Wie ein Trans-Berater im Landkreis Cuxhaven für Sichtbarkeit kämpft
Im Landkreis Cuxhaven begleitet ein Trans-Berater Menschen auf ihrem Weg zu sich selbst. Er spricht über Angst, Akzeptanz und steigende Gewaltzahlen - und erklärt, warum Sichtbarkeit wichtig ist, aber auch Mut erfordert.
"Sichtbarkeit - was bedeutet das eigentlich? Gesehen werden wollen wir alle", meint Christian Schrettenbrunner. Er möchte Menschen vor allem eines nehmen: die Angst. Die Angst vor dem Unbekannten, vor dem Neuen, vor dem, was nicht in gewohnte Schubladen passt. Und er möchte Normalität zeigen. Er ist Trans-Berater. Menschen jeden Alters kommen zu ihm, wenn sie Unterstützung auf ihrer Reise zu sich selbst benötigen.
Ein Leben wie jedes andere
Seit fast 14 Jahren lebt der heute 68-Jährige mit seiner Frau im Landkreis Cuxhaven. "Auch transidentitäre Menschen haben ein Haus, sie fahren in den Urlaub, sie haben Katzen", sagt er lächelnd. Transidentität, Homosexualität - das gehöre zum Leben dazu wie Lehrer, Ärzte oder Handwerker. "Die Menschen erleben positive Dinge und negative. Wie alle anderen auch."
Immer wieder hört er, dass homosexuelle oder transidentitäre Menschen den Ratschlag erhalten: "Zieh doch in die Stadt, wenn du queer bist." Schrettenbrunner widerspricht. Warum sollten queere Menschen keinen Platz auf dem Land haben? "Vielleicht sollten wir uns öfter fragen: Was ist hinter der Fassade? Was macht einen Menschen wirklich aus?"

Zahlen, die eine Realität zeigen
Dass diese Fragen nicht theoretisch sind, zeigen Zahlen. Laut polizeilicher Kriminalstatistik wurden bundesweit zuletzt deutlich mehr Straftaten gegen queere Menschen registriert. Auch in Niedersachsen steigen die Fallzahlen seit Jahren. Die Dunkelziffer gilt als hoch - viele Betroffene zeigen Übergriffe nicht an. Allein die registrierten Straftaten gegen Menschen aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität haben sich in Deutschland seit 2020 mehr als verfünffacht und liegen inzwischen bei über 1100 Fällen jährlich.
Für 2025 wurden rund 2048 queerfeindliche Übergriffe insgesamt verzeichnet - das entspricht rechnerisch mehr als fünf Angriffen pro Tag. Beratungsstellen berichten zudem, dass Übergriffe nicht nur im öffentlichen Raum stattfinden, sondern vereinzelt auch in Kontexten, die eigentlich Schutz bieten sollen - etwa bei Veranstaltungen oder in queeren Treffpunkten.
Der jährlich am 17. Mai begangene International Day Against Homophobia, Biphobia and Transphobia (IDAHOBIT) erinnert an den 17. Mai 1990 - den Tag, an dem Homosexualität von der Weltgesundheitsorganisation nicht länger als Krankheit eingestuft wurde. Er macht auf genau diese Entwicklungen aufmerksam - und darauf, dass Sichtbarkeit für viele Menschen noch immer auch ein Risiko bedeutet.

Anerkennung, die konkret wird
Das Outing falle vielen transidentitären Menschen mit zunehmendem Alter schwerer. Jobs, soziale Netzwerke, Sicherheiten stehen auf dem Spiel. Studien zeigen zudem ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko bei trans Personen - nicht wegen ihrer Identität, sondern wegen Ausgrenzung, Ablehnung und fehlender Unterstützung. Für Schrettenbrunner ist Anerkennung deshalb mehr als ein Symbol. Die offizielle Namensänderung werde häufig als entlastend erlebt. "Das bin ich" - schwarz auf weiß. Diese Erfahrung habe er auch bei einem sechsjährigen Kind gemacht, dessen Eltern sich bei ihm beraten ließen. Mit der Namensänderung mussten auch Lehrkräfte das Kind anerkennen - ganz praktisch, ganz konkret.
In anderthalb Jahren wird Schrettenbrunner 70. Er blickt auf ein Leben zurück, das bunt war, vielfältig, manchmal anstrengend. Vielleicht hat ihn genau das gelehrt, mit Brüchen umzugehen. Ehrenamtlich engagiert er sich als Notfallseelsorger, arbeitet als Trauerbegleiter und ist in der Telefon- und Sterbebegleitung tätig.
Seit Kurzem nimmt er zudem an einem Kontaktstudium an der Universität Hamburg teil. Lernen, weiterdenken, offen bleiben. "Das bunte Leben ist nicht schlimm", sagt er. "Schlimm ist es, nicht zu lernen, damit umzugehen."
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