Gewalttat in Stade: Sechs Tote in Mutter-Kind-Einrichtung - neue Details zum Täter
Nach der tödlichen Gewalttat in einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade haben Innenministerin Daniela Behrens, Polizei und Staatsanwaltschaft neue Details bekannt gegeben. Sechs Mitarbeitende der Jugendhilfe starben bei dem Angriff.
"Das Leid, das der Täter verursacht hat, ist schwer zu begreifen und noch schwerer in Worte zu fassen", sagte Daniela Behrens. Sie sprach am Montagabend von einer "extrem kaltblütigen Gewalttat". Gemeinsam mit der Polizeidirektion Lüneburg und der Staatsanwaltschaft Stade berichtete sie, welche Erkenntnisse inzwischen als gesichert gelten und preisgegeben werden dürfen:
Der mutmaßliche Schütze ist ein 45-jähriger türkischstämmiger Mann aus Hannover, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Er war nach Stade in eine private Mutter-Kind-Einrichtung gekommen, um offene Sorgerechtsfragen zu klären. Dazu hatte er in dem Haus in der Dankersstraße, in dem seine 34-jährige Ex-Partnerin und die gemeinsame drei Monate alte Tochter untergebracht waren, einen Termin vereinbart. Das Jugendamt in Hannover kooperiert mit dieser Einrichtung in Stade.

Sechs Mitarbeitende der Einrichtung sind tot
Die sechs Menschen, die er bei dem Termin angriff, waren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter "aus dem Umfeld der Jugendhilfe-Einrichtung", so die Polizei. Als der Mann auf sie schoss, waren die Frau und das Kind nicht im Raum. Vier von ihnen starben sofort, einer noch während eines Renanimationsversuchs vor Ort. Eine weitere Person erlag später im Krankenhaus ihren Verletzungen.
Der Schütze, der für die von ihm geführte Schusswaffe keine Waffenerlaubnis hatte, flüchtete in einem Mercedes AMG. Die Polizei schoss noch in die Reifen und traf sie auch. Sie konnte die Fahrt damit aber vorerst noch nicht stoppen. Die Polizei musste den Wagen bis Haddorf verfolgen: Am Steuer des Fluchtfahrzeugs, dessen Reifen inzwischen geplatzt waren, saß eine 65-jährige Verwandte des Schützen. Beide wurden zu Boden gebracht, kontrolliert und mitgenommen. Auf der Flucht soll der Mann wiederholt Beamten mit der Waffe bedroht haben, hieß es am Rande der Pressekonferenz.

Polizeiführung lobt Stader Einsatzkräfte
Jörg Wesemann, Vize-Polizeipräsident der Polizeidirektion Lüneburg, lobt die Stader Polizei dafür, wie "schnell, besonnen und umsichtig" sie handelte. Laut Polizeipräsidentin Kathrin Schuol sind neben den beiden Personen aus dem Fluchtfahrzeug noch zwei weitere Personen "in polizeilichen Maßnahmen" zur Aufklärung des weiteren Tatverhalts. Es handele sich auch um die Mutter (34). Die Tochter sei in die Obhut des Jugendamtes übergeben worden.
Außerdem nahm die Polizei die 65-jährige Frau in Gewahrsam, die Fahrerin des Fluchtfahrzeugs weise nach derzeitigem Erkenntnisstand "eine enge Verbindung zur Familie auf".
Alle Bewohner der Einrichtung konnten schnell und ohne körperliche Verletzungen in Sicherheit gebracht werden. Auf die Frage, ob das Verbrechen in Zusammenhang mit einem Stader Clan stehe, dementierten Kathrin Schuol und Daniela Behrens entschieden kursierende Gerüchte. "Es gibt keinen politischen oder wirtschaftlichen Hintergrund, nur einen familiären", betonte Behrens.

