Sprachmittlung im Landkreis Cuxhaven: Wenn einem die richtigen Worte fehlen
Am 26. September ist der Europäische Tag der Sprachen. Yuliya Kamp von der Caritas Cuxhaven erklärt im Interview, warum Verständigung mehr bedeutet als die Übersetzung einzelner Wörter - und wie Sprache Türen öffnen kann.
Am 26. September ist der Europäische Tag der Sprachen. Er soll auf die sprachliche Vielfalt in Europa aufmerksam machen und für Mehrsprachigkeit und interkulturellen Austausch werben. Doch was bedeutet es im Alltag, wenn Menschen nicht dieselbe Sprache sprechen? Yuliya Kamp kennt solche Situationen aus ihrer Arbeit bei der Caritas in Cuxhaven. Als Ansprechpartnerin für Sprachmittlung erlebt sie, wie wichtig Verständigung sein kann - und dass dabei manchmal mehr übersetzt werden muss als einzelne Wörter. Im Interview mit Tim Larschow berichtet sie darüber, warum Sprache Türen öffnen kann, wo Missverständnisse entstehen und was gute Verständigung ausmacht.
Was bedeutet Sprache für Sie persönlich - und wann merken Sie besonders, wie wichtig Verständigung ist?
Sprache bedeutet für mich, sich in einem neuen Land zurechtzufinden, Kontakte zu knüpfen und das eigene Leben selbstständig gestalten zu können. Ich bin selbst aus Belarus als Au-pair nach Deutschland gekommen und musste Deutsch lernen. Deshalb weiß ich aus eigener Erfahrung, wie es ist, sich in einer neuen Sprache verständigen zu müssen - und wie viel leichter das Leben wird, wenn man die Menschen versteht und sich ausdrücken kann. Besonders wichtig ist Verständigung, wenn es um die Gesundheit, die eigenen Kinder oder einen Behördentermin geht. In solchen Situationen sollte jeder Mensch seine Anliegen erklären und Fragen stellen können, auch wenn die Deutschkenntnisse dafür noch nicht ausreichen.
Die Caritas bietet in Cuxhaven bereits seit 2016 Sprachmittlung an. Was hat sich durch das Projekt "Praxis- und Leitstelle Sprachmittlung (SPuK)" an dem Angebot verändert?
Die Sprachmittlung in Cuxhaven wird im Rahmen des Projekts "Praxis- und Leitstelle Sprachmittlung (SPuK)" weiterentwickelt. Das Projekt wird von der Europäischen Union und dem Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung kofinanziert. Im Mittelpunkt stehen dabei die Gewinnung und Qualifizierung von Sprachmittelnden und die Zusammenarbeit mit Einrichtungen. In der aktuellen Projektphase beschäftigen wir uns außerdem damit, wie Sprachmittlung im ländlichen Raum besser zugänglich werden kann und welche Möglichkeiten Video-Sprachmittlung bietet. Ganz wichtig ist auch eine verlässliche Vermittlung. Die Vermittlungsstelle nimmt Anfragen auf und organisiert passende Einsätze.
Sie koordinieren bei der Caritas das Sprachmittlungsprojekt. Was genau bedeutet Sprachmittlung und was unterscheidet sie vom klassischen Übersetzen?
Beim Übersetzen denkt man meist an schriftliche Texte. Unsere Sprachmittelnden unterstützen dagegen mündliche Gespräche, beispielsweise zwischen Eltern und einer pädagogischen Fachkraft oder bei einem Behördentermin. Sie übertragen das Gesagte so, dass sich beide Seiten verständigen können. Dabei ist es wichtig, Inhalte vollständig und möglichst genau wiederzugeben, vertraulich zu behandeln und keine eigenen Bewertungen einzubringen. Sprachmittelnde übernehmen weder die Beratung noch Entscheidungen für die Beteiligten.
Die Caritas hat inzwischen 35 aktive SprachmittlerInnen im Pool, die Gespräche in 23 Sprachen ermöglichen. Wie groß ist der Bedarf in Cuxhaven?
