Spiegel-Journalistin in Nordholz: "Können wir nicht kurz über Christian Ulmen reden?"
Vortrag der Spiegel-Journalistin Ann-Kathrin Müller in Nordholz: Es geht um Rechtsextremismus, Medien und die Lage an Schulen in Cuxhaven. Wortmeldungen von zwei AfD-Mitgliedern lassen den Abend zur intensiven Diskussion mit klaren Positionen werden.
Es war ein Thema, das deutlich machte, wie politisch das Private ist. Eingeladen hatte der Landkreis Cuxhaven und zu Gast war Spiegel-Redakteurin Ann-Kathrin Müller, ausgezeichnet als "Journalistin des Jahres" 2025. Ihr Thema: "Demokratie in Gefahr".
Als Friedhelm Ottens den Abend im Nordholzer Bahnhof eröffnete, sprach er nicht nur als stellvertretender Landrat, sondern auch als Privatperson. Seine Frau komme aus einem anderen Land, erzählte er. Und er mache sich Sorgen, dass politische Entwicklungen Deutschland verändern könnten - so sehr, dass es "nicht mehr lebenswert" sei.
Der Raum im Bahnhof Nordholz war gut gefüllt, darunter auch junge Zuhörerinnen. "Das ist gut", betonte Müller, denn dies seien die nächsten Erstwähler.
Feste Einstellungen, neue politische Heimat
Müller zeichnete ein langfristiges Bild. Rechtsextreme Einstellungen seien seit Jahrzehnten stabil vorhanden. Der Anteil liege konstant bei etwa 17 bis 20 Prozent in der Bundesrepublik. Neu sei, dass diese Einstellungen inzwischen politisch gebündelt seien. Diese Menschen hätten "ihre Partei gefunden", erläuterte sie.
Der verbreiteten These von Protestwählern widersprach sie. Dafür gebe es keine belastbaren Daten. Vielmehr zeige sich, dass Wähler kaum zurückgewonnen würden.
Ein Teil der Dynamik sei hausgemacht, erläuterte die Journalistin. Sie sehe auch die Medien in der Verantwortung. Steigende Umfragewerte hätten zu intensiverer Berichterstattung geführt- und hätten so wiederum die Aufmerksamkeit erhöht. Medien würden dabei häufig auf Provokationen reagieren und über "jedes Stöckchen springen". Auch den Spiegel nehme sie nicht davon aus.
Parallel dazu verwies Müller auf internationale Entwicklungen. Die Radikalisierung politischer Diskurse sei zeitlich eng verbunden mit Veränderungen in der digitalen Öffentlichkeit. Sie nannte die Übernahme von Twitter durch Elon Musk, die Wiederwahl von Donald Trump sowie Entscheidungen bei Facebook unter Mark Zuckerberg, etwa die Abkehr von Faktenchecks. Dadurch habe sich die Informationslage verändert - weniger Einordnung, mehr ungefilterte Inhalte. Das habe dazu beigetragen, dass sich politische Positionen verschieben und radikalere Aussagen normalisiert würden.
Auch in Deutschland beobachte sie eine Veränderung im politischen Diskurs. Dabei verwies sie auch auf den Fall Collien Fernandes. Diese hatte öffentlich gemacht, dass Deepfake-Pornografie von ihr im Netz kursiert, die mutmaßlich ihr Ex-Mann Christian Ulmen hergestellt und verbreitet hat. In diesem Kontext sei von politischer Seite argumentiert worden, Migration sei das zentrale Problem der explodierenden Gewalt. Müller stellte diese Argumentation infrage. Es werde ein Zusammenhang hergestellt, der so nicht belegt sei. Gewaltentwicklungen würden pauschal auf Zuwanderung zurückgeführt - und damit politische Narrative verstärkt werden. "Können wir nicht einmal kurz über Christian Ulmen reden?"

"Sie werden mich nicht überzeugen"
Im weiteren Verlauf meldete sich ein Mann aus dem Publikum zu Wort. Er und sein Begleiter gaben an, der AfD anzugehören. Sie hätten schon gedacht, sie würden gar nicht erst reingelassen, erklärte der Mann. Die Journalistin reagierte sofort: "Aber Sie sind ja hier." Der Mann richtete sich dann direkt an Friedhelm Ottens. Seine Wortwahl scharf und persönlich. "Wir wollen Ihnen nicht Ihre Frau aus dem Haus holen. Das ist blödsinnig und schwachsinnig." Mehrere Besucher reagierten sofort und auch Ottens griff ein und forderte einen respektvollen Umgang.
Müller übernahm dann die Moderation und lenkte die Diskussion zurück auf die Sachebene. Die Männer könnten ihre Fragen an sie richten, sagte sie. "Ehrlich gesagt, frage ich mich, ob Sie das Parteiprogramm kennen", sagte sie dann. In diesem ginge es auch darum, Menschen ohne Straffälligkeit aus dem Land zu drängen, etwa indem ihnen das Leben gezielt erschwert werde. "Sie werden mich nicht überzeugen, dass das alles nicht radikal ist."
Erfahrungen aus der Schule
Emma, eine Schülerin des Amandus-Abenroth-Gymnasiums, brachte eine weitere Perspektive ein. Sie beschrieb ihre Schule als zunehmend gespalten. Es gebe zwei verschiedene Lager- und viele, die sich aus Angst oder Unsicherheit nicht äußerten. Diskussionen seien schwierig geworden. Teilweise würden sie im Unterricht gar nicht mehr geführt. Müller erklärte, dass der Neutralitätsbegriff häufig missverstanden oder instrumentalisiert werde. "Neutralität bedeutet nicht, demokratiefeindliche Positionen unwidersprochen zu lassen", betonte sie. Gleichzeitig fehle es vielen Schulen an Werkzeugen, um mit solchen Situationen umzugehen.
Das Kreuz ohne Haken sei an ihrer Schule nicht erwünscht, berichtet Emma weiter. Sie müsse darüber diskutieren - über zwei Holzbalken, die für die Menschenwürde stehen. Das könne sie kaum nachvollziehen. "Ich glaube eigentlich bräuchte es nur eine Person die überzeugen kann", richtete Friedhelm Ottens sein Wort an die Schülerin. "Aber wir können es gerne von zwei Seiten versuchen", sicherte er ihr zu.