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Ob am Telefon, per Chat oder Mail: Die Telefon-Seelsorge bietet Menschen in schwierigen Situationen einen geschützten Raum. Das Bild ist eine KI-generierte Darstellung.
Ob am Telefon, per Chat oder Mail: Die Telefon-Seelsorge bietet Menschen in schwierigen Situationen einen geschützten Raum. Das Bild ist eine KI-generierte Darstellung.
70-jähriges Jubiläum

Was Menschen im Kreis Cuxhaven nicht loslässt - ein Einblick in die Telefon-Seelsorge

von Tamina Francke | 10.10.2026

Was erzählen Menschen, wenn sie anonym mit einem Fremden über ihre Sorgen sprechen? Daniel Tietjen leitet seit elf Jahren die Telefon-Seelsorge Elbe-Weser. Im Interview mit CNV-Medien spricht er über Einsamkeit und die Kunst des Zuhörens.

Wenn die eigenen Gedanken zu schwer werden, kann es leichter sein, sie mit einem Menschen zu teilen, den man gar nicht kennt. Bei der Telefon-Seelsorge bleiben die Ratsuchenden anonym und treffen rund um die Uhr auf jemanden, der ihnen zuhört. Daniel Tietjen leitet seit elf Jahren die Telefon-Seelsorge Elbe-Weser. Im Gespräch mit CNV-Medien-Redakteurin Tamina Francke erzählt er, was Menschen dazu bringt, sich mit ihren Sorgen einem Fremden anzuvertrauen. Dabei zeigt sich auch, wie früh gesellschaftliche Veränderungen bei der Telefon-Seelsorge spürbar werden.

Herr Tietjen, vor genau 70 Jahren haben zwei Menschen ihre private Telefonnummer veröffentlicht und Menschen in Krisen angeboten, sie jederzeit anzurufen. Braucht es ein solches Angebot heute noch genauso wie 1956?

Ja, das würde ich sagen. 70 Jahre sind eine lange Zeit. Verändert haben sich vor allem die Zugangswege. Heute erreichen Menschen uns neben dem Telefon auch per Chat und Mail. Das Gespräch an sich hat sich aber nicht verändert. Menschen brauchen auch heute jemanden, der zuhört und mit ihnen aushält, was gerade schwer ist. Gerade in Zeiten der Polykrisen.

Mit welchen Sorgen und Problemen wenden sich Menschen heute an die Telefon-Seelsorge?

Was man als Krise definiert oder erlebt, ist sehr individuell. Die Menschen wenden sich in suizidalen Krisen an uns, aber eben auch wegen vieler anderer Themen: Depressionen, Einsamkeit, Konflikte in Beziehungen, Alltagsbewältigung oder gesundheitliche Fragen.

Sie nennen die Telefon-Seelsorge auch einen "Seismografen der Gesellschaft". Woran haben Sie in der Vergangenheit früh gemerkt, dass sich gesellschaftlich etwas verändert?

Einsamkeit war bei uns schon lange ein Thema, bevor sie gesellschaftlich in vielen Debatten relevanter wurde. Auch bei Corona haben wir relativ früh mitbekommen, was das bei den Menschen ausgelöst hat. Zuerst gab es eine tolle Solidarität, später aber auch viel Frust. Beim Ukraine-Krieg haben wir gemerkt, dass gerade bei der älteren Generation die Sorge vor einem Krieg auf europäischem Boden sehr präsent war. Bei solchen Themen bekommen wir relativ schnell mit, was die Menschen beschäftigt.

Dabei sprechen die Menschen mit jemandem, den sie überhaupt nicht kennen. Warum kann es leichter sein, einem Fremden etwas anzuvertrauen als Freunden oder der eigenen Familie?