Eine Vorstellung von der Größenordnung geben die etwa 300 Einsätze, die im letzten Jahr dokumentiert wurden. Besonders häufig wurden Russisch, Ukrainisch und Arabisch benötigt, gefolgt von Französisch und Spanisch. Fast alle Anfragen konnten vermittelt werden. Die Zahl der Einsätze bildet allerdings nicht den gesamten Bedarf ab. Ob Sprachmittlung tatsächlich angefragt wird, hängt auch davon ab, ob Einrichtungen unser Angebot kennen und ob die Finanzierung geklärt ist.
In welchen Situationen wird Ihre Sprachmittlung besonders häufig angefragt - und welche Einrichtungen nutzen das Angebot?
Das Sprachmittlungsprojekt ist für die Institutionen im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialbereich sowie für die Verwaltung gedacht. Es geht dabei um Gespräche, bei denen eine genaue Verständigung wichtig ist: Welche Unterstützung wird gebraucht? Was muss als Nächstes erledigt werden? Welche Fragen oder Sorgen haben die Beteiligten? Sprachmittlung hilft beiden Seiten, solche Anliegen miteinander zu klären.
Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Arbeit nennen, bei dem ein Missverständnis durch Sprachmittlung verhindert oder ein Problem dadurch gelöst wurde?
Eine beispielhafte Situation lässt sich aus dem Kita-Alltag beschreiben: In einem Elterngespräch geht es um die Entwicklung eines Kindes und mögliche Unterstützung. Wenn Eltern einzelne Begriffe nicht verstehen, kann der Eindruck entstehen, ihnen werde ein Vorwurf gemacht. Durch Sprachmittlung können die Fachkräfte erklären, was sie beobachtet haben und welche Hilfe sie anbieten möchten. Zugleich können die Eltern ihre Sicht schildern und nachfragen. So wird eine gemeinsame Verständigung überhaupt erst möglich.
Gibt es Begriffe, Redewendungen oder bestimmte Situationen, bei denen es besonders schwierig ist, eine Bedeutung verständlich in eine andere Sprache zu übertragen?
Schwierig sind vor allem Fachbegriffe und Begriffe, hinter denen ein ganzes System steht - etwa bestimmte Leistungen, Zuständigkeiten oder pädagogische Angebote. Dafür gibt es nicht immer eine wortwörtliche Übersetzung in eine andere Sprache. Auch Redewendungen lassen sich häufig nicht Wort für Wort übertragen. Dann muss im Gespräch nachgefragt werden. Die zuständige Fachkraft sollte den Inhalt in einfachen Worten erklären, damit die Sprachmittelnden ihn verständlich übertragen können.
Was beobachten Sie bei Menschen, wenn sie plötzlich die Möglichkeit haben, sich bei einem wichtigen Gespräch in ihrer eigenen Sprache auszudrücken?
Diese Möglichkeit kann eine große Entlastung sein. Wer sich vorher auf wenige Wörter beschränken musste, kann auch Zusammenhänge, Sorgen und Wünsche ausdrücken. Menschen können gezielter nachfragen und ihre eigene Sicht einbringen. Für uns ist das ein zentraler Punkt: Die Beteiligten sollen selbst zu Wort kommen und das Gespräch mitgestalten können.
Das Projekt soll nicht nur Menschen mit geringen Deutschkenntnissen unterstützen, sondern auch Einrichtungen für das Thema Sprachmittlung sensibilisieren. Wo sehen Sie noch den größten Bedarf?
Ein großes Thema ist die verlässliche Finanzierung, besonders im medizinischen Bereich und in der Verwaltung. Ein Verständigungsbedarf allein führt noch nicht dazu, dass auch Sprachmittlung organisiert werden kann. Einrichtungen sollten Sprachmittlung von Anfang an in ihre Abläufe einplanen und klären, wer sie organisiert und wie sie bezahlt wird. Sie sollte nicht davon abhängen, ob einzelne Mitarbeitende gerade eine Lösung improvisieren können. Einrichtungen sollten auch ihre Klienten nicht auffordern, dafür nicht qualifizierte Personen (Nachbarn oder minderjährige Kinder) mitzubringen.
