Kein freies Herumlaufen: Auch wenn Hunde gerne streunen würden, müssen sich Herrchen und Frauchen an die Leinenpflicht halten. Die Vorschrift gilt in Niedersachsen ab 1. April - im Land Bremen sogar schon früher. Symbolfoto: Christophe Gateau
Kein freies Herumlaufen: Auch wenn Hunde gerne streunen würden, müssen sich Herrchen und Frauchen an die Leinenpflicht halten. Die Vorschrift gilt in Niedersachsen ab 1. April - im Land Bremen sogar schon früher. Symbolfoto: Christophe Gateau
Brut- und Setzzeit in Niedersachsen

Naturschützer über Leinenpflicht im Kreis Cuxhaven: Warum Wildtiere Hilfe brauchen

von Joscha Kuczorra | 21.03.2026

Mit steigenden Temperaturen erwacht die Tierwelt im Kreis Cuxhaven zu neuem Leben. Doch freilaufende Hunde und Katzen bedrohen die Brut- und Setzzeit, weshalb Experten eindringlich zur Einhaltung der Leinenpflicht mahnen. Ein Interview.

Die Tierwelt befindet sich in der Brut- und Setzzeit. Ab 1. April 2026 gilt in Niedersachsen die Leinenpflicht, im Land Bremen sogar bereits seit Mitte März. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) appelliert, Rücksicht auf die heimische Tierwelt in der Natur zu nehmen - und Hunde sowie Katzen nicht frei laufen zu lassen. Über die Gründe dafür und die Wichtigkeit der Einhaltung klärt der Biologe und Naturschützer Bernd Quellmalz, Regionalgeschäftsführer beim BUND Weser-Elbe, im Gespräch mit Joscha Kuczorra auf.

Was passiert in der Brut- und Setzzeit?

Das ganze Leben erwacht. Mit den steigenden Temperaturen blühen die Pflanzen, Insekten und andere Tiere werden wieder aktiv. Vögel fangen mit dem Brutgeschäft an, die Amphibien suchen Laichgebiete auf, Rehe und Hirsche bringen Junge zur Welt. Es ist ein sehr empfindlicher Zeitraum, in dem Wildtiere anfangen, sich um die Fortpflanzung zu kümmern - und daher besonders verletzlich sind. Deshalb brauchen die Wildtiere jetzt Ruhe.

Die Brut- und Setzzeit und somit auch der Zeitraum der Leinenpflicht werden auf landespolitischer Ebene festgelegt. Im Land Bremen gilt die Leinenpflicht vom 15. März bis 15. Juli, in Niedersachsen dagegen vom 1. April bis 15. Juli. Haben zwei Orte nur die Landesgrenze zwischen sich, kann es sein, dass im einen Ort keine Leinenpflicht gilt, fünf Meter weiter aber schon. Wie sehen Sie die unterschiedlichen Leinenpflicht-Zeiten?

Für die Bürger sind die unterschiedlichen Zeiten absolut verwirrend. Ich plädiere sehr für eine einheitliche Regelung. Sinnvoll ist die Leinenpflicht schon ab 15. März, weil Vögel ihr Brutgeschäft dann bereits beginnen. Die ersten Vögel fangen - je nach Witterung - schon im Februar an, sich ihre Nistplätze zu suchen.

Bernd Quellmalz ist Regionalgeschäftsführer beim BUND Weser-Elbe. Foto: Birgit Wingrat Fotografie

Warum gibt es die Leinenpflicht überhaupt? Und warum ist die Einhaltung während der Brut- und Setzzeit so wichtig?

Im Frühling sind die wildlebenden Tiere besonders störempfindlich. Freilaufende Hunde können dann großen Schaden anrichten, wenn beispielsweise ihr Jagdtrieb erwacht und sie ein Wildtier als Beute erkennen.

Viele Menschen denken, ihr Hund tue "nichts". Welche Auswirkungen können trotzdem entstehen, wenn ein Hund Wildtiere aufscheucht?

Die Vorstellung von Hundebesitzerinnen und -besitzern, ihr Hund jage nicht, geht an der Realität vorbei. In einem Hund steckt immer noch ein bisschen Wolf, mag er noch so friedlich und zivilisiert sein. Der Jagdinstinkt lebt im Hund weiter. Er wird durch Wildtiere ausgelöst, die der Hund meist schneller entdeckt als der begleitende Mensch.

