Jagdschein-Boom im Kreis Cuxhaven: Auf 100 Einwohner kommt ein Jäger
Die Jagd erlebt bundesweit einen Aufschwung - auch im Kreis Cuxhaven. Über 2000 Jagdscheininhaber, darunter viele Frauen und junge Menschen, tragen zur Artenvielfalt und zum Naturschutz bei. Der Wandel ist spürbar und bringt neue Herausforderungen.
Herr Schwanke, bundesweit gibt es so viele Jägerinnen und Jäger wie nie zuvor. Wie entwickelt sich die Zahl der Jagdscheininhaber im Kreis Cuxhaven?
Auch bei uns nimmt die Zahl der Jägerinnen und Jäger zu. Wir haben im Landkreis Cuxhaven über 2000 Jagdscheininhaber, von denen 1700 in unseren beiden hiesigen Jägerschaften Hadeln/Cuxhaven und Wesermünde-Bremerhaven organisiert sind.
Die Auswertung des Deutschen Jagdverbandes (DJV) zeigt, dass Niedersachsen zu den Bundesländern mit besonders hoher Jägerdichte gehört. Woran liegt das - und trifft das auch auf unsere Region zu?
Unser Bundesland ist ein Flächenland und sehr land- und forstwirtschaftlich geprägt - da ist die Jagd traditionell stärker verankert als in urbanen Bereichen. Jagd ist gestern wie heute ein sinnvoller Bestandteil ländlichen Zusammenlebens und erfährt hier eine hohe Akzeptanz. Da wir keine Großstädte in unserem Kreisgebiet haben, liegt die Jägerdichte bei uns mit etwa 1:100 (Jäger je Einwohner) sogar leicht über dem Landesschnitt.
Wer macht heute den Jagdschein? Beobachten Sie mehr junge Menschen oder Quereinsteiger aus der Stadt?
Die Jagd rückt immer mehr in die gesellschaftliche Mitte. In unseren Lehrgängen zur Jagdscheinprüfung haben wir zunehmend einen bunten Mix aus jungen und älteren Teilnehmern, aus allen Berufsgruppen und auch aus den Städten Bremerhaven und Cuxhaven.
Das heißt, dass auch hier im Kreis Cuxhaven der Anteil an Frauen deutlich steigt? Dem DJV zufolge stieg der Anteil der Jägerinnen zwischen 2016 und 2022 bundesweit von sieben auf elf Prozent.
Das ist auch bei uns der Fall. Mittlerweile haben wir auch immer mehr Jägerinnen in unseren Ehrenämtern - und das ist auch gut so. Frauen bringen sich hier mit ganz anderen Blickwinkeln und neuen Impulsen ein.
Was sind aus Ihrer Erfahrung die wichtigsten Beweggründe, mit der Jagd zu beginnen?
Ich persönlich nehme wahr, dass diese Beweggründe unterschiedlichsten Lebensmodellen entspringen und daher sehr individuell sind. Die zwölf häufigsten davon sind wohl Betätigung an der frischen Luft mit Hege- und Pflegearbeiten im Revier, Ruhe und Einklang, Freundschaften und die Gemeinschaft, das Erlernen der Zusammenhänge und Einzelheiten in unserer Kulturlandschaft, die Achtung der Geschöpfe, hochwertige Lebensmittel, das Essen von Fleisch vom ersten bis zum letzten Schritt selbst verantworten und erleben, Adrenalin und Selbstbeherrschung, das Leben und Arbeiten mit den Jagdhunden, im Korps der Jagdhörner musizieren, Verantwortung für ein Ehrenamt übernehmen.
Bei der Aufzählung der Beweggründe haben Sie schon die Aufgaben, die Jägerinnen und Jäger über das Erlegen von Wild hinaus übernehmen, angesprochen. Können Sie die noch konkretisieren?
