Yoga und ruhige Bewegungsformen gewinnen an Bedeutung. Bewegung soll heute nicht nur stärken, sondern auch entspannen. Foto: Danny Lawson/dpa
Yoga und ruhige Bewegungsformen gewinnen an Bedeutung. Bewegung soll heute nicht nur stärken, sondern auch entspannen. Foto: Danny Lawson/dpa
Yoga, Matcha, Eisbaden

Selfcare liegt voll im Trend: Warum der Kreis Cuxhaven ideale Bedingungen bietet

von Tamina Francke | 28.02.2026

Rotlichtmasken, Matcha-Tee oder Journaling: Selfcare ist längst mehr als ein Internettrend. Warum immer mehr Menschen ihr Nervensystem in den Mittelpunkt stellen und weshalb das Cuxland dafür besonders gute Voraussetzungen bietet.

Rot leuchtende Gesichtsmasken im Badezimmer, grün schäumender Tee in handgefertigten Schalen, Eiswasser-Tonnen auf dem Balkon oder Notizbücher voller Gedanken statt Termine gehören inzwischen für viele Menschen zum Alltag. Wer durch soziale Netzwerke scrollt oder moderne Wohnungen betrachtet, erkennt schnell, dass Selbstfürsorge ein neues Gesicht bekommen hat.

Selfcare lautet das Schlagwort. Dahinter steckt jedoch weit mehr als Wellness oder gelegentliche Auszeiten. Gemeint ist der Versuch, in einem zunehmend schnellen Alltag bewusst Momente der Ruhe zu schaffen. Egal, ob körperlich oder mental. Auffällig ist dabei, dass sich dieser Wandel nicht nur in Einstellungen zeigt, sondern ganz konkret in neuen Ritualen, Produkten und Gewohnheiten. Was zunächst nach Modeerscheinung klingt, hat jedoch tiefere Gründe.

Ein Bedürfnis, das lange übergangen wurde

Neuropsychologin Sarah Skerhut, Gründerin der Mental-Health-App Neurofix, sieht darin weniger einen neuen Trend als eine späte Reaktion. "Das Bedürfnis nach Entschleunigung war eigentlich immer da", sagt sie. "Es wurde nur lange übergangen." Der menschliche Organismus sei biologisch nicht für dauerhafte Hochleistung gemacht, sondern für einen Wechsel zwischen Aktivität und Regeneration.

Rotlichtmasken stehen exemplarisch für den Selfcare-Trend. Entspannung und Pflege werden zunehmend Teil fester Alltagsroutinen. Foto: Francke

Über Jahrzehnte habe die Gesellschaft jedoch vor allem das Funktionieren belohnt: erreichbar sein, leisten, produktiv bleiben. "Regeneration hatte historisch wenig kulturelle Wertigkeit. Deshalb wirkt ihre Wiederentdeckung heute fast wie eine Überkompensation", sagt Skerhut. Erholung sei lange nicht als Voraussetzung von Leistungsfähigkeit verstanden worden, sondern als deren Gegenteil.

Warum sich das heute verändert, lässt sich auch neurobiologisch erklären. Unter Stress schaltet der Körper in einen Alarmzustand. Herzschlag und Aufmerksamkeit steigen, Stresshormone werden ausgeschüttet. Kurzzeitig ist das sinnvoll. Problematisch wird es, wenn dieser Zustand anhält und Phasen der Erholung fehlen. Schlafprobleme, Erschöpfung oder Konzentrationsschwierigkeiten können die Folge sein.

Eisbäder liegen im Trend. Der kurze Kältereiz soll Körper und Nervensystem anschließend in einen entspannten Zustand bringen. Foto: Georg Moritz/dpa

Regeneration aktiviert hingegen den Teil des Nervensystems, der für Erholung zuständig ist. "Mehr Regeneration bedeutet nicht weniger Leistung", erklärt Skerhut. "Im Gegenteil: Erholung verbessert Konzentration, Entscheidungsfähigkeit und langfristige Leistungsfähigkeit." Viele Menschen versuchen deshalb nicht, weniger zu leisten, sondern wieder ein Gleichgewicht herzustellen.

Selbstfürsorge wird zunehmend sichtbarer

Wie sich dieses Bedürfnis im Alltag ausdrückt, zeigt sich besonders an neuen Ritualen. Ein Beispiel ist Matcha, ein fein gemahlener grüner Tee aus Japan. Anders als beim schnellen Kaffee steht hier die Zubereitung selbst im Mittelpunkt. Das Getränk verspricht sanftere Energie ohne starken Koffeinabfall und hat inzwischen auch auf zahlreichen Getränkekarten im Kreis Cuxhaven seinen Platz gefunden.

Im Badezimmer wiederum halten technische Helfer Einzug. Rotlicht- oder LED-Masken bestrahlen das Gesicht einige Minuten lang mit rotem Licht. Manche hoffen auf Hautpflegeeffekte, andere nutzen sie schlicht als feste Pause im Alltag. Entscheidend ist weniger das Gerät selbst als das Ritual dahinter: bewusst Zeit für sich reservieren.