Das kann sehr individuelle Gründe haben. Ein Konflikt, eine Diagnose, die mich um den Schlaf bringt, der Verlust eines geliebten Menschen oder etwas, das mich schon wochenlang beschäftigt und jetzt Raum braucht. Manchmal ist es auch einfach der Moment, in dem man merkt: Ich kann das gerade nicht mehr mit mir allein ausmachen. Die Anonymität ist dabei sehr hilfreich. Dieser Rahmen gibt Sicherheit: Ich kann etwas erzählen und weiß, dass es in diesem Schutzraum bleibt. Auch muss ich niemandem beim Erzählen ins Gesicht schauen. Das kennt man vielleicht vom Auto- oder Bahnfahren. Die besten Gespräche entstehen oft, wenn man nebeneinandersitzt. Im Chat oder in der Mail-Seelsorge ist noch mehr Distanz möglich, weil dort auch die Stimme wegfällt. Das kommt Menschen entgegen, die etwas nicht noch einmal erzählen und dadurch erneut durchleben müssen, sondern mit etwas mehr Distanz schreiben möchten.

Wer bei Ihnen anruft, bekommt aber nicht unbedingt einen Ratschlag. Warum kann es helfen, wenn jemand einfach nur zuhört?

Ich glaube, dass wir häufig - aus gutem Grund - die Dinge schnell wieder gut oder "heile" machen wollen. Deshalb neigen wir zu Ratschlägen und Empfehlungen. Aber manchmal gibt es zunächst gar nichts zu lösen. Manchmal braucht es einfach jemanden, bei dem ich frei erzählen kann, ohne dass mir sofort jemand sagt, was ich tun soll. Häufig sortieren sich die eigenen Gedanken dadurch schon. Und manchmal findet man selbst einen Weg. Nicht selten gibt es aber auch Situationen, für die es keine Lösung gibt. Dann geht es darum, etwas auszuhalten. Ich sehe uns eher als Wegbegleiter auf der Landkarte des Gegenübers - für die Zeit des Gesprächs. Manchmal entstehen dabei hilfreiche Gedanken oder erste Schritte. Und manchmal ist allein das Aussprechen schon ein wichtiger Schritt, um wieder Selbstwirksamkeit zu erfahren. Gerade dann, wenn eine schwere Krise einem den Boden unter den Füßen weggezogen hat.

Wo endet diese Begleitung - was kann die Telefon-Seelsorge nicht leisten?

Wir sind keine Therapie und auch kein Beratungsangebot im Sinne einer Sache. Es gibt allerdings Menschen, die zum Beispiel zwischen Therapiesitzungen bei uns anrufen.

Daniel Tietjen ist seit elf Jahren Leiter der Telefon-Seelsorge Elbe-Weser und begleitet die Arbeit der ehrenamtlichen Seelsorger. Foto: Tietjen

Besonders ernst wird es, wenn jemand sagt: "Ich will nicht mehr leben." Was passiert dann?

Das ist zunächst völlig in Ordnung. Dieser Satz ist häufiger Inhalt von Gesprächen. Und auch hier gilt: Erst einmal Raum geben. Viele Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass sie über dieses Thema mit niemandem sprechen können. Deshalb sind wir auch froh, wenn sich jemand mit diesem Satz bei uns meldet. Denn das bedeutet: Die Person möchte noch mit jemandem darüber sprechen. Wir schauen dann gemeinsam, worum es genau geht. Ist jemand auf der Suche nach konkreter Hilfe? Geht es um das Lebensende? Hat etwas Konkretes diesen Satz ausgelöst? Die Anonymität endet dann, wenn das Gegenüber dies ausdrücklich möchte. Wenn sich jemand im Gespräch dazu entschließt, dass er oder sie dringend Hilfe benötigt, empfehlen wir, die 112 zu wählen.

Das bedeutet aber auch: Der Ehrenamtliche legt irgendwann auf und weiß womöglich nie, was aus diesem Menschen geworden ist. Wie hält man das aus?

Das ist eine emotionale Leistung. Wir tun viel dafür, dass die Ehrenamtlichen regelmäßig Supervisionen und Fortbildungen bekommen. Sie sind gut ausgebildet, und Kolleginnen und Kollegen sind erreichbar, um sich auszutauschen. Als Träger tun wir viel dafür, den Menschen einen guten Rahmen zu geben. Sonst würde das nicht funktionieren.

Trotz solcher Situationen engagieren sich bundesweit rund 7900 Menschen ehrenamtlich für die Telefon-Seelsorge. Was muss jemand mitbringen, der diese Arbeit machen möchte?

