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Eine Reise in die Vergangenheit: Ausma Levalds blickt auf die Puppe, die sie 1949 von der Besatzung der „Samaria“ auf dem Weg nach Kanada als Symbol für einen Neuanfang erhielt. Foto: Larschow
Eine Reise in die Vergangenheit: Ausma Levalds blickt auf die Puppe, die sie 1949 von der Besatzung der „Samaria“ auf dem Weg nach Kanada als Symbol für einen Neuanfang erhielt. Foto: Larschow
Von Cuxhaven in die weite Welt

Kleine Puppe, große Geschichte: Warum Ausma Levalds aus Kanada Cuxhaven besucht

von Tim Larschow | 27.09.2026 Zuletzt aktualisiert: 27.09.2026 12:59 Uhr

Eine kleine Puppe lässt Ausma Levalds innehalten. Sie erinnert die 86-Jährige an jenen Tag vor mehr als 75 Jahren, als sie als Displaced Person von Cuxhaven nach Kanada aufbrechen musste. Nun ist sie an diesen Ort zurückgekehrt.

Am Sonnabend, 26. September, ist Ausma Levalds wieder dort, wo für sie vor mehr als 75 Jahren ein neues Leben begann. Die 86-Jährige betritt die Hapag-Halle in Cuxhaven. Sie geht durch den Kuppelsaal, folgt dem langen Zollgang. Schritt für Schritt nähert sie sich dem Ort, an dem ihre eigene Geschichte mit Cuxhaven verbunden ist.

In der Ausstellung bleibt sie schließlich vor einem besonderen Stück stehen: einer Puppe. Sie ist klein, unscheinbar und doch für Ausma ein Erinnerungsstück von unschätzbarem Wert.

Mit dem Cunard-Schiff "Samaria" nach Halifax

Am 22. Februar 1949 wurde auf der legendären "Pier 21" in Halifax die 50.000ste Einwanderin - eine Displaced Person - nach dem Krieg begrüßt. Die Person, der diese Ehre zuteilwurde, war Ausma Levalds. Der Bürgermeister von Halifax, J. E. Ahern, überreichte ihr eine Puppe und ein Medaillon. Eine weitere Puppe hatte sie bereits zuvor von der Besatzung des Dampfers "Samaria" bekommen, mit dem sie acht Tage zuvor gemeinsam mit ihrer Mutter Karline und ihrer älteren Schwester Rasma von Cuxhaven aus nach Kanada aufgebrochen war.

Ausma Levalds kam als 50.000ste Einwanderin 1949 in Halifax an. Foto: Archiv Koperschmidt

Doch die Puppe ist nicht die einzige Erinnerung, die sie an diesem Tag einholt. In der Ausstellung steht sie plötzlich vor einem großen Bild ihrer Familie von damals. Sie betrachtet die Aufnahme lange - Tränen in den Augen.

Die Familie stammte aus Lettland und besaß dort einen Bauernhof. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Familie von den sowjetischen Behörden enteignet. Die Heimat war verloren, eine Rückkehr keine Option. Schließlich entschlossen sich Ausmas Eltern zur Auswanderung. Die "Samaria", ein Cunard-Schiff, brachte die Familie nach Halifax. Vater und Sohn reisten schon 1948 - ein Jahr später folgten Ausma, ihre Mutter und ihre Schwester.

Mit der Familienzusammenführung in New Hamburg begann für die Levalds ein neues Leben. Die ganze Familie war am Bau eines eigenen Hauses beteiligt, das für die kleine Ausma Levalds eine behütete Kindheit bedeutete - fernab von all den Wirren und dem Lagerleben, das sie in Europa durchgemacht hatte.

Die Levalds wurden kanadische Staatsbürger und hielten regen Kontakt mit den anderen Angehörigen der beachtlichen lettischen Gemeinde in Kanada. So besuchte Ausma mehrere Jahre an den Wochenenden eine lettische Schule in Hamilton.

Ausma selbst wurde Grund- und Sonderschullehrerin, zunächst von 1961 bis 1972 in Toronto. Dort heiratete sie 1964 William Rowberry, auch ihr Sohn Andrew wurde hier geboren. Nach einem Jahr in Ottawa und der Trennung von ihrem Mann zog sie 1973 mit Andrew nach Peterborough in Ontario, wo sie bis zu ihrer Pensionierung unterrichtete.

1974 zogen ihre Eltern zu ihr nach Peterborough in ein gemeinsam gekauftes Haus. Der Vater verstarb 1996, die Mutter im Jahr 2000. Ihr Sohn Andrew wohnt heute mit seiner Frau Pam und Sohn Brock in Windsor/Ontario, fünf Autostunden von Peterborough entfernt.

Die Aufnahme durch Kanada, ihre Einbürgerung und das Bewusstsein, hier einen sicheren Hafen gefunden zu haben, haben ihr Leben wesentlich geprägt, erzählt sie heute.

Dass ihre Geschichte Jahrzehnte später wieder nach Cuxhaven führte, ist auch Horst Kooperschmidt zu verdanken. Das Mitglied des Fördervereins Hapag-Halle und ein lebendes Lexikon der maritimen Cuxhavener Geschichte arbeitete Anfang der 2000er an einer Ausstellung zum 100-jährigen Jubiläum der Hapag-Halle. Für die Ausstellung "LINERS - Die letzten Jahre …" suchte er nach Menschen, deren Geschichte mit der Halle und der Auswanderung verbunden war. Auf einem Bild entdeckte er Ausma.

Kooperschmidt wollte Kontakt zu ihr aufnehmen, um mehr über ihre Geschichte zu erfahren. Dabei half Wendy Bonk. Die gebürtige Engländerin lebte eine Zeit lang in Cuxhaven und war ebenfalls Mitglied im Förderverein. Sie machte es sich zur Aufgabe, Ausma zu finden. In Kanada suchte sie in einem Telefonbuch und fand drei Nummern - eine davon gehörte schließlich Ausma Levalds.

Am Steubenhöft begann die Reise ins Ungewisse

So kam es, dass Ausma 2002 zum Jubiläum in die Hapag-Halle nach Cuxhaven kam und dort ihre Geschichte erzählte. Sie brachte auch die Puppe mit, die sie einst an Bord der "Samaria" erhalten hatte. Anschließend schenkte sie die Puppe dem Förderverein Hapag-Halle Cuxhaven. Ihre Worte dabei: "She is coming home."

Die Freundschaft zwischen Wendy Bonk und Ausma Levalds besteht bis heute. Die 86-Jährige kommt einmal im Jahr aus Kanada nach Deutschland. Als Überraschung organisierte Bonk dieses Mal in Zusammenarbeit mit dem Förderverein den Besuch in Cuxhaven.

Bei Kaffee und Kuchen im Büro Elbstrom wird anschließend viel erzählt. Zwischendurch fällt Ausma Levalds' Blick immer wieder durch die Fenster auf die Elbe und die Pier. Mit 86 Jahren ist sie noch einmal an den Ort zurückgekehrt, an dem vor mehr als 75 Jahren eine Reise ins Ungewisse begann.

"Die Besuche hier in Cuxhaven haben mir geholfen, zu verarbeiten und zu verstehen, was damals passiert ist. Als Kind konnte ich das noch nicht."

Ausma Levalds (l.) wurde von Mitgliedern des Fördervereins Hapag-Halle durch die Ausstellung begleitet. Foto: Larschow

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Tim Larschow

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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