Matcha wird traditionell mit Bambusbesen und Schale zubereitet. Für viele gehört das Ritual selbst bereits zur bewussten Pause im Alltag. Foto: Francke

Auch ein altbekanntes Werkzeug erlebt eine neue Bedeutung: das Schreiben. Beim sogenannten Journaling werden Gedanken oder Sorgen notiert, nicht um Aufgaben zu planen, sondern um den Kopf zu entlasten. Studien zeigen, dass solches Schreiben helfen kann, belastende Erfahrungen zu verarbeiten und Stressreaktionen zu reduzieren.

Neben Ritualen spielen zunehmend auch Nahrungsergänzungsmittel eine Rolle. Pflanzenstoffe wie Ashwagandha, ein Extrakt aus der ayurvedischen Tradition, gelten als unterstützend im Umgang mit Stress. Ob Tee, Pflegeprodukt oder Supplement - Selfcare zeigt sich heute oft über das, was Menschen bewusst in ihren Alltag integrieren.

Beim sogenannten Journaling werden Gedanken bewusst aufgeschrieben. Für viele gilt das als eine Methode, um den Kopf zu ordnen und Stress abzubauen. Foto: Christin Klose/dpa

Bewegung ohne Leistungsdruck

Auch beim Sport ist ein Wandel zu beobachten. Statt möglichst intensiver Trainingsprogramme gewinnen ruhigere Bewegungsformen an Bedeutung. Yoga- und Pilatesangebote nehmen zu, auch im Kreis Cuxhaven. Bewegung soll nicht mehr nur leistungssteigernd wirken, sondern gleichzeitig beruhigen. Aus Sicht der Neuropsychologie ist das nachvollziehbar: Viele Menschen sind im Alltag bereits dauerhaft aktiviert. Ruhige Bewegung, bewusste Atmung oder langsame Dehnübungen helfen dem Körper, wieder herunterzufahren.

Selbst kaltes Wasser wird neu entdeckt. Eisbäder - ob als kleine Tonnen auf dem Balkon oder direkt im Meer - sollen einen kurzen Reiz setzen, auf den oft ein starkes Entspannungsgefühl folgt. Während andernorts spezielle Anlagen entstehen, liegt diese Möglichkeit an der Nordseeküste praktisch vor der Haustür.

Eisbaden in Otterndorf 2025: Kaltes Wasser gilt für viele als bewusster Reiz zur Stressregulation und mentalen Stärkung. Foto: Rutzen

Warum wir plötzlich darüber sprechen

Dass Begriffe wie "Achtsamkeit", "Regulation" oder "Nervensystem" derzeit so präsent sind, hat laut Skerhut einen weiteren Grund: Menschen finden endlich Worte für Erfahrungen, die sie lange gespürt haben, ohne sie benennen zu können. Schon das Aussprechen von Stress oder Überforderung könne beruhigend wirken. In der Psychologie spricht man vom Prinzip "Name it to tame it" - Gefühle zu benennen hilft dem Gehirn, sie besser zu regulieren.

Hinzu kommt eine veränderte Lebensrealität. Permanente Erreichbarkeit, Informationsflut und sozialer Vergleich halten viele Menschen dauerhaft aufmerksam. Früher hätten feste Tagesrhythmen, Gemeinschaft oder klare Feierabendstrukturen automatisch für Ausgleich gesorgt. Heute müsse jeder Einzelne stärker selbst dafür sorgen.

Es muss nicht immer direkt der ganze Körper sein. Auch nur das Eintauchen des Gesichts in Eiswasser gilt als einfacher Selbstfürsorge-Trend, der das Nervensystem aktivieren und anschließend beruhigen soll. Foto: Francke

Ein Trend, der zur Küste und in das Cuxland passt

Interessant ist, wie gut dieser Wandel zur Region passt. Natur wirkt nachweislich beruhigend auf das Stresssystem. Weite Landschaften reduzieren Reizüberflutung, gleichmäßige Wellenbewegungen vermitteln Sicherheit und vertraute Orte signalisieren dem Gehirn, dass es entspannen darf. "Hinzu kommen Sicherheitssignale der Umgebung wie Promenaden, Strandkörbe oder Ferienatmosphäre. Das Gehirn registriert: Hier darf ich herunterregulieren", ergänzt Skerhut.

Zwischen Nordsee, Watt, Wäldern und Heideflächen bietet das Cuxland damit vieles, was andernorts bewusst gesucht wird. Während Großstädte Entschleunigung neu entdecken, gehört sie an der Küste vielerorts seit jeher zum Alltag.

"Was wir derzeit beobachten, ist keine Wellness-Mode. Es ist eine neurobiologische Gegenbewegung zur chronischen Überstimulation moderner Lebenswelten", schließt Sarah Skerhut ab. Die Rotlichtmaske, die Matcha-Schale oder das regelmäßige Eisbad stehen am Ende nur stellvertretend für etwas Größeres: Pausen wieder ernst zu nehmen. Die Formen mögen neu erscheinen. Das Bedürfnis dahinter ist es nicht.

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Tamina Francke

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

tfrancke@no-spamcuxonline.de

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