An der Unfallstelle in Hemmoor wurden verschiedene Sachen abgelegt, um des verstorbenen 16-Jährigen zu gedenken. Foto: Schröder
An der Unfallstelle in Hemmoor wurden verschiedene Sachen abgelegt, um des verstorbenen 16-Jährigen zu gedenken. Foto: Schröder
Schutz, Halt und Unterstützung

Nach tödlichem Unfall in Hemmoor: "Alle Reaktionen normal" - wie Jugendliche trauern

von Märthe Werder | 30.04.2026

Der plötzliche Tod eines 16-Jährigen bei einem Unfall in Hemmoor (Landkreis Cuxhaven) erschüttert die Gemeinschaft. Experten erklären, was Jugendlichen bei der Trauerbewältigung helfen kann. Eine Schülersprecherin schildert den Umgang an der Schule.

Jeder Mensch geht unterschiedlich mit Schicksalsschlägen und Trauer um. Besonders in jungen Jahren kann es Menschen stark treffen, wenn plötzlich jemand verstirbt, da sie nicht damit rechnen, weiß Jochen Timmermann vom Medizinischen Versorgungszentrum Timmermann und Partner in Cuxhaven. Plötzlich und unerwartet war auch der tragische Autounfall in Hemmoor am 19. April 2026, bei dem ein 16-Jähriger verstarb. Ein mit fünf Personen besetzter Kleinwagen war von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Während der Beifahrer starb, überlebten sowohl der 18-jährige Fahrer als auch die drei anderen 16-jährigen Insassen.

"Je jünger die Kinder und Jugendlichen sind, umso weniger Bewältigungsstrategien sind in der Regel vorhanden, umso geringer ist das Verständnis für das Erleben und umso mehr Angst und Unsicherheit werden ausgelöst", berichtet Hans Jürgen Bollmann gegenüber cnv-medien.de. Er ist Beauftragter für Notfallseelsorge im Sprengel Stade. Trauer zeigen, das Geschehene verstehen wollen, aktiv werden oder verdrängen: "Alle Reaktionen haben ihr Recht und sollten nicht bewertet werden."

Bei dem Unfall in Hemmoor stirbt ein 16-Jähriger aus Hemmoor. Foto: Höfig/dpa/NEWS5

"Jugendliche neigen manchmal dazu, ihre Gefühle gerade Erwachsenen gegenüber weniger sichtbar zu machen, sodass die Gefahr besteht, dass ihr Schmerz und ihr inneres Erleben leichter übersehen werden", betont Diplom-Psychologe Markus Föhl, Fachbereichsleiter Erziehungsberatung, Fachberatung Kindertagesstätten im Bereich Familie des Landkreises Cuxhaven. "Der innerfamiliäre Umgang mit dem Thema, ebenso wie die kulturelle oder auch religiöse Einbettung der Familien, prägt häufig den Umgang mit Tod und Trauer", weiß Föhl. Wie Erwachsene mit ihren Gefühlen umgehen, könne für Kinder und Jugendliche als Modell dienen, erklärt er. "Selbst über Gefühle zu sprechen, bietet Kindern und Jugendlichen eine Idee davon, wie mit belastenden Emotionen umgegangen wird und sie bewältigt werden können."

Schöne Erinnerungen finden

Wichtig sei, Jugendlichen ihren Raum zu lassen, sagt Daniel Tietjen, der Leiter der Telefonseelsorge Elbe-Weser. Trauer brauche ihren Platz und es sollte nicht versucht werden, diese "schnell zu heilen", rät er gegenüber der NEZ/CN-Redaktion. "Belehren finde ich zudem schwierig." Schutz, Halt und Unterstützung seien für ihn die zentralen Punkte, um zu helfen.

"In der Regel hilft es ihnen, wenn erfahrene und vertraute Personen Angebote machen", sagt Bollmann. Diese helfen, selbst wenn sie nicht in Anspruch genommen werden, so der Beauftragte für Notfallseelsorge.

