"Wie ein Fußball getreten": Verstörende Aufnahmen aus Hähnchenmast im Kreis Stade
Verstörende Videoaufnahmen aus einem Hähnchenmastbetrieb in Deinste (Kreis Stade) zeigen, wie Tiere getreten, geworfen und grob gepackt werden sollen. Die Tierrechtsorganisation Aninova hat Strafanzeige erstattet.
"Getreten, geworfen, misshandelt": Die Tierrechtsorganisation Aninova aus Sankt Augustin bei Bonn deckt Erschreckendes auf: Ihr liegen Videoaufnahmen vor, die "tote, kranke und geschwächte Tiere" im Stall zeigen sollen. Betroffen von der Tierquälerei seien ein Betrieb in Neuenkirchen-Vörden im Landkreis Vechta und einer in Deinste (Kreis Stade).
Wie Staatsanwalt Torsten Stein auf Nachfrage bestätigt, erstattete Aninova bei der Staatsanwaltschaft Oldenburg Strafanzeige gegen den Inhaber und Mitarbeiter des Betriebs in Deinste. Der Vorwurf: Verstoß gegen das Tierschutzgesetz aufgrund tierschutzwidriger Bedingungen in den Stallungen und tierschutzwidrigen Umgangs der Mitarbeiter mit den Hühnern. Laut Aninova sei der Betrieb Teil der Initiative Tierwohl.
Darum geht es bei dem Vorfall im Detail.
20.000 gemästete Tiere in fensterlosen Hallen in Deinste
Die betriebliche Situation. Der Hähnchenmastbetrieb in Deinste mäste rund 20.000 Hähnchen pro Mastdurchgang, heißt es in der Pressemitteilung von Aninova. Das bestätigt auch das Veterinäramt des Landkreises Stade auf Tageblatt-Anfrage. In dem Bestand lebten Hühner der "schnell wachsenden Mastlinie Ross 308" in fensterlosen Hallen, schreibt die Tierrechtsorganisation. Dort würden die Tiere innerhalb von rund 30 Tagen gemästet, bis sie bereit für die Schlachtung seien.
Der Betrieb in Deinste ist ein Zulieferer für die PHW-Gruppe und ihre Geflügelmarke Wiesenhof in Visbek. Das bestätigt die PHW-Gruppe. Wiesenhof stand in der Vergangenheit mehrmals wegen Tierquälerei und schlechter Haltungsbedingungen in ihren Zuliefermastbetrieben in der Kritik.
Tote Tiere und "verschimmelte Futterreste": Das wirft Aninova vor
Die konkreten Vorwürfe. Wie die Masthähnchen in Deinste behandelt beziehungsweise misshandelt wurden, zeigen Videoaufnahmen, die Aninova eigenen Angaben zufolge im Juli zugespielt wurden. Ein Rechercheteam habe laut Jan Peifer, dem Vorsitzenden von Aninova, die Vorfälle - nicht im Auftrag der Tierrechtsorganisation - gefilmt. Videomaterial, das dem Tageblatt vorliegt, bestätigt, dass ein Rechercheteam am 12. Februar 2026 in einem Stall in Deinste war, wie auch per Handy gefilmte Koordinaten beweisen.
Eine unter der Stalldecke platzierte Kamera filmt, wie eine vom Landwirt beauftragte Verladefirma aus wenigen Personen mit den Tieren umgeht. Das ist auf den Bewegtbildern zu sehen. Bei diesem Vorgang handle es sich Aninova zufolge um die Ausstallung, also das Abtransportieren des schlachtreifen Geflügels aus dem Stall zum Schlachthof.
"Die Videos zeigen einen äußerst groben Umgang: Hähnchen werden unter anderem an Kopf und Flügeln gepackt und gerissen, kopfüber getragen und in Transportboxen geworfen. Teilweise werden Tiere wie ein Fußball getreten", teilt die Organisation mit. Handlungen wie das Kopfüber-Tragen oder Treten seien Tierquälerei, weil sie gegen die europäische Tierschutztransportverordnung verstießen, so Aninova.
"Ich habe in den letzten Jahren selten einen so brutalen Umgang mit Hähnchen gesehen. Hier werden fühlende Lebewesen behandelt wie Ware, die möglichst schnell aus dem Stall geschafft werden muss", sagt Peifer. Aninova kritisiert neben dem Umgang auch die Bedingungen im Maststall.
Kritik: "verschimmelte Futterreste" und Antibiotika-Verabreichung in Deinste
Eine "konsequente Separierung" von erkrankten Hühnern sei im Videomaterial nicht erkennbar. Das würde bedeuten, dass erkrankte Tiere weiterhin bei den gesunden untergebracht sind.
Aninova hat interne, tierärztliche Bestandsunterlagen. Darin stellten Tierärzte "verschimmelte Futterreste" und zu niedrig eingestellte Tränken im Betrieb fest. Die Dokumente belegten den Einsatz von Antibiotika im gesamten Tierbestand.
Antibiotika seien laut Aninova-Angaben über das Trinkwasser verabreicht worden, so dass nicht einzelne erkrankte Tiere, sondern alle rund 20.000 Masthähnchen des Bestandes sie bekommen hätten. Das könne auch Konsequenzen für Konsumenten haben: Antibiotika-Rückstände im Fleisch gefährdeten die Gesundheit der Geflügelkäufer.
Auffälligkeiten in der Vergangenheit? Das sagen Landwirt, PHW-Gruppe und Veterinäramt
Die Reaktionen. Der Landwirt wollte sich auf Tageblatt-Nachfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Zum Vorfall äußert sich die PHW-Gruppe, die von Aninova eigenen Angaben zufolge nur einzelne Filmsequenzen bekam, auf Tageblatt-Anfrage so: "Bei der gezeigten Tierhaltung bei beiden Betrieben liegen nach unserer fachlichen Beurteilung keine Auffälligkeiten vor."
Landwirte von Zulieferbetrieben der PHW-Gruppe entfernten generell "einzelne tote oder nicht überlebensfähige Tiere" bei täglichen Stallrundgängen selbst aus dem Stall, heißt es im Statement.
Angesichts des Videomaterials beurteile die Unternehmensgruppe das Verhalten "von zwei Verlademitarbeitern" als "kritisch". Deswegen habe die PHW-Gruppe den Betriebsinhaber aufgefordert, "umgehend Strafanzeige gegen diese zwei Mitarbeiter der Verladekolonne zu erstatten". Das Kontrollsystem der PHW-Gruppe habe "bereits im März 2026 dazu geführt", "dass die entsprechende Verladefirma sich von der in den Videoaufnahmen in Deinste zu sehenden Verladekolonne getrennt hatte".
Während die Staatsanwaltschaft Stein am Mittwochnachmittag noch auf den Eingang des Videomaterials wartete, hat das Veterinäramt des Landkreises laut eigenen Angaben dieses am Montag erhalten. "Aufgrund dieses Videos werden wir Strafanzeige wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz stellen", heißt es in einer Mitteilung des Veterinäramts.
Der Mastbetrieb werde laut Veterinäramt alle sechs bis sieben Wochen vor Schlachtung des Geflügels im Zuge einer Lebenduntersuchung kontrolliert. 2025 habe es 15, in der Regel angekündigte Kontrollen auf dem Betrieb gegeben. Bei der jüngsten Kontrolle am 4. September "zeigten sich Mängel in der Biosicherheit des Betriebes". In dem Betrieb habe die Behörde bei Lebenduntersuchungen wiederholt Mängel registriert, "deren Abstellung von den Amtstierärzten angeordnet und nachkontrolliert wurde".
Von Thies Meyer
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