Zwischen Kunstblut und Teamgeist: Johanniter zeigen in Otterndorf ihr Können
Norddeutsches Wetter hin oder her: Rund 800 Johanniterinnen und Johanniter traten am Wochenende in Otterndorf zur "Olympiade der Retter" an. In realistischen Szenarien waren Fachkompetenz, Zusammenarbeit und schnelles Handeln gefragt.
Regen peitscht über das Gelände des Otterndorfer Sommercamps, der Wind zerrt an Zelten und Einsatzkleidung. Doch das schlechte Wetter kann die Stimmung nicht trüben. Rund 800 Aktive der Johanniter-Unfall-Hilfe aus Niedersachsen und Bremen und zahlreiche Helfer sind an die Nordseeküste gekommen, um sich bei einer Art "Olympiade des Rettens" miteinander zu messen. 29 ehrenamtliche Teams aus insgesamt 16 Ortsverbänden treten gegeneinander an, darunter ehrenamtliche Ersthelfer, pädagogische Fachkräfte, hauptberufliche Notfallsanitäter und Rettungshundestaffeln. Auch Gäste aus Griechenland sind dabei: Die Johanniter pflegen seit Jahren eine enge Partnerschaft mit dem Rettungsdienst E.K.A.B. in Thessaloniki.

Volle Konzentration ist gefragt. Insgesamt 60 Schiedsrichter, darunter Experten aus London und dem türkischen Izmir, beobachten die Teams aufmerksam und lassen selbst kleinste Fehler in die Bewertung einfließen. Ziel des Landeswettkampfs ist es, Ausbildungsstand und Leistungsniveau der verschiedenen Orts- und Regionalverbände zu vergleichen, voneinander zu lernen und wichtige Erkenntnisse für die künftige Aus- und Weiterbildung zu gewinnen.
Helfer versorgen die Wunde mit einem Druckverband
Ein Fahrradfahrer liegt am Boden, aus seiner Kopfplatzwunde sickert Blut. Zum Glück handelt es sich nur um eine Übung, wenn auch eine anspruchsvolle. Die Ersthelfer sichern die Unfallstelle, sprechen den Verletzten an und überprüfen seinen Zustand. Das Opfer ist wach, aber benommen und klagt über starke Schmerzen. Ruhig versorgen die Helfer die Wunde mit einem Druckverband, behalten Atmung und Bewusstsein im Blick und achten auf weitere mögliche Verletzungen. Jeder Handgriff wird von den Schiedsrichtern bewertet.

Es wirkt an diesem regnerischen Sonnabend zeitweise wie die Kulisse eines Katastrophenfilms. Überall auf dem Gelände ereignen sich simulierte Notfälle. Von der Schnittwunde bis zum Atemstillstand reicht die Bandbreite der Szenarien. Verkehrsunfälle, Brand- und Sturzverletzungen werden von rund 40 Verletztendarstellern täuschend echt inszeniert.
Dabei fließt literweise Kunstblut. Die Darsteller des Teams für "Realistische Unfalldarstellung" (RUD) der Johanniter-Akademie Niedersachsen/Bremen überzeugen ebenso mit schauspielerischem Talent wie die Maskenbildner mit handwerklichem Können. Verletzungen werden detailgetreu nachgebildet, Schmerzen, Schock oder Verwirrung glaubwürdig dargestellt. So entstehen Szenarien, die den Einsatzkräften höchste Aufmerksamkeit abverlangen.

Neben den klassischen Erste-Hilfe- und Rettungseinsätzen präsentieren auch die Rettungshundestaffeln ihr Können. Die Hunde-Mensch-Teams demonstrieren eindrucksvoll, wie eng sie zusammenarbeiten. Klare Kommandos und präzise Abläufe sind das Ergebnis jahrelangen Trainings. Zwei bis drei Jahre dauert die Ausbildung, bis ein Rettungshund gemeinsam mit seinem Hundeführer einsatzbereit ist.
Doch der Landeswettkampf dient nicht allein dazu, Sieger zu ermitteln. "Es geht natürlich um die fachlichen Herausforderungen und den Sieg, aber insgesamt gibt es bei dieser Olympiade der Retter nur Gewinner", betont Kersten Enke, Leiter der Johanniter-Akademie Niedersachsen/Bremen und verantwortlich für die Ausrichtung des Wettbewerbs. "Aus jedem Fehler können wir für zukünftige Einsätze lernen."
Bei einem Rundgang, an dem unter anderem Niedersachsens Landtagsvizepräsidentin Barbara Otte-Kinast (CDU) und Landrat Thorsten Krüger teilnehmen, informieren sich die Gäste über die einzelnen Stationen und verschaffen sich einen Eindruck von den vielfältigen Anforderungen, denen sich die Rettungskräfte im Wettbewerb stellen müssen.

Wer gerade nicht selbst im Wettbewerb gefordert ist, kann sich auf dem "Markt der Möglichkeiten" über die zahlreichen Bereiche des Ehrenamts bei den Johannitern informieren. Dort stellen die Hilfsorganisation und ihre Gliederungen die Vielfalt ihrer Arbeit vor.
Zeit für Gespräche und Erfahrungsaustausch
Trotz des ungemütlichen Wetters herrscht den ganzen Tag über gute Stimmung. Zwischen den Wettkämpfen bleibt Zeit für Gespräche, Erfahrungsaustausch und das Kennenlernen anderer Gruppen. Gerade dieser Gemeinschaftsgedanke macht den besonderen Reiz der Veranstaltung aus.
Am Ende des Tages werden die Sieger der einzelnen Wettbewerbsklassen ausgezeichnet. Die erfolgreichsten Mannschaften qualifizieren sich für den Bundeswettkampf im kommenden Jahr in Hannover. Nach der Siegerehrung klingt der Tag bei einer gemeinsamen Feier aus. Neben Pokalen und Platzierungen stehen dabei vor allem neue Kontakte, gemeinsame Erfahrungen und die Gewissheit im Mittelpunkt, für den Ernstfall bestens vorbereitet zu sein.
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