Wolfssichtungen in Otterndorf und Altenwalde - Video zeigt den Wolf hautnah
Es war das bestimmende Thema am Pfingstmontag in Otterndorf und Altenwalde: die Wolfssichtungen. Insbesondere in den sozialen Medien werden die beiden dokumentierten Vorfälle kommentiert. Die NEZ/CN-Redaktion präsentiert das Video aus Otterndorf.
Von Maren Reese-Winne
und Egbert Schröder
In aller Seelenruhe spazierte ein Tier durch das Altenwalder Zentrum. Kurz zuvor begleitete gegen 5 Uhr ein Wolf einen Autofahrer mitten auf der Landesstraße zwischen Otterndorf und Neuenkirchen über eine längere Distanz. Alles ganz harm- und gefahrlos? Ein mulmiges Gefühl bleibt, in den sozialen Netzwerken hält die Diskussion. Der Redaktion der Niederelbe-Zeitung und der Cuxhavener Nachrichten hat der Augenzeuge, der ein Video von seiner Begegnung mit dem Wolf in Otterndorf gedreht hat, die ungewöhnliche Situation geschildert.
Dass im Altenwalder Forst und den Cuxhavener Küstenheiden Wölfe leben, ist den Anwohnerinnen und Anwohnern seit Jahren hinlänglich bekannt. Einige berichten von Begegnungen am Gartenzaun. Am Sportplatz und den Tennisanlagen sind sie der Zivilisation schon sehr nah gekommen. Im Januar trafen Gassigänger aus Altenwalde an einem Feld an dem sehr beliebten Wanderweg am Waldrand (Weg zur ehemaligen Panzerrandstraße) auf fünf Wölfe, die in 40 Metern Entfernung innehielten und dann wieder in den Wald liefen.
Die am Pfingstmontag entstandenen Bilder des Wolfes, der scheinbar in aller Ruhe auf der Hauptstraße und in der Straße Am Altenwalder Bahnhof herumspaziert, zeigen aber eine andere Qualität: ein wildes Tier mitten im Ortskern. Dort, wo Menschen morgens ihre Brötchen holen und Kinder zur Schule gehen. An der Straße Am Altenwalder Bahnhof soll der Wolf sogar in den vergangenen Wochen schon mehrfach zu sehen gewesen sein.
Wolfsbegegnung auf dem Weg zur Arbeit
Zum ersten Mal in seinem Leben begegnete ein Otterndorfer einem Wolf, der gegen 5 Uhr zwischen Otterndorf und Neuenkirchen gemächlich neben seinem Auto über 50 bis 80 Meter am Straßenrand lief. Der Mann war auf dem Weg zur Arbeit, als er den Wolf sah, der am Straßenrand im Bereich der ehemaligen Molkerei und des Autohauses unterwegs war. Der Wolf nahm nicht Reißaus; auch nicht nach einem Ruf durch die geöffnete Fensterscheibe.
Video auch auf unserer Homepage
Das Video, das auch auf unserer Seite www.cnv-medien.de zu sehen ist, kursiert seit Montag im Internet und hat völlig unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Das hat auch Markus Mushardt vom Ferienhof Katthusen erfahren. Er teilte das Video, veröffentlichte es auf seinem Account und erlebte dann, wie sich eine kontroverse Diskussion im Netz entwickelte. Bei Markus Mushardt sorgt das Video für ein mulmiges Gefühl: "Es geht doch nicht darum, den Wolf auszurotten. Aber dass hier ein Tier am helllichten Tag in aller Ruhe auf einer Straße und einem Radweg läuft, hat doch schon eine ganz besondere Qualität. Da sind schließlich auch viele Kinder und Jugendliche auf dem Weg zur oder von der Schule unterwegs." Zudem würden rechts und links der Straße Rinder mit ihren Kälbern stehen: "Der hat anscheinend keine Scheu."
Natürlich war die Sichtung eines Wolfs mitten in Altenwalde am Pfingstmontag auch Ortsgespräch. Dabei waren die Reaktionen geteilt. Während die einen von der Schönheit des Tieres schwärmten, flachsten andere über das Ansinnen des Tieres. Dazu gab es aber auch mahnende Stimmen: Ein Wolf, der sich der Zivilisation auf so unbefangene Weise nähere, sei alles andere als Spaß, hieß es.
Altenwalde befindet sich an einem Scheidepunkt: Wie viel Nähe kann noch toleriert werden? Spaziergänger und Fahrradfreunde, Hundebesitzerinnen und -besitzer, Läuferinnen und Läufer fragen sich, ob sie noch in den Wald gehen können und wie sie im Fall einer Begegnung reagieren sollen. Wer am Waldrand wohnt - und das sind viele Familien im Ortsteil - bekommt ein mulmiges Gefühl bei der Gartenarbeit oder an der Kaffeetafel; erst recht, wenn dort Kinder spielen oder der eigene Hund herumtollt.
"Haus nicht ohne Begleitung verlassen"
Ortsbürgermeister Ingo Grahmann rief am Montag zur Besonnenheit auf, spricht aber auch eine klare Warnung aus, die - wird sie wörtlich genommen - erhebliche Auswirkungen auf viele Familien, aber auch Schulen und Kitas haben muss. Ingo Grahmann wörtlich: "Dass ein Wolf in unserem Stadtteil ,spazieren‘ geht, ist für uns alle ungewöhnlich und weckt bei vielen bestimmt Sorgen vor gefährlichen Situationen. Die Behörden sind informiert und werden alles daransetzen, das Geschehen unter Kontrolle zu halten und Gefahren zu minimieren. Jetzt heißt es, besonnen zu bleiben, da der Mensch nicht zum Beuteschema dieser Gattung gehört. Jedoch ist in jedem Falle Vorsicht geboten und vor allem unsere Kinder sollten vorerst nicht ohne Begleitung das Haus verlassen! Wir vertrauen den zuständigen Stellen in Fragen zur Wolfsproblematik und berichten weiter über den Fortgang."
Die evangelisch-lutherische Kita neben dem Bürgerpark befindet sich in Sichtweite der Wolfssichtungsstelle vom Montag; die Geschwister-Scholl-Schule liegt sehr nah am Waldrand.
Die Warnung seines Altenwalder Amtskollegen Ingo Grahmann kann der Otterndorfer Bürgermeister Claus Johannßen in dieser Form nicht nachvollziehen. Er warnte bei aller emotionalen Debatte davor, die Sachlichkeit nicht völlig aus den Augen zu verlieren. Die Gefahr, dass ein Wolf einen Menschen angreife, sei doch verschwindend gering.
"Wir gehören nicht zum Beuteschema"
Das sieht auch Wolfsberater Heiko Hellmann ähnlich. Dass ein Wolf nicht - wie in Otterndorf - vor einem Fahrzeug flüchte, sei nicht ungewöhnlich. Die Tiere würden Autos oder Traktoren nicht in einen Zusammenhang mit einem Menschen bringen. Für Hellmann ist auch die Situation in Altenwalde nicht atypisch. So habe sich der Wolf möglicherweise morgens auf einem Streifzug befunden und sei dann auf die Hauptstraße geraten. Nach seinen Informationen seien zu diesem Zeitpunkt kaum Menschen auf der Straße oder den Gehwegen in Altenwalde gewesen. Sollte es dagegen zu derartigen Sichtungen in Zeiten kommen, in denen der Ort mehr belebt sei, dann müsse man die Lage neu bewerten. "Der Wolf", so Hellmann, "ist sicherlich kein Kuscheltier. Aber wir Menschen gehören nicht zu seinem Beuteschema."
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