Kinder und Jugendliche können sehr unterschiedlich mit Trauer umgehen: Alle Reaktionen haben ihr Recht. Foto: Armer/dpa

Erinnern und Gedenken sind ebenfalls Teil der Trauerbewältigung: "Bei der Bewältigung eines solchen Ereignisses hilft es, bewusst schöne Erinnerungen an die Verstorbenen zu finden und eine Form des Abschieds zu gestalten, welche zu den Jugendlichen passt", sagt Föhl. Gemeinsame Rituale, Möglichkeiten zum Gedenken in der Schule, in der Familie oder mit Freunden können Betroffene dabei unterstützen, einen Raum für positive Erinnerungen an Verstorbene zu etablieren. Entlastend kann auch das Hinzuziehen von Pastoren oder Trauerbegleitern sein - Menschen, die Erfahrung im Umgang mit Trauer haben, so der Diplom-Psychologe. Die Beratungsstelle des Landkreises bietet zudem einen professionellen Rahmen für Entlastung in so einer Situation. 

Als nächsten Schritt nach der Trauer sollte sich auch gefragt werden: "Was lernen wir daraus?", meint Timmermann. Jeder Abschied sei auch ein Neubeginn, sagt er.

Lehrer sollten Ereignis aktiv ansprechen

"Schulen sollten die Klasse offen ansprechen und Raum geben, sich zu äußern, da das oft als große Unterstützung erlebt wird", erzählt Philipp Schmidt von der Pressestelle der Regionalen Landesämter für Schule und Bildung Lüneburg. Lehrkräfte sollten dafür das Ereignis aktiv ansprechen und nicht vermeiden. Unterschiedliche Reaktionen der Schüler sollten dabei Platz finden. "Auf so ein ungewöhnliches Ereignis sind alle Reaktionen normal", betont er.

Der reguläre Unterricht könne den Schülern aber auch Halt und Struktur geben. "Gemeinsame Formen des Trauerns, etwa das Schreiben einer Trauerkarte, die Teilnahme an der Beerdigung oder das bewusste Freilassen und Gestalten eines Platzes im Klassenraum, können ebenfalls hilfreich sein", erklärt Schmidt. 

Für eine Schule sei es zudem wichtig, Jahrestage oder ähnliche Ereignisse im Blick zu haben, da diese erneut belastend sein können, sagt der Sprecher. Durch Gespräche, Rituale und die thematische Auseinandersetzung mit Tod und Sterben könne die Schule einen wichtigen Beitrag leisten, um Orientierung zu geben.

Auf der Heeßeler Straße prallt der Wagen gegen einen Baum. Foto: Lange

"Die Kolleginnen und Kollegen haben in den im besonderen Maße betroffenen Klassen die Schülerinnen und Schüler einbezogen, nach ihren Bedürfnissen und ihren Wünschen hinsichtlich des Umgangs mit der Situation gefragt. Es gibt auch Schülerinnen und Schüler, die Alltag ausdrücklich wünschen", beschreibt Schulleiter Sebastian Auschra. Der verstorbene Schüler ging auf das Gymnasium Warstade. Gesprächsangebote wurden gemacht und ein Trauerraum eingerichtet, berichtet Auschra. 

"Alle kannten ihn"

Jana-Sophie Deuter (18) ist eine der Schülersprecherinnen am Gymnasium. "Es war ein beklemmendes Gefühl", erzählt sie. Der Altersunterschied zwischen ihr und dem Verunglückten beträgt gerade einmal zwei Jahre. Stellvertretend für die Schülersprecher berichtet sie cnv-medien.de von der aktuellen Situation. "Es gab eine Trauer- und Gedenkstunde für den zehnten Jahrgang sowie eine Trauerandacht." Unter den Schülern sei viel über den Unfall gesprochen worden. Die Lehrer hätten ihn jedoch nur im betroffenen Jahrgang aktiv thematisiert, berichtet die 18-Jährige. Allerdings kritisiert sie: "Ich hätte mir eine Aktion für die gesamte Schule gewünscht."

"Alle kannten ihn", sagt die 18-jährige Schülerin über den Verstorbenen. In der Schule wurde ein Trauerraum eingerichtet mit Fotos und der Möglichkeit, etwas in ein Gedenkbuch zu schreiben. Besonders Schüler des zehnten Jahrgangs habe der Unfall sehr mitgenommen. "Das merkt man auch an den bewegenden Texten im Buch." Der Trauerraum werde nun aber wieder abgebaut. "Ich finde es schwierig, den Raum wieder zu schließen, jeder trauert schließlich unterschiedlich lange", sagt Deuter.

Sie und ihre Freunde beschäftigt der Unfall: "Es könnte jeden von uns treffen." Viele von ihnen machen gerade selbst den Führerschein. "Wir versuchen, das untereinander aufzufangen."

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Märthe Werder

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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