"Don't Give Up": Wie ein Musiker aus Hemmoor schwere Zeiten vertont
Nach einer Krebserkrankung verarbeitet Johannes Esselborn aus Hemmoor seine Erfahrungen in Musik und einem Begleitbuch für Patienten. Der Erzieher und Musiker erzählt von Therapie, Hoffnung - und davon, wie Krisen neue Songs entstanden.
Gitarren hängen an der Wand, ein Klavier steht in der Ecke, mit grauem Stoff bespannte Akustikelemente verteilen sich im Raum. Vor Johannes Esselborn leuchtet ein Bildschirm voller Tonspuren: übereinandergelegte Stimmen, Gitarrenflächen, Klavierakkorde. Der nächste Song des 32-Jährigen aus Hemmoor ist in Arbeit.
Hauptberuflich arbeitet Johannes Esselborn als Erzieher und Religionspädagoge in einer Kindertagesstätte in Hechthausen. Dass Musik einmal zu seinem wichtigsten Halt werden würde, ahnte er als Kind nicht. Damals gab es Blockflötenunterricht, später E-Orgel. Irgendwann verlor er jedoch das Interesse. Die Instrumente verschwanden aus dem Alltag. Erst in der zehnten Klasse fand er auf dem Dachboden eine alte Gitarre. "Drei Monate später war ich schon in einer Kirchenband", sagt er. Unterricht hatte er nicht. "Ich habe mir alles selbst beigebracht."

Er begann, eigene Lieder zu schreiben. Anfangs stark geprägt vom christlichen Kontext, in dem er sich bewegte. Mit dem ersten selbst verdienten Geld kaufte er Mikrofone, Kabel und Aufnahmegeräte. Er richtete sich ein Homestudio ein, nahm Gesang, Bass, Gitarre und Klavier selbst auf und lud Videos ins Internet hoch. Während andere in seinem Alter auf Festivals fuhren, beschäftigte er sich mit Equalizern, Raumklang und Mikrofonabständen.
Gehörverlust und Stimmbandentzündung
Dann kam das Jahr 2020. Nach einer Infektion verlor Johannes Esselborn zeitweise sein Gehör. Nicht vollständig, aber genug, um zu erkennen: "Da habe ich gemerkt, dass mir Musik total wichtig ist." Kurz darauf entzündeten sich während der Corona-Zeit seine Stimmbänder. Stundenlange Gespräche mit Maske in der Kita, die dauerhaft angestrengte Stimme - schließlich sechs Wochen komplettes Sprechverbot. Johannes Esselborn begann, seine Stimmübungen aufzunehmen, dokumentierte Fortschritte, schrieb weiter Songs und stellte sie als Videos online.
Eines dieser Videos sah Christopher "Chris" Lass, ein deutsch-britischer Produzent. Er meldete sich bei ihm. "Du hast Talent", sagte Chris Lass zu ihm. "Aber du weißt nicht, was du da tust." Der Produzent erklärte Johannes Esselborn Produktionstechniken, Arrangements und Mixing. Daraus entstand schließlich sein erstes Album.
Song hat ihn durch Chemotherapie getragen
Im Mai 2024 erhielt Johannes Esselborn die Diagnose Krebs. "Mein Song ,Don't Give Up‘ hat mich durch die Chemo getragen", sagt der heute 32‑Jährige. In einer Hamburger Klinik lernte er Pfleger Sven kennen. Der erzählte ihm vom emotionalen Spagat seines Berufs: ein Zimmer verlassen, in dem gerade ein Mensch stirbt, und im nächsten Raum Hoffnung ausstrahlen müssen. "Kannst du darüber einen Song schreiben?", fragte er Johannes Esselborn. Er tat es. Das Musikvideo entstand später direkt im Krankenhaus.
Aus dieser Begegnung und dem Lied entstand noch etwas anderes: ein kleines Buch mit dem Titel "Breathe In, Breathe Out - Zwischen zwei Atemzügen". 56 Seiten mit Fotografien aus der Klinik, kurzen Texten und freien Seiten für Gedanken. Ein Teil der ersten Auflage gelangte über Pfleger Sven direkt auf die Station - zu Menschen, die sich selbst gerade in Behandlung befanden. Aber es ist auch in Johannes Esselborns Online-Shop erhältlich. "Das Buch soll kein Ratgeber sein", sagt Johannes Esselborn. "Es ist eher ein Begleiter für Momente, in denen Worte fehlen."
"Dunkle Zeiten gehen vorüber"
Die Songs seines ersten Albums erzählen von dunklen Zeiten und Hoffnung. Der letzte Titel heißt: "Dunkle Zeiten gehen vorüber". Manche Instrumente wie Bass, Gitarre und Klavier spielte er selbst ein, andere übernehmen Gastmusiker.
Seit dem 1. Januar produziert Johannes Esselborn auch Musik für andere Künstler. "Mit Musik Geld zu verdienen, ist schwer", sagt er. Deshalb setzt er auf Wohnzimmerkonzerte. "Man muss einen Weg finden zwischen: Was finde ich gut? Und was wollen die Leute hören?" Drei Songs seines zweiten Albums hat er bereits veröffentlicht. Darunter auch "Don't Give Up". "Also gib nicht auf", sagt Johannes Esselborn. "Auch wenn du denkst, du kannst nicht mehr. Gib nicht auf."
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