Was wünschen Sie sich von Behörden, Schulen, Kitas, Ärzten und anderen Einrichtungen im Umgang mit Menschen, die noch nicht ausreichend Deutsch sprechen?
Wir wünschen uns, dass sie frühzeitig klären, ob für ein Gespräch sprachliche Unterstützung nötig ist, und dafür ausreichend Zeit einplanen. Hilfreich sind klare Sätze, verständliche Erklärungen und Raum für Rückfragen. Ein Nicken bedeutet nicht automatisch, dass alles verstanden wurde. Gerade bei sensiblen oder folgenreichen Gesprächen wünschen wir uns eine verlässlich organisierte Sprachmittlung. Kinder sollten nicht die Verantwortung tragen müssen, wichtige Gespräche für ihre Eltern zu dolmetschen. Man hat auch ein ungutes Gefühl, wenn sich die Behörden bei der Klärung von wichtigen Fragen auf die KI verlassen.
Am 26. September ist der Europäische Tag der Sprachen. Was kann eine Stadt wie Cuxhaven davon gewinnen, wenn Mehrsprachigkeit nicht als Hindernis, sondern als Teil ihrer Vielfalt verstanden wird?
Cuxhaven gewinnt Menschen, die ihre Fähigkeiten und Erfahrungen besser einbringen können. Mehrsprachigkeit kann den Austausch in Nachbarschaften, Schulen, Vereinen und im Arbeitsleben bereichern. Unsere Sprachmittelnden sind dafür ein gutes Beispiel: Sie nutzen ihre Sprachkenntnisse, um Verständigung zu ermöglichen. Deutsch zu lernen, bleibt wichtig. Gleichzeitig müssen Menschen auch während dieses Lernprozesses Zugang zu Beratung, Bildung und Unterstützung haben.
Das Projekt setzt auch auf die Fortbildung der Sprachmittler und eine professionelle Terminvermittlung. Wie werden die Sprachmittler auf ihre Einsätze vorbereitet und begleitet?
Bei der Aufnahme in den Pool wird die Eignung geprüft. Die Vermittlungsstelle koordiniert die Anfragen und Einsätze und steht mit den Sprachmittelnden sowie den Auftraggebern in Kontakt. Rückmeldungen zu den Einsätzen helfen dabei, Schwierigkeiten zu erkennen. Zum Qualifizierungskonzept gehören Einstiegsfortbildungen, Angebote zu einzelnen Einsatzbereichen und Themen wie die eigene Rolle, Abgrenzung und Selbstfürsorge. Eine Herausforderung ist, die Teilnahme mit den zeitlichen Möglichkeiten der Sprachmittelnden zu vereinbaren. Deshalb setzen wir verstärkt auf gemeinsame Online-Angebote mit den Projektpartnern.
Sie möchten mit dem Projekt weitere Einrichtungen und Dienste in Stadt und Landkreis für die Sprachmittlung gewinnen. Wie gut wird das Angebot inzwischen angenommen - und wo wünschen Sie sich noch mehr Nutzung?
Es gibt Einrichtungen, die das Angebot bereits nutzen, und die meisten dokumentierten Anfragen konnten zur Zufriedenheit der Auftraggeber erfüllt werden. Gleichzeitig versuchen wir, weitere Einrichtungen zu erreichen. Dafür stellen wir das Angebot in regionalen Netzwerken vor und suchen den direkten Austausch mit möglichen Auftraggebern. Mehr Nutzung wünschen wir uns insbesondere dort, wo wichtige Gespräche bisher an Sprachbarrieren scheitern oder nur mit improvisierter Unterstützung stattfinden. Dafür würden wir gern mit den Einrichtungen ins Gespräch kommen.
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