Sommerdeichpläne sorgen für Unruhe zwischen Spieka und Arensch
Es geht um die Öffnung des Sommerpolders zugunsten einer Salzwiesen-Renaturierung. Die Nationalparkverwaltung stellt ökologische Positiv-Effekte der Maßnahme heraus. Besorgte Bürger fragen: "Wer denkt an uns?"
Das Vorland soll dem natürlichen Gezeiteneinfluss ausgesetzt werden: Hohen ökologischen Nutzen und messbare Effekte für den Klimaschutz verspricht sich die Nationalparkverwaltung von einer Öffnung des Sommerdeiches zwischen Spieka-Neufeld und Arensch. Das 2025 angelaufene Salzwiesen-Projekt stößt trotzdem nicht überall auf Begeisterung: Anrainer fürchten um ein Stück Heimat, das einem teuren und (wie einige meinen) zu ambitionierten Naturschutzprojekt geopfert werden könnte.
Über Vorbereitungsmaßnahmen hatte die Nationalparkverwaltung schon vor mehr als drei Jahren einen Film drehen lassen. Der Clip heißt "Von Meer, Land & Menschen"; in epischen Bildern vermittelt er dem geneigten Zuschauer, dass die "Locals" begriffen haben: Eine Salzwiesen-Renaturierung wird nicht nur der Natur helfen, sondern auch der Bevölkerung.
"Keine Ruhe, wenn man da seine Tiere rausschickt"
Der Oberdeichgräfe, die Kurdirektorin oder ein Koch äußern sich zu dem Vorhaben, das nicht gleich morgen, aber im Jahr 2032 in eine Öffnung des Sommerpolders münden soll. "Wenn man sich vorstellt, dass das Menschen erleben, die seit Jahrzehnten versuchen, sich vor den Fluten zu schützen, ist das natürlich eine total emotionale Geschichte", räumt ein ehemaliger Verwaltungschef im Film ein.
Eine Weidetierhalterin sucht aktuell den sachlichen Diskurs, spricht über die derzeitige biologische Vielfalt auf ihren Weiden, entstanden im Schutz des Sommerdeichs. Jener beschere ihr zudem ökonomische Sicherheit und die beim Wirtschaften hilfreiche innere Ruhe. Sollte der Polder geöffnet werden, bleibe Beweidung zwar weiterhin möglich. Vorbei sei es allerdings mit der bisherigen Gelassenheit. "Man hat keine Ruhe mehr, wenn man seine Tiere da rausschickt", sagt sie in einem Telefonat mit unserer Redaktion.
Nationalparkverwaltung unterstreicht den Nutzen
Zu viel Kopfzerbrechen? "Wenn das Wasser kommt, gehen die Tiere auf höher gelegene Bereiche", argumentiert Jennifer Sobiech-Wolf. Die promovierte Geographin und Klimawissenschaftlerin leitet das Renaturierungsprojekt, an diesem Abend hat sie ins Nationalparkhaus Dorum-Neufeld eingeladen. Ihren Vortrag "Sommerdeichöffnung und Salzwiesenrenaturierung - wieso, weshalb, warum?" hält sie zum dritten Mal: Die vorherigen Termine des jeweils auf 30 Gäste begrenzten Info-Abends waren ausgebucht. Gut besucht ist die Veranstaltung auch an diesem Abend. Einige Zuhörer hatten sich vorab vor der Tür getroffen, sie hielten selbstgeschriebene Schilder in die Kamera eines vor Ort drehenden NDR-Teams. "Lasst unsere Küste in Ruhe", steht darauf zu lesen. Oder: "20.000.000 Euro - viel zu teuer, um CO₂ nur zu speichern."
Die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens wird später, als Referentin und das Publikum zu diskutieren beginnen, erneut hinterfragt werden. Zuvor beschreibt Sobiech-Wolf die Projektziele. Die beabsichtigten Salzwiesen sollen bedrohten Vogelarten ein Refugium (und eine Nahrungsgrundlage) bieten. Sediment, das bei etwa 70 Überflutungen pro Jahr auf die Flächen gespült wird, soll dafür sorgen, dass das Gelände aufwächst und einen natürlichen Flutschutz darstellt. Nicht zuletzt geht es tatsächlich um CO₂-Bindung: Dass Salzwiesen zu den effektivsten Kohlenstoffsenken gehören, versucht die Rednerin ihrem Publikum näherzubringen.
Auf Zuhörerseite bleiben Zweifel
In den Stuhlreihen werden nach fast zwei Stunden Diskussions- und Redezeit auch versöhnlichere Töne angeschlagen. Man will gegenseitig im Gespräch bleiben, die Referentin stellt Kontaktdaten zur Verfügung und unterstreicht, dass die Nationalparkverwaltung die Bevölkerung mitnehmen möchte. Außerdem gelingt es Sobiech-Wolf, mit ein paar Mythen aufzuräumen: Es gehe (wie beschrieben) um eine Öffnung, nicht um eine Schleifung des Sommerdeichs. Und was den Bevölkerungsschutz angehe: In diesem Bereich spielten die im 19. Jahrhundert errichteten Sommerdeiche heutzutage keine Rolle mehr. Auf Zuhörerseite bleiben Zweifel: Angesichts der Breite der vorgesehenen Öffnungen, aber auch hinsichtlich der Auswirkungen des Projekts auf die Küstendörfer. Wird sich der Strukturwandel weiter fortsetzen? Oder werden sie von den künftigen Salzwiesen profitieren? Die Nationalparkverwaltung verweist auf Positiv-Effekte im Tourismusbereich. "Fahren Sie mal zum Langwarder Groden", rät die Referentin.

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