ersten 300 bis 400 Kilometer fließt die Elbe durch das nordöstliche Böhmen. Dort gibt es schöne alte Städte, wunderschöne Landschaften, große Schlösser, Casanovas Grab und alles Mögliche andere, wovon man im Westen größtenteils keine Ahnung hat.
Sie stellen im Buch den Extremschwimmer Joseph Heß vor, der die Elbe in ihrer ganzen Länge abgeschwommen hat. Wie haben Sie ihn kennengelernt?
Eigentlich hätte ich ihn schon lange kennen sollen, denn wir arbeiten an derselben Universität. Kennengelernt habe ich ihn aber erst durch eine gemeinsame Bekannte. Sie hat uns zusammengebracht. Und sie sagte zu mir: "Der Kerl ist doch was für dich."
Hat er Sie zum Schwimmen in der Elbe verleiten können?
Ich schwimme sehr gern, aber ich bin natürlich kein Sportler. Ich schwimme zur Erholung und um mich abzukühlen. Wir haben uns gut verstanden. Er schwimmt ja pro Tag über 50 Kilometer, das schaffe ich kaum mit dem Fahrrad.
Der Bereich der Elbmündung kommt in Ihrem Buch aus unserer Sicht ein wenig zu kurz. Waren Sie während Ihrer Buchrecherchen in Cuxhaven oder Otterndorf?
Nein, ich bin bis Brunsbüttel gekommen und da sieht man das andere Ufer nur noch mit Mühe. Da habe ich gedacht: Bis hierhin geht meine Elbe.
Sie können ja noch eine Fortsetzung schreiben...
(Burkhard Müller lacht) Ja, über die letzten 30 Kilometer der Elbe. Vielleicht.
Die Elbvertiefung wird von vielen Menschen in unserer Region kritisch gesehen. Was meinen Sie: Sollte man in den natürlichen Lauf eines Flusses eingreifen?
Es gibt in Mitteleuropa wohl kaum noch einen größeren Fluss, der wirklich natürlich ist. Seit Jahrtausenden sind die Flüsse immer behandelt worden, auch und gerade die Elbe bei Hamburg. Es ist also nicht so, dass hier in einen Naturzustand eingegriffen wird. Aber man muss sich schon genau überlegen, ob eine Vertiefung der Fahrrinne wirklich sinnvoll ist. Ich sehe solche großen Bauprojekte inzwischen skeptisch. Ich erinnere mich noch genau an den Bau des Main-Donau-Kanals, der als das große Jahrhundertprojekt verkauft wurde. Aber heute läuft er kaum.
Arbeiten Sie bereits an einem neuen Buchprojekt? Nehmen Sie sich einen neuen Fluss vor?
Nein, ich gönne mir erst einmal ein bisschen Ruhe. Ich habe in meinem Leben schon 14 Bücher geschrieben, darunter drei Reisebücher. Mein nächstes Buch wird kein Reisebuch sein. Ich brauche ein wenig Abwechslung.

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