Warum fällt die Brut- und Setzzeit in den Frühling und Frühsommer? Weshalb wählen viele Vogelarten ausgerechnet diese Zeit zum Brüten?

Im Winter ist das Nahrungsspektrum sehr, sehr eingeschränkt. Wildtiere finden dann wenig Nahrung. Deshalb halten einige Tiere Winterschlaf, ziehen weg oder überwintern in einem anderen Stadium. Damit überbrücken sie die nahrungsarme Zeit des Winters. Wenn im Frühjahr und in den folgenden Monaten wieder genügend Nahrung vorhanden ist, können sich Wildtiere wie Amphibien, Vögel und Rehwild fortpflanzen.

Auch das Rehwild bringt im Frühjahr häufig Junge zur Welt. Zum Schutz ist die Brut- und Setzzeit gedacht. Foto: Bayerischer Jagdverband

Warum sind Hunde so gefährlich für die Wildtiere?

Vögel und Säugetiere verfallen allein durch die Anwesenheit eines potenziellen Beutegreifers in Stress und Todesangst, die einen angeborenen Fluchtreflex auslöst. Das verfolgte Tier verbraucht dann viel Energie, die es sich zusätzlich wieder anfuttern muss. Dadurch wird es geschwächt. Gerade in Zeiten mit Nahrungsengpässen kann das den nachträglichen Tod bedeuten.

Welche örtlichen Gebiete sind besonders betroffen?

Die Einhaltung der Leinenpflicht ist vor allem in Parks, Grünanlagen und in der freien Landschaft, insbesondere aber auch in Naturschutzgebieten wichtig, die seltenen Tierarten als letzte Rückzugsräume dienen.

Wer kontrolliert eigentlich die Einhaltung der Leinenpflicht in der Praxis?

Im ländlichen Raum ist es schwierig, Kontrollen durchzuführen, aber nicht unmöglich. Beispielsweise finden gerade in Schutzgebieten regelmäßige Begehungen statt. Im städtischen Raum wird die Leinenpflicht im Rahmen der täglichen Arbeit des Ordnungsamts kontrolliert. Aber meines Wissens werden keine Personen gezielt darauf angesetzt, zu überprüfen, ob Hundehalter ihre Tiere anleinen.

Würden Sie sich wünschen, dass die Einhaltung der Leinenpflicht engmaschiger und besser kontrolliert wird?

In erster Linie ist die Kommunikation zu verbessern. Der Zeitraum der Brut- und Setzzeit ist noch nicht bei allen Hundehaltern angekommen, fürchte ich. Viele Hundehalter leinen ihre Hunde auch deshalb aus Ungewissheit nicht an. Wären sie besser aufgeklärt, würde das eventuell schon sehr helfen.

Was kann passieren, wenn sich Hundehalterinnen und Hundehalter nicht an die Leinenpflicht halten?

Im schlimmsten Fall kann es nach einer Abmahnung zu einem Bußgeld kommen, das in unterschiedlicher Höhe je nach Bundesland und Gemeinde ausfällt.

Was kann oder sollte ich als Bürger tun, wenn ich einen Hundehalter sehe, der sich nicht an die Leinenpflicht hält?

Am besten spricht man den Hundehalter nett und freundlich an und weist auf die Leinenpflicht hin. Man sollte darum bitten, den Hund an die Leine zu nehmen. Was aus unserer Sicht nicht hilft, ist, vorwurfsvoll zu reagieren und die Person zu beschimpfen. Das führt eher zu einer Trotzreaktion beim Hundehalter. Es ist davon auszugehen, dass den Menschen oftmals nicht bewusst ist, dass gerade Brut- und Setzzeit herrscht, und dass Hunde angeleint sein müssen.

Unter anderem Singvögel wie die Amsel bringen jetzt Junge zur Welt. Foto: Dr. Christoph Moning

Was würden Sie sich von Hundehaltern - und vielleicht auch von Spaziergängern - in dieser Zeit besonders wünschen?

