Gespräch mit der Cuxhavener Superintendentin Kerstin Tiemann über Gott und die Welt
Kreis Cuxhaven. Es ist das erste Weihnachten, das die neue Superintendentin für den Kirchenkreis Cuxhaven-Land Hadeln, Kerstin Tiemann, hier verbringt. Gute Gelegenheit, sich mit ihr über Gott und die Welt auszutauschen.
Es ist das erste Mal seit 18 Jahren, dass Kerstin Tiemann Heiligabend nicht auf der Kanzel steht und predigt. Damals war ihr Zweitältester gerade geboren. Diesmal ist der Grund alltäglicher. Der Dienstplan war schon geschrieben, bevor die neue Superintendentin des Kirchenkreises Cuxhaven-Land Hadeln ihren Dienst vor knapp drei Monaten angetreten hat. Aller Voraussicht nach, kann die Pastorin den Weihnachtsgottesdienst auf dem Kirchplatz in Otterndorf als Besucherin genießen, während ihr Mann als Mitglied des Posaunenchores aktiv zur Gestaltung beiträgt.
Im Himmelreich dem Paradies ganz nah
Im Harlinger Land war die letzte Pfarrstelle der gebürtigen Hannoveranerin. "Wir haben dort im Kirchhofsacker gewohnt. Jetzt leben wir im Himmelreich - dem Paradies war ich noch nie so nah", schmunzelt Kerstin Tiemann. Sie und die Familie sind in Otterndorf angekommen. Die beiden jüngeren Söhne, 18 und neun Jahre alt, sind mit in die Superintendentur eingezogen und besuchen die Schulen in Otterndorf. Ihr Mann der in einer dreiviertel Stelle beim Kirchenkreisamt in Aurich tätig ist, fährt montags nach Ostfriesland und kehrt Donnerstagabend nach Otterndorf zurück. Das hat sich bei den Tiemanns gut eingependelt.
Es wird erwartet, dass sie einmal im Monat in der Kirchengemeinde in Otterndorf, Neuenkirchen oder Osterbruch predigt.
Superintendentin Kerstin Tiemann steht für gelebte Ökumene. So hat sie bereits bei der Katholischen Nikolausvesper in Otterndorf gepredigt und hat und hat im Januar einen Predigttermin bei der Freien evangelischen Gemeinde in Cuxhaven.
Auch wenn nicht so massiv wie im Landesdurchschnitt, so hat der demografische und gesellschaftliche Wandel den Kirchenkreis erreicht und die Mitgliederzahlen sinken. Menschen an die Kirche zu binden, beginne schon im Kindergarten: "Ich bin froh und dankbar, dass wir hier Kindertagesstätten in einer hohen Qualität führen", betont die Superintendentin. Dort fänden sich pädagogische und religionspädagogische Expertise und es würden Rituale gelebt. Auch die Pastorinnen und Pastoren sowie Diakoninnen und Diakonen selbst schafften Bindung und Heimatgefühl. Sehr gut aufgestellt sieht die Theologin in ihrem Kirchenkreis den Bereich Jugendarbeit ."Wir verstehend uns als eine einladende Kirche für Jugendliche, aber natürlich auch für die Senioren. Und Kerstin Tiemann weiß, wie wichtig der ehrenamtliche Bereich in ihren Kirchengemeinden ist.
"Große Qualität unsere Kirchenmusik"
Sie freut sich über das "hochklassige Angebot und die große Qualität unserer Kirchenmusik, die geprägt ist durch die herausragende Orgellandschaft". Ergänzend möchte sie neue Wege gehen und für Populärmusik im Kirchenkreis eine halbe Stelle schaffen.
Schon fast alle Kirchen im Kirchenkreis besucht
Einen "großen Schatz" nennt sie die die Kirchen. Sie verrät: "Ich kenne schon fast alle. Von den 32 habe ich schon 28 besucht."
Kirche bedeute mehr als Begleiterin der klassischen Lebensereignisse wie Taufe, Hochzeit und Beerdigung. Sie wolle Halt geben - besonders auch in schwierigen Zeiten wie diesen. Durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und die Auswirkungen bemerkt die Superintendentin eine zunehmende Verunsicherung. "Das Gefühlt von Angst erlebe ich phasenweise, wenn die Bedrohungslage sich verändert." Am Anfang des Krieges in der Ukraine sei dies extrem gewesen, und immer spüre man Spannung und große Sorge, wenn Eskalationen zunehmen. Es sei erschreckend, so eine Situation sei noch nie da gewesen. Man sei gezwungen, Waffen zu liefern, um die eigenen Grenze zu verteidigen und müsse Überlegungen anstellen zu welchem Zeitpunkt Friedensgesprächen taktisch klug seien. Die veränderte Lage überfordere viele Menschen. Aber dennoch müsse man sich Fragen beantworten wie: Was gibt Halt? Wonach sehnen wir uns? Was macht uns glücklich? "Im Augenblick zeigt sich, wie hoch die Bedeutung von Frieden und echter Wärme ist", sagt die Superintendentin. "Es gibt etwas, was dauerhaft glücklich macht, Halt gibt und Mitte bietet: Es ist der Blick in die Krippe." Kerstin Tiemann verweist auf Kolosser 2,3-10: Im Geheimnis Gottes, das Christus ist, liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen. "Dies ist die Vergewisserung, dass wir gehalten werden. Wir tragen Verantwortung, aber werden begleitet in dem Leben aus Hoffnung. Es ist zwar noch nicht alles heil, aber leben die Sehnsucht, dass alles heil wird."
Weihnachten sei ein Fest von Ritualen: "Und sie zu pflegen, tut uns allen gut", rät die Superintendentin. "Ich möchte alle ermutigen in die Kirche zu gehen. Denn unsere deutsche Weihnachten mit den Bäumen und unseren Weihnachtsliedern wie 'Stille Nacht‘ sind ein Schatz. Damit haben wir etwas, das wir pflegen sollten. Weil es uns von innen wärmt und uns Halt gibt. Weihnachten bringt uns zusammen und richtet den Blick auf das Wesentliche, nämlich Heil, Gemeinschaft, Frieden, gutes Miteinander und Solidarität."
Und es kann durchaus kommen, dass die Pastorin Heiligabend diese frohe Botschaft doch von der Kanzel verkündet: "Ich bin der Joker", lacht Superintendentin Tiemann, "wenn ein Pastor oder eine Pastorin aus dem Kirchenkreis krank werden sollte, habe ich schon signalisiert, dass ich übernehme."
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