60 Jahre MFG 3 in Nordholz: Ein Rück- und Ausblick mit Kommodore Ottmüller
Kommodore Oliver Ottmüller steht an der Spitze des Marinefliegergeschwaders 3 "Graf Zeppelin", das bald sein 60-jähriges Jubiläum feiert. Unter seiner Führung hat das Geschwader bewegte Zeiten durchlebt.
Der Traum eines Fliegers sollte es sein, Kommodore zu werden", das findet jedenfalls Kapitän zur See Oliver Ottmüller, und tatsächlich kann er am 1. Juli dieses Jahres als Kommodore des MFG 3 das 60-jährige Jubiläum des Geschwaders begleiten. "Wir feiern 60 Jahre bewegter Geschichte des Marinefliegergeschwaders 3 "Graf Zeppelin", in denen alle Aktiven und Angehörigen beeindruckende Leistungen erbracht, aber auch Höhen und Tiefen durchlebt haben", sagt er.
Die Geschichte des MFG 3 ist auch immer wieder seine eigene gewesen. Früh war für ihn klar, dass er der Tradition seines Vaters folgen und Bundeswehrpilot werden wollte - nur nicht bei der Luftwaffe auf der Transall, sondern bei der Marine - auf der Breguet Atlantic.
Nach dem Eintritt in die Marine 1986 begann er 1989 die fliegerische Ausbildung und kam 1991 als Co-Pilot nach Nordholz. Mitten ins Geschehen, denn schneller als hier ergab sich selten die Gelegenheit, Flugstunden zu sammeln. Verschiedene Manöver führten ihn schon in den ersten sechs Monaten nach Island, Schottland und in die USA.

1994 konnte er auf den Kommandantenplatz wechseln. Wie bei der Bundeswehr üblich, erforderte das Erreichen der nächsten Karrierestufe sogenannte "Zwischenverwendungen" - andere Aufgaben, andere Orte, andere Erfahrungen. So widmete sich der Familienvater in fast drei Jahren beim Flottenkommando in Glücksburg den Einheiten der gesamten Flotte.
Reaktion auf Anschläge des 11. Septembers 2001
2001 kehrte er als Staffelkapitän der 2. Staffel für zweieinhalb Jahre nach Nordholz zurück. Als Reaktion auf die Anschläge des 11. Septembers formierten sich internationale Streitkräfte zur Operation "Enduring Freedom", die auch Oliver Ottmüller als Pilot nach Mombasa/Kenia führte. Im Einsatzführungskommando in Potsdam übernahm er später Verantwortung für alle Kontingente der deutschen Bundeswehr in internationalen Einsätzen.
Dozent für Marinefliegerangelegenheiten an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, Bundessprachenamt Hürth, internationaler Admiralstabslehrgang in Hamburg: alles weitere Etappen, bevor er 2008 als stellvertretender Kommandeur der fliegenden Gruppe - zuständig also für alle fliegenden Einheiten (Breguet Atlantic, Do 228 und Sea Lynx) - wieder nach Nordholz kam, wo er 2010 auf den Kommandeursposten vorrückte. Dies blieb er bis zur Zusammenführung von MFG 3 und MFG 5 auf dem Stützpunkt und der Gründung des Marinefliegerkommandos im Herbst 2012; danach war er unter anderem im Verteidigungsministerium für Personalfragen zuständig.
Als 2018 im Marinefliegerkommando ein neuer Chef des Stabes (Stellvertretender Kommandeur) gesucht wurde, war klar: Es geht abermals zurück nach Nordholz. Im April 2020 wurde Oliver Ottmüller Kommodore des MFG 3 - in bewegten Zeiten, gerade am Anfang der Corona-Pandemie. Kurz darauf, im Juni 2020, wurde die Außerdienststellung der P 3-C Orion zum Ende des Jahres 2025 beschlossen. "Das löste viel Unsicherheit aus", erinnert er sich, "denn eine Entscheidung über ein Nachfolgemodell stand noch aus."