Zum Schutz von Wildtieren ist es sinnvoll, auf den ausgewiesenen Wegen zu bleiben und nicht querfeldein zu laufen, um Wildtiere nicht zu stören. Auch auf den ausgewiesenen Wegen sollten sich Hundehalter an die Leinenpflicht halten und dafür sorgen, dass ihre Hunde nicht quer durch die Natur streunen.

Katzen sind nur schwierig an die Leine zu nehmen. Was sollten Katzenbesitzer beachten?

Unsere Bitte lautet, Katzen zur Brutzeit, also von Mitte März bis Mitte Juli, vorzugsweise gar bis Mitte August, möglichst im Haus zu behalten. Und wenn sie Freigänger-Katzen sind, dann sollten ihre Besitzer sie vor dem Freigang unbedingt kastrieren lassen. Damit sie sich nicht mit verwilderten Hauskatzen vermehren und das Problem damit vergrößert wird.

Reicht denn der Zeitraum zwischen März und August aus?

Aus Sicht der Wildtiere wäre es am besten, Katzen sogar ganzjährig im Hause zu halten. Glöckchen am Hals der Katzen helfen übrigens wenig, da nur gesunde erwachsene Vögel dadurch gewarnt wegfliegen können, Jungvögel, Amphibien und andere Tiere aber nicht.

Wie reagieren Wildtiere auf Katzen?

Die Anwesenheit von freilaufenden Katzen löst regelrecht Dauerstress unter Wildtieren aus. Bei Vögeln kann dies zur Aufgabe von Bruten und zu deutlich verringertem Bruterfolg führen. Außerdem erbeuten Katzen, obwohl meist gut genährt, Vögel und Kleinsäuger. Als sogenannte Freigänger werden Katzen aufgrund ihres ausgeprägten Jagdtriebes zu einem echten Problem für die Wildtiere in unseren Gärten und Parks.

70 Prozent der von Katzen erbeuteten Tiere sollen kleine Säugetiere wie Mäuse sein. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Gibt es dazu auch Statistiken?

Wissenschaftler wiesen in den USA nach, dass freilaufende Hauskatzen in der Stadt pro Jahr durchschnittlich 14 Wildtiere erbeuten, in ländlichen Regionen können es sogar einige hundert sein. 70 Prozent der erbeuteten Tiere sind kleine Säugetiere wie Mäuse, 20 Prozent Singvögel, der Rest sind Frösche, Molche, Eidechsen, Schmetterlinge und andere. Diese Zahlen sind mit großer Wahrscheinlichkeit auf hiesige Verhältnisse übertragbar.

Worauf sollten Bürger sonst noch während der Brut- und Setzzeit achten? Woran sollten sie sich halten?

Ich kann nur empfehlen, mit offenen Ohren und Augen durch die Natur zu laufen: gerne mal ein Fernglas mitnehmen, die Natur genießen, den Vögeln zuhören, auf Wiesen schauen, ob dort ein Kiebitz oder eine Uferschnepfe zu sehen ist. Man sollte die Zeit nutzen, um den Wert der Natur zu erfahren und zu erleben. Dann weiß man, warum man den Hund anleint. Weil Tiere in dieser Zeit sehr verletzlich und sensibel sind und unsere Unterstützung benötigen.

Aus der Ferne lassen sich auch Uferschnepfen gut beobachten. Foto: Schuldt/dpa

Können auch tobende oder spielende Kinder ein Problem für die Natur sein? Sollten Heranwachsende ebenfalls besonders für das Thema sensibilisiert werden?

Eindeutig ja. Es ist absolut wünschenswert, wenn Kinder und Jugendliche an die Natur herangeführt werden. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, dass die Umweltbildungsaktivitäten Rücksicht auf die Brutzeit nehmen. Es ist absolut notwendig, mit Kindern auf den Wegen zu bleiben. Es gibt am Wegesrand und in der Ferne mit dem Fernglas genauso viel zu entdecken wie auf den Feldern. Gehen Sie mit Ihren Kindern raus in die Natur und entdecken Sie sie gemeinsam!

Haben Sie dafür besondere Tipps?

Es gibt Vogelbestimmungsapps: Mit dem Handy lässt sich auf einfache Weise herausfinden, welche Vogelart gerade zwitschert. Genauso funktioniert es auch mit Pflanzen. In der Natur sollte man die Kinder auf jeden Fall einbeziehen.

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Joscha Kuczorra

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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