Wir kümmern uns mit diversen Maßnahmen um die Erhaltung der Artenvielfalt in unserem Lebensraum, legen Hegebüsche und Blühstreifen an und pflegen diese. Wir sind in Sachen "Lernort Natur" für Schulen und Kindergärten aktiv und sind mit unserem Infomobil auf Ausstellungen und Veranstaltungen dabei, um mit Kindern und interessierten Erwachsenen unser Wissen über die heimische Flora und Fauna zu teilen. Wir gewährleisten mit unseren Ausbildern die Lehrgänge zur Jägerprüfung und nehmen diese einmal jährlich mit der von uns gestellten Prüfungskommission ab. Wir sind bei Wildunfällen zur Stelle, suchen und erlösen schwer verletzte Wildtiere, und wir betreiben Wildunfallprävention an den sogenannten Hotspots im Landkreis. Wir sind bei Tierseuchen aktive Partner unseres Veterinäramts, greifen bei Wildschäden auf land- und forstwirtschaftlichen Flächen ein und sind bei der Wolfsproblematik im kommunalen Arbeitskreis beratend aktiv. Die Nutria oder auch Biberratte ist auch in unseren Landkreis eingewandert, breitet sich explosionsartig aus und wird so zum Risikofaktor an den Ufer- und Deichböschungen - auch hier sind vermehrt die hiesigen Jäger gefragt.
Das ist ein breit aufgestelltes Aufgabenfeld. Welche Rolle spielt die Jagd im Zusammenspiel mit Landwirtschaft, Naturschutz und Küstenlandschaft hier vor Ort?
In einer Kulturlandschaft wie der unseren, gibt es nur noch wenige Flecken, in die der Mensch nicht eingreift. Eine sorgsam abgestimmte und nachhaltige Jagd hilft, das Gleichgewicht der Arten in dieser Kulturlandschaft zu erhalten und die kleinen Naturinseln darin zu pflegen und zu verbessern.

Vor welchen Herausforderungen steht die Jägerschaft aktuell - etwa durch Wolf, Klimawandel oder veränderte gesellschaftliche Erwartungen?
Der Wolf ist gekommen, um zu bleiben, und für uns bleibt rein sachlich betrachtet die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Um uns einer Antwort auf diese Frage zu nähern, müssen wir uns in Niedersachsen zügig über die Rechtssicherheit für die Jagd und ein Bestandsmanagement für dieses Großraubtier unterhalten. Jeder Wandel ist eine Herausforderung, ob im Klima oder im Leben. Die Jagd ist ebenfalls im Wandel und dadurch in Bewegung, das hat durchaus positive Aspekte. Die Jägerinnen und Jäger von heute stehen wie nie zuvor im Scheinwerferlicht und müssen sich vermehrt mit den Themen öffentliche Wahrnehmung, Akzeptanz, Jagdethik und Verhaltensweisen auseinandersetzen und hierfür bei Bedarf auch die richtigen Worte finden.
Sie haben es angesprochen: Wie erleben Sie denn die gesellschaftliche Akzeptanz der Jagd im Landkreis?
Die Akzeptanz der Jagd im Landkreis ist aus meiner Sicht hoch. Aus Umfragen wissen wir, dass in den ländlichen Regionen über 70 Prozent zur Jagd stehen und diese für erforderlich halten. Es gibt bundesweit knapp 20 Prozent erklärte Jagdgegner, die hauptsächlich aus den Metropolen beziehungsweise dem urbanen Umfeld kommen. Diese agieren so, als wären sie in der absoluten Überzahl, und erklären alle anderen für dumm. Ein bekanntes Phänomen unserer momentanen Gesellschaftsstruktur - die Minderheiten sind so laut und medial so präsent, dass die Mehrheiten denken, sie wären in der Minderheit.
Wenn Sie den Leserinnen und Lesern eine Sache über die Jagd mitgeben könnten - welche wäre das?
Machen Sie sich auf jeden Fall Ihr eigenes Bild zum Thema Jagd. Haben Sie eine Jägerin oder einen Jäger in Ihrem Bekanntenkreis? Einfach mal ergebnisoffen und ohne Vorurteile das Gespräch suchen, ein paar Dinge über unsere heimischen Wildtiere erfahren und dann bestenfalls mal mit einem Fernglas ausgerüstet mit ins Revier gehen. Oder auf unserer Homepage vorbeischauen und sich bei Interesse auf die Warteliste unseres Lehrgangs zur Erlangung des Jagdscheins setzen lassen. Egal, ob Sie anschließend aktiv jagen, Jagdhunde führen oder Jagdhorn blasen, das wird auf jeden Fall eine Wissens- und Bewusstseinserweiterung mit Tiefgang. (www.jlhc.de)