Man muss die Bereitschaft mitbringen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Nur wenn ich selbst um meine Empfindungen und Gefühle weiß oder, wie wir häufig sagen, "einen Zugang zu mir selbst habe", kann ich auch gut für andere da sein. Reflexionsfähigkeit ist dabei wichtig. Und ich muss aushalten können, dass nicht jede Situation eine Lösung braucht. Wenn ich anderen gerne Lösungen oder Empfehlungen geben möchte, dann wird es eher schwierig. Die Ausbildung dauert bei uns ungefähr ein Jahr und umfasst 150 Stunden. Dabei geht es unter anderem um Seelsorge, Kommunikation, Krisen und Selbsterfahrung. Viele berichten anschließend, dass ihnen die Ausbildung auch für ihr eigenes Leben sehr geholfen hat. Man lernt dabei also nicht nur etwas über die Telefon-Seelsorge, sondern auch viel über sich selbst und über die eigenen Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen.

Sie selbst leiten die Telefon-Seelsorge Elbe-Weser seit elf Jahren. Was hat sich in dieser Zeit für Ihre Arbeit verändert?

Ich glaube, der Kern hat sich nicht verändert. Aber natürlich das Drumherum. Früher gab es nur das Telefon. Heute sind Telefon, Chat und Mail Standard. In Zukunft werden sicherlich weitere Zugangsformen hinzukommen. Vieles ist schnelllebiger geworden. Und die Zeit für das Ehrenamt ist vielleicht auch nicht mehr geworden. Ansonsten nehmen wir zunehmend wahr, dass Gesundheit eine größere Rolle einnimmt. Viele Menschen sind auf der Suche nach einem Therapieplatz oder einem Termin bei einem Arzt. Das hat sich sicherlich verändert.

Menschen können heute auch mit einer KI über sehr persönliche Dinge sprechen. Verändert das die Arbeit der Telefon-Seelsorge oder wird KI sogar zur Konkurrenz?

Ich glaube, dass diese Frage überall zunimmt, seit KI in unseren Alltag eingezogen ist. Bei uns kommt sie nicht am Telefon, sondern häufiger im Chat. Unser Eindruck ist: Die Menschen fragen das, weil sie sicher sein wollen, dass sie tatsächlich mit einem Menschen sprechen und nicht mit einer Maschine. Da halte ich es mit der ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates, Alena Buyx. Ich teile ihren Gedanken, dass eine KI für manche Menschen zunächst eine niedrigere Schwelle sein kann, über ein Thema zu sprechen, über das sie sich vielleicht gegenüber einem Menschen schämen würden. Vielleicht kann daraus für manche sogar eine Brücke entstehen, dieses Thema anschließend mit einem Arzt, einer Beratungsstelle oder auch mit uns zu besprechen. Das erleben wir zunehmend. Menschen berichten uns, dass sie ein Thema bereits mit einer KI besprochen haben und diese sie anschließend motiviert hat, Kontakt mit uns oder einem anderen Hilfsangebot aufzunehmen. Was wichtig ist: Wir selbst setzen keinerlei KI in unserem Angebot ein. Weder im Chat, in der Mail-Seelsorge noch am Telefon. 

Bei allen Veränderungen arbeiten Sie täglich mit Menschen, die anderen in schwierigen Situationen zuhören. Was haben Sie in dieser Zeit über Menschen gelernt?

Dass es viele verschiedene Perspektiven auf die Dinge gibt. Ich habe meine Perspektive, mein Gegenüber vielleicht eine ganz andere. Das wusste ich natürlich vorher auch schon. Aber in der Arbeit der Telefon-Seelsorge wird einem das immer wieder ganz unmittelbar bewusst. Und ich habe gelernt, wie viele Menschen es gibt, die jeden Tag ihre Zeit für andere verschenken. Das ist doch eine wunderbare Nachricht. Besonders in diesen Zeiten.

Zum Schluss: Was sagen Sie jemandem, der dieses Interview liest, dem es schlecht geht, der aber denkt: "Mein Problem ist doch nicht schlimm genug für die Telefon-Seelsorge"?

Eine gute Kollegin hat einmal zu mir gesagt: "Alles, was Dich länger als normal beschäftigt, könnte ein guter Grund für ein Gespräch sein." Von daher: Gerne anrufen. Aus Worten können Wege werden.

Die Telefon-Seelsorge ist kostenfrei und anonym rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar.

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Tamina Francke

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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