Erinnerungen an Familie Philippsohn: Deportation von Osten nach Theresienstadt
80 Jahre nach Kriegsende erinnert Ortsheimatpfleger Frank auf dem Felde an die Familie Philippsohn aus Osten, deren tragisches Schicksal im Holocaust endete. Die Stolpersteine erinnern an ihre letzte Fahrt über die Schwebefähre.

Der Ortsheimatpfleger der Gemeinde Osten, Frank Auf dem Felde, wartet noch das 18 Uhr-Glockengeläut ab, bevor er zu sprechen beginnt. Für die heutige Führung, organisiert von den Omas gegen Rechts Hemmoor, trägt er keine Verkleidung, um in die Ostener Geschichte einzutauchen. Rund 35 Leute sind gekommen, um sich mit ihm auf die Spuren der jüdischen Familie Philippsohn zu begeben.
Es ist der 8. Mai und vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Zu dem Zeitpunkt waren Vater Adolf, Mutter Irmgard und Tochter Anna Luisa Philippsohn bereits tot. Am 17. November 1941 mussten sie ihre Heimat Osten verlassen und wurden in ein Konzentrationslager nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet. "Und sie benahmen sich wie jeder gute Preuße", erläutert Frank Auf dem Felde. Die Philippsohns mussten mit der Schwebefähre nach Basbeck übersetzen und mit dem Zug nach Bremen fahren. "Sie wussten, was sie mitnehmen dürfen - das war nicht mehr viel."
Der Blick der Weltöffentlichkeit fehlte und alle Hemmschwellen waren gefallen
Im Gegensatz zu 1936, bei den Olympischen Spielen, schaute ab Kriegsbeginn im Jahr 1939 keine Weltöffentlichkeit mehr zu. "Alle Hemmschwellen waren gefallen." Dem Ortsheimatpfleger bricht die Stimme und er muss innehalten, bevor er und die Anwesenden den gleichen Weg zur Schwebefähre beschreiten, wie auch die Familie Philippsohn es tun musste.
Auch vor dem Zweiten Weltkrieg habe es schon Antisemitismus gegeben, erläutert Auf dem Felde. Die Familie Philippsohn wurde erstmals im Jahr 1740 in Osten aktenkundig. Sie kam durch Heirat in den Ort und ihre Mitglieder waren Geschäftsleute. Ob sich eine jüdische Familie in einem Ort niederlassen durfte, war jedoch vom Landesherren abhängig. Ebenso waren sie von den meisten Berufen ausgeschlossen und konnten nur bestimmte Geschäftsfelder besetzen. Die Familie erwarb ein Grundstück an der Oste für den Warentransport. Sie handelten mit Altwaren, vor allem mit Fellen und Häuten. Direkt neben ihrem Haus befand sich die Gerberei. "Das war eine Welt, die wir uns geruchstechnisch nicht vorstellen können", merkt Auf dem Felde an.
Ein ambivalenter Blick zurück-die Nachkriegszeit
Auch der Vater von Frank Auf dem Felde hatte sich früh mit den Nationalsozialisten eingelassen. "Bereits mit 18 Jahren", erläutert er. Er selbst käme nicht gebürtig aus Osten, habe sich aber tief in die Ortshistorie eingegraben. Viele der Menschen hätten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einen ambivalenten Blick auf die Zeit. Einerseits waren sie froh, dass es vorbei war. Andererseits herrschte große Angst vor dem, was jetzt kommen würde. Auch sein Vater musste dann feststellen, dass er all die Jahre wohl aufs falsche Pferd gesetzt hatte. "Wir tragen mehr Steinzeit in uns, als wir gerne hätten", meint Auf dem Felde. "Jeder denkt zuerst an sich selbst und nur wenn man das erkennt und Einsicht hat, kann man etwas ändern. Aber das ist unbequem."
Drei Stolpersteine für die Familie Philippsohn
Direkt vor der Schwebefähre in Osten sind die Stolpersteine für die Familie Philippsohn in den Boden gelassen. "Von hier aus deportiert" steht auf einem der Steine, über den drei Namen der Familie. Die Omas gegen Rechts aus Hemmoor legen in Gedenken weiße Rosen über den Steinen ab. Ein Zeichen der Widerstandsgruppe "Weiße Rose", zu der Sophie und Hans Scholl gehörten. Sie wurden am 22. Februar 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet. Dann ergreift Desiree Funk aus Hechthausen das Wort. Sie ist Jüdin. "Wir legen zu Ehren der Toten Steine auf ihrem Grab ab." Und dort, wo Adolf, Irmgard und Anna Luisa Philippsohn ihre letzten Minuten in Osten verbrachten, spricht sie ein jüdisches Gebet, auf Hebräisch.
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