"Unsere Gedanken sind bei allen Opfern, bei den Familien und Freunden und bei all denen, die die diese brutale Tat miterleben mussten", sagte Polizeipräsidentin Kathrin Schuol.
In den kommenden Tagen werden der Täter und seine Motivlage im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen, aber weiterhin auch die Betreuung der Opfer und ihrer Angehörigen eine wichtige Rolle spielen.
Polizei bildet eine Mordkommission
Wie Jörg Wesemann ankündigte, soll in enger Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Stade, die Herrin des Verfahrens ist, eine Mordkommission gebildet werden. Laut dem leitenden Oberstaatsanwalt Dr. Burkhard Vonnahme soll der Schütze am Dienstag einem Haftrichter am Amtsgericht Stade vorgeführt werden, um über einen Haftbefehl zu entscheiden. Nur ein Richter kann Untersuchungshaft anordnen. Das muss laut Gesetz binnen 24 Stunden erfolgen.

Auch Ministerpräsident Olaf Lies drückte seine Anteilnahme aus: "Die Vorkommnisse in Stade sind erschütternd und machen die gesamte Landesregierung tief betroffen. Wir sind in Gedanken bei den Opfern, deren Familien und Freunden und bei allen, die das furchtbare Geschehen miterleben mussten. Wir trauern um die Menschen, die ihr Leben verloren haben. Wir wünschen den Verletzten eine möglichst schnelle und vollständige Genesung."

Er dankte allen Einsatzkräften, die in dieser schwierigen Situation, schnell und entschlossen gehandelt sowie Trost gespendet und Hilfe geleistet haben. Die zuständigen Behörden arbeiteten intensiv daran, die Hintergründe der schockierenden Tat aufzuklären.
Sein Appell: "Ich bitte alle darum, jetzt keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und den Ermittlungen den nötigen Raum zu geben - es ist jetzt die Zeit für Trauer, Anteilnahme und sachliche Ermittlungsarbeit und nicht für Spekulationen und Verunsicherung."
Auch die Landtagsabgeordneten Corinna Lange (SPD) sowie Melanie Reinecke und Birgit Butter (beide CDU) waren im Kreishaus und zeigten sich tief betroffen.

Kreistag legt Schweigeminute ein
Bereits am Nachmittag hatte der Kreistag eine Schweigeminute eingelegt. Erster Kreisrat Thorsten Heinze sagte: "Wir müssen realisieren, dass sich in Stade heute eine schreckliche Bluttat zugetragen hat, bei der durch Schüsse mehrere Menschen getötet wurden. Wir trauern um die Opfer und sprechen den Hinterbliebenen unser Mitgefühl aus. Dank an die Polizei und Hilfskräfte, die das Einsatzgeschehen bewältigen."

Landrat Kai Seefried war vor Ort. Das Katastrophenschutzteam des Landkreises Stade organisierte die Unterbringung der Mütter und Kinder, Mitarbeiter kauften Windeln und Babynahrung ein. "Heute ist ein trauriger Tag, weil er so viel Leid mit sich gebracht hat. Ich bin zutiefst erschüttert über die abscheuliche Gewalttat heute Mittag in Stade. In meinen Gedanken bin ich bei den Opfern, ihren Familienangehörigen und Freunden", sagte Landrat Kai Seefried und betonte: "Ihnen gilt mein aufrichtiges Mitgefühl. Gleichzeitig danke ich allen Einsatzkräften, Seelsorgern und Betreuern vor Ort von Herzen für ihre großartige Arbeit. Das alles ist schwer erträglich."
Bundeskanzler ist erschüttert
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) teilte am Abend bei X mit: "Die Nachricht aus Stade erschüttert bis ins Mark. Viele Menschen, die helfen und schützen wollten, haben ihr Leben verloren oder wurden verletzt. Mein Mitgefühl gilt den Opfern und ihren Angehörigen. Ich danke den Polizisten und Polizistinnen für ihren schnellen Einsatz."
Von Björn Vasel und Anping Richter

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