Der "Verity"-Untergang 2023: Das passierte an Bord des Cuxhavener Seenotretters
Fest vertäut liegt die "Anneliese Kramer" an ihrem Liegeplatz im Cuxhavener Fährhafen. Es ist still an Bord. Doch mit der Ruhe kann es jederzeit vorbei sein. So auch am frühen Dienstagmorgen des 24. Oktober 2023. Vormann Holger Wolpers erinnert sich.
Der Frachter "Verity" kollidiert gegen 5 Uhr Ortszeit etwa 12 Seemeilen südwestlich von Helgoland mit dem größeren Frachtschiff "Polesie" und sank innerhalb von 20 Minuten.
Die vierköpfige Besatzung der "Anneliese Kramer" wurde gegen halb 6 von der Rettungsleitstelle See informiert, dass südlich von Helgoland zwei Fahrzeuge kollidiert sind, eines gesunken ist und sich acht Personen im Wasser befinden. Nach einer solchen Alarmierung setzt bei den Seenotrettern Routine ein - jeder an Bord führt die Aufgaben durch, die auch sonst vor dem Ausrücken erledigt werden müssen.
Während es draußen noch dunkel war, weckte der 1. Vormann Holger Wolpers seine Kollegen. Der Maschinist stellte die Maschinen an, die Decksbesatzung klappte die Gangway hoch und trennte die Landstromverbindung. Holger Wolpers machte inzwischen den Fahrstand fertig. Danach ging es mit Volldampf Richtung Unglücksstelle. "Innerhalb von fünf Minuten waren wir startklar", erzählt Wolpers.
Holger Wolpers erinnert sich noch gut an den Einsatz, der im Nachhinein einer der größten der vergangenen 25 Jahre für die Besatzung der in Cuxhaven stationierten "Anneliese Kramer" werden sollte.
"Mit Tagesanbruch sind wir an der Unglücksstelle angekommen. Über Funk konnten wir bereits Bruchstücke davon mitbekommen, was draußen passiert. Natürlich haben wir so auch erfahren, dass die 'Hermann Marwede‘ sowie andere Fahrzeuge und Hubschrauber im Einsatz sind. So wussten wir auch, dass bereits eine Person aus dem Wasser gezogen wurde", erinnert sich Wolpers.
"Wir haben uns in den Suchverband eingeklinkt"
"Wir wussten, dass die 'Hermann Marwede‘ die OSC innehat, und haben daher dort angefragt, was unsere Aufgabe ist", sagt Wolpers und ergänzt: "Dann haben wir natürlich schon ein paar Meilen vor der Unglücksstelle mit Scheinwerfern gesucht."
Als On-Scene-Coordinator (OSC) bezeichnet man in der Seenotrettung das Schiff, das die Einsatzleitung vor Ort bei einem Seenotfall innehat. "Wir haben uns dann in den Suchverband eingeklinkt. Das Erste, was wir gesehen haben, war eine geschlossene Rettungsinsel. Daraufhin haben wir aufgestoppt und sind zurückgefahren. Da war sie gerade dabei, sich selbst aufzupusten. Dass da niemand drin ist, war klar. Später kamen uns Besen und alles, was schwimmt, entgegen", erinnert sich Wolpers und ergänzt: "Irgendwann sind wir durch einen Ölteppich gefahren. Es roch stark nach Diesel."
Dann wurde das Suchfeld erneut verschoben. "Da haben wir kaum noch etwas gefunden." Zwei der sieben Besatzungsmitglieder haben den Untergang am Ende überlebt und konnten gerettet werden.
Auf die Frage, was einem bei einem solchen Rettungseinsatz durch den Kopf geht, sagt der Cuxhavener Seenotretter: "Man fühlt natürlich mit, aber man darf es nicht an sich heranlassen. Das ist so wie beim Rettungsdienst oder der Feuerwehr. Man funktioniert." Wolpers führt fort: "Wenn jemand darüber reden möchte oder wir merken, dass bei einem Kollegen Bedarf besteht, haben wir die Möglichkeit, in Bremen bei der Gesellschaft anzurufen, um seelsorgerische Unterstützung zu bekommen."
"Gehofft, dass niemandem etwas passiert"
Seit November 1997 ist Holger Wolpers in Cuxhaven stationiert und hat einen ähnlich großen Einsatz bislang nur einmal erlebt. "Ich war damals beim Brand auf der 'Pallas‘ dabei. Das war ein Jahr nach dem ich angefangen habe", erzählt der Vormann. Im Einsatz war er damals auf der 'Hermann Helms‘. "Da mussten wir nicht suchen, aber die große Hitze war bei der Bergung ein Problem und für uns das schlechte Wetter. Wir haben beim Kühlen unterstützt. Die Temperaturen waren so extrem, dass ein Kran der 'Pallas‘ geschmolzen ist. Wir haben einfach gehofft, dass niemandem etwas passiert." Windstärke 10 und bis zu acht Meter hohe Wellen erschwerten damals den Einsatz. Der aus Grünendeich im Alten Land stammende Holger Wolpers war damals noch 3. Vormann.
Nach der Schule lernte Holger Wolpers Schiffsmechaniker. Nach der Ausbildung und einigen Jahren auf See erwarb er das Kapitänspatent. Zehn Jahre fuