Drehbücher, Doppelkopf und Ruhe - Sonja Schönemann lebt und schreibt in Otterndorf
Gemeinsam mit Annette Frier erhielt die Otterndorfer Drehbuchautorin Sonja Schönemann für ihre Serie "Frier und Fünfzig" den "Blauen Panther". Sie erzählt, warum das Thema der Serie wichtig ist und warum sie gerne an der Nordseeküste lebt.
Seit fünf Jahren lebt Sonja Schönemann in Otterndorf. Nun wurde die Drehbuchautorin gemeinsam mit Annette Frier für ihre gemeinsame Serie "Frier und Fünfzig" mit dem "Blauen Panther", dem Medienpreis der bayerischen Staatsregierung, ausgezeichnet. Schönemann spricht im Interview über ihre Arbeit, die Serie und warum sie gerne an der Nordsee lebt.
Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit dem "Blauen Panther" - gerade für eine Serie, die Frauen über 50 in den Mittelpunkt stellt?
Erst mal bedeutet sie, dass wir nicht alles falsch gemacht haben. Und natürlich freue ich mich darüber. Am schönsten finde ich allerdings, dass eine Geschichte von und über Frauen jenseits der 50 preiswürdig ist, ohne dass eine von ihnen vorher ermordet werden muss.
Wie entstand die Idee zu "Frier und Fünfzig"? Und warum war Annette Frier die richtige Partnerin für dieses Projekt?
Dass Annette Frier 50 wurde, war zunächst einmal ein ziemlich guter Anlass, sich mit der Frage zu beschäftigen, was das eigentlich bedeutet. Heutzutage und vor allem für eine Frau. Wir kennen uns seit unserer gemeinsamen Zeit bei der "Wochenshow", also einem Vierteljahrhundert. Annette besitzt diese seltene Fähigkeit, gleichzeitig unfassbar albern und zutiefst ernsthaft zu sein. Das ist für eine Komödie Gold wert. Und sie hat keine Angst davor, sich lächerlich zu machen. Ich übrigens auch nicht. Das hilft.

Frauen über 50 sind im Fernsehen häufig unterrepräsentiert. Warum hält sich dieses Ungleichgewicht so hartnäckig?
Weil wir jahrzehntelang gelernt haben, dass Männer im Alter interessanter werden und Frauen unsichtbar. Das ist natürlich Unsinn, aber Unsinn kann sich erstaunlich lange in unseren Köpfen halten. Ich glaube allerdings, dass sich da gerade einiges verändert. Nicht unbedingt aus Einsicht. Manchmal reicht es schon, wenn jemand merkt, dass sich damit Geld verdienen lässt.
Die Serie behandelt Wechseljahre, Älterwerden und gesellschaftliche Erwartungen mit Humor. Wo liegt für Sie die Grenze zwischen befreiender Selbstironie und dem Reproduzieren von Klischees?
Ein Klischee ist ja nicht automatisch falsch. Es ist nur meistens furchtbar langweilig. Interessant wird es, wenn man herausfindet, was dahintersteckt. Ich finde, man darf über alles lachen. Auch über Wechseljahre, Inkontinenz, Sex und die Tatsache, dass man irgendwann einen Raum betritt und nicht mehr weiß, was man dort wollte. Entscheidend ist, aus welcher Perspektive man erzählt. Lachen wir über eine Frau oder lachen wir mit ihr? Das ist ein ziemlich großer Unterschied.
Sie sind Creatorin, Headwriterin und Drehbuchautorin. Wie viel von Ihren eigenen Erfahrungen steckt in der Serie? Welche Geschichte war Ihnen besonders wichtig?
Ich glaube, in jeder Figur, die ich schreibe, steckt etwas von mir. Das heißt allerdings nicht, dass ich alles selbst erlebt haben muss. Ich habe etliche Mörder geschrieben, ohne jedes Mal vorher jemanden umzubringen. Mich interessiert vor allem der Moment, in dem Menschen feststellen, dass ihr Leben anders aussieht, als sie es sich vorgestellt haben. Und was sie dann damit anfangen. Mit 50 hat man dafür im Allgemeinen schon eine ganz ordentliche Datengrundlage.
Welche Szene hätte ein männlicher Drehbuchautor Ihrer Meinung nach vermutlich anders geschrieben?
Keine Ahnung, ich kenne ja nicht alle männlichen Drehbuchautoren. Ich glaube, das Problem ist weniger das Geschlecht der Autoren als die Vorstellung davon, was Frauen angeblich interessant macht. Und da würde ich mir manchmal ein bisschen mehr Fantasie wünschen.

Sie leben in Otterndorf, fernab der großen Film- und Fernsehstandorte. Warum haben Sie sich für diesen Wohnort entschieden, und wie lässt sich Ihre Arbeit mit dem Leben an der Nordseeküste verbinden?
Ich schreibe Geschichten. Dafür brauche ich einen Computer, meinen Kopf und möglichst wenig Lärm und Ablenkung. Das funktioniert in Otterndorf ausgezeichnet. Außerdem habe ich irgendwann festgestellt, dass ich nicht dort leben muss, wo andere Menschen arbeiten, um selbst arbeiten zu können. Eine ziemlich befreiende Erkenntnis. Und wenn ich doch mal irgendwohin muss, gibt es Autos, Züge und Flugzeuge. Die moderne Zivilisation ist wirklich erstaunlich. Aber noch erstaunlicher ist, wie schnell ich die Küste als Lebensmittelpunkt vermisse, wenn ich mal ein paar Tage weg bin.
Hat das Leben in Otterndorf Einfluss auf Ihre Geschichten? Beobachten Sie Menschen und gesellschaftliche Entwicklungen hier anders als in einer Großstadt?
Menschen sind überall Menschen. Sie haben dieselben Ängste, Hoffnungen, Eitelkeiten und Abgründe. Ich glaube nicht, dass ich hier grundsätzlich anders beobachte. Aber ich habe mehr Ruhe, über das nachzudenken, was ich zum Beispiel über gesellschaftliche Entwicklungen erzählen möchte. Und das ist für meinen Beruf vermutlich der größere Vorteil. Mindestens genauso wichtig: Ich habe hier großartige Freundinnen gefunden, die mich erden, weil sie eben nichts mit dem Job zu tun haben, den ich seit dreißig Jahren mache. Und sie haben mir Doppelkopf beigebracht. Es ist mir ein Rätsel, wie ich existieren konnte, ohne regelmäßig Doppelkopf zu spielen.
Die preisgekrönte Serie "Frier und Fünfzig - Am Ende meiner Tage" steht auf der Streamingplattform Joyn bereit. Am 7. Dezember um 20.15 Uhr zeigt das ZDF Sonja Schönemanns Weihnachtsfilm "Ein Ticket zur Bescherung".
Von Bengta Brettschneider und Märthe Werder
CNV-Newsletter
Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.