Es ist überzeugt, dass der Verband mit der immerwährenden Demonstration seiner Leistungsfähigkeit dazu beigetragen hat, dass 2021 im Bundestag die Entscheidung für die Beschaffung der Boeing P-8 "Poseidon" getroffen und damit die Zukunft der Seefernaufklärung gesichert wurde. Diesmal ist es kein "Erbstück" wie die einst von den Niederländern übernommene P3C-Orion. In den USA werden acht brandneue Maschinen gebaut und ausgerüstet. Erst unlängst begleitete Ottmüller zusammen mit dem Kommandeur des Marinefliegerkommandos, Kapitän zur See Broder Nielsen, die "Kiellegung" für den ersten Rumpf in Wichita/Kansas. Die Endmontage erfolgt dann in Seattle bei Boeing. "Wir hoffen, dass das erste Luftfahrzeug im kommenden Jahr übergeben werden kann", so Ottmüller.
Der Verantwortung in der NATO nachkommen
Mit dem Nachfolgemodell werde der Verband in die Lage versetzt, auch in Zukunft seinen Beitrag in der NATO zu leisten. Das System der "Poseidon" sei erstens schon erprobt und zweites auch bei vielen kooperierenden Nationen das Flugzeug der Wahl. Bei den Seefernaufklärern handle es sich um das schlagkräftigste Mittel der deutschen Marine im Kampf gegen Piraterie, Terrorismus und Blockadebrecher, teilweise abseits der öffentlichen Wahrnehmung.
Die Operationen "Enduring Freedom" und "Atalanta" (von 2002 bis 2021) mit den monatelangen Auslandseinsätzen in Kenia und Dschibuti hätten das Geschwader nachhaltig geprägt. Nicht selten erreichte die Einsatzzeit - auf mehrere Kontingente aufgeteilt - bis zu zwei Jahre. 2009 agierte Ottmüller selbst für dreieinhalb Monate als Kontingentführer. Auf "Atalanta" folgte nahtlos die bis heute laufende Operation "Irini" (Überwachung des UN-Waffenembargos gegen Libyen).

In seinem 60. Lebensjahr steht das Geschwader vor wichtigen Übergängen. Acht Soldaten und eine Soldatin werden als erste in den USA zu Ausbildern für die P8 ausgebildet. Entsprechend zur Pilotenausbildung befinden sich die ersten Technik-Kräfte in der Weiterqualifikation. Der Kommodore weiß um die herausfordernde Aufgabe, die für viele wieder mit monatelanger Abwesenheit verbunden sein wird.
Bereit sein für den Wandel
Dennoch mache die Vielfalt auch einen besonderen Reiz aus: "Wir brauchen für die Streitkräfte Menschen, die kurzfristig für neue Verwendungen bereitstehen." Auch die zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien sich der dynamischen weltpolitischen Lage bewusst. "Wichtig ist, dass die Öffentlichkeit versteht, dass die Streitkräfte heute wieder kriegstüchtig sein sollten und dafür auch entsprechende Investitionen nötig sind", sagt Ottmüller in aller Deutlichkeit. Der Zukunftsfähigkeit des Standorts diene auch die Einführung des Mehrzweckhubschraubers NH 90, der in den Versionen "Sea Tiger" und "Sea Lion" die Sea Lynx MK88A und den Sea King ablösen wird.
"Wir blicken positiv in die Zukunft", versichert Oliver Ottmüller. Zum Rückblick auf 60 Jahre Geschwadergeschichte gehört für ihn aber auch das Gedenken an die drei Geschwaderangehörigen, die im Dienst ums Leben kamen, als sie - nur wenige Tage vor der Ausmusterung des Flugzeugs - im Mai 1966 mit ihrer Fairey Gannet (Vorläufer der Breguet) bei Kaufbeuren abstürzten.

