Historisches Rathaus Otterndorf: Diese zehn Details überraschen selbst Einheimische
Verborgene Geschichten und überraschende Details im Otterndorfer Rathaus ziehen selbst Einheimische in ihren Bann. Sie enthüllen ein Stück lebendige Geschichte der Stadt.
Seit mehr als 400 Jahren prägt das historische Rathaus das Bild von Otterndorf. Doch der Bau ist nicht nur Schauplatz politischer Entscheidungen: In seinen Räumen verbergen sich besondere Details, alte Geschichten und manche unerwartete Entdeckung.
Der Wal auf dem Rathausdach: Was macht der Wal auf dem Rathausdach? Die historische Wetterfahne, die mit großer Wahrscheinlichkeit einen Meeressäuger darstellt, erinnert an jene Zeit, als norddeutsche Seefahrer im arktischen Eismeer auf Walfang gingen - im 18. und 19. Jahrhundert eine wichtige Verdienstquelle für die maritime Wirtschaft.

Wappensteine auf Wanderschaft: Die Haupteingangstür des Otterndorfer Rathauses stammt aus dem Jahr 1715. Die beiden Wappensteine zu ihren Seiten sind deutlich später an diesen Platz gelangt: Sie wurden Ende des 19. Jahrhunderts nach dem Abbruch der alten Stadttore in die Fassade eingesetzt. Der südliche Stein stammt vom 1856 abgerissenen Ostertor, der nördliche vom Westertor, das 1865 verschwand. So bewahrt der Rathauseingang bis heute sichtbare Erinnerungen an die frühere Stadtbefestigung.

Kein Gebäck, sondern Seerosen: Wer das Wappen rechts neben der Eingangstür des Otterndorfer Rathauses betrachtet, könnte die drei Formen links unten für Croissants halten. Oder für Krebsscheren, vielleicht sogar für Krummschwerter. Doch nichts davon trifft zu: Dargestellt sind Seerosenblätter. Gemeinsam mit Adler und Rautenkranz bilden sie das Wappen des historischen Herzogtums Sachsen-Lauenburg, zu dem einst auch das Land Hadeln und Otterndorf gehörten.
Weinglas weist den Weg: Im Jahr 1583 gab Herzog Erich den Auftrag, einen Keller anzulegen und darüber ein Gebäude zu errichten, das sich als Rathaus eignet. Damit war der Bau des Otterndorfer Rathauses beschlossene Sache. Der Keller wurde von Anfang an gastronomisch genutzt. Als einzige Schankwirtschaft der Stadt besaß der Ratskeller das Privileg, Wein auszuschenken. Daran erinnert bis heute das Weinglas-Schild am Eingang des Kellers.

Otterndorfs besondere Unterschriften: Prominente Persönlichkeiten wie Wolfgang Schäuble, Hans-Dietrich Genscher, David McAllister und der frühere Bundespräsident Joachim Gauck haben sich bereits im Goldenen Buch der Stadt Otterndorf verewigt. Auch Gabriel Charles Palmer-Buckle, Erzbischof von Accra in Ghana, die Ausrufergilde sowie die erfolgreichen Nachwuchsruderer des TSV Otterndorf gehören zu den Eingetragenen. Aufbewahrt wird das Goldene Buch im Vorraum des Ratssaals.
Herzog wacht über den Rat: Wenn der Otterndorfer Stadtrat im Ratssaal tagt, mahnt nicht nur das Gemälde "Das Urteil Salomons" zu weisen Entscheidungen. Auch Herzog Julius Franz von Sachsen-Lauenburg (1641-1689), dessen Porträt über dem Kaminsims an der Stirnwand hängt, blickt nachdenklich auf die Ratsmitglieder herab. Mit seinem Tod im Jahr 1689 erlosch die männliche Linie der Herzöge von Sachsen-Lauenburg - und damit jene Herrschaft, unter deren Schutz sich das Land Hadeln 1212 freiwillig gestellt hatte.

Aus der Mühle in den Ratssaal: Das kunstvoll gearbeitete Gestühl im Rathaussaal schnitzte der Altenbrucher Bauer Wilhelm Dieterichs im Jahr 1928. Als Material verwendete er alte Eichenbalken der Warningsacker Mühle, die zwei Jahre zuvor abgerissen worden war. Die teilweise mit Armlehnen ausgestatteten Stühle sind mit dem Otterndorfer Wappen verziert.
Die Männer ohne Wappen: Die Wappentafel der Otterndorfer Bürgermeister im Ratssaal dürfte nahezu jedem Einheimischen und vielen Urlaubsgästen bekannt sein. Das älteste dort verzeichnete Wappen stammt aus dem Jahr 1658, das jüngste gehört dem heutigen Bürgermeister Claus Johannßen. Doch bei zwei Namen auf der Tafel fehlt das jeweilige Wappen. Wurden sie nachträglich entfernt, weil das Verhalten der beiden Amtsinhaber als unwürdig galt? Einer von ihnen war Adalbert Herwig, Bürgermeister von 1936 bis 1942. In den 1930er und 1940er Jahren bekleidete er eine hohe Funktion in der SA und gehörte für die NSDAP dem Reichstag an. Der zweite war Heinrich Himmelreich, der von 1948 bis 1950 an der Spitze der Stadt stand. Himmelreich war, anders lässt es sich kaum ausdrücken, ein Hochstapler. In Otterndorf ließ er sich als "Dr. jur." anreden, obwohl er den akademischen Grad nie erworben hatte. Er wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und nach seiner Haft als "Himmelhund" verspottet.

Kunst gegen Kost und Logis: Das große Ölgemälde in der ehemaligen Tourist-Information, das den Großen Specken mit einem Lastensegler zeigt, ist nicht nur ein echter Blickfang, sondern erzählt auch eine bemerkenswerte Geschichte. Geschaffen wurde es zu Beginn des 20. Jahrhunderts von dem hannoverschen Kunstmaler Gustav Koken. Da er seine Unterkunft im damaligen "Hotel zur Sonne" in Otterndorf nicht bezahlen konnte, behielt der Wirt das Gemälde als Pfand. Später erwarb es der Otterndorfer Senator Johann Hottendorff und schenkte es der Stadt.
Die Wiederentdeckung der Justitia: Bei Restaurierungsarbeiten im Barockzimmer wurden 1994 und 1995 die ursprünglichen Deckenmalereien wiederentdeckt. Darauf ist unter anderem Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit, dargestellt. Dies könnte darauf hindeuten, dass in diesem Raum einst Gerichtsverhandlungen stattfanden, erklärt Stadtführer Jörn Putzig. In den oberen Räumen des Rathauses sollen sich zudem Zellen für Gefangene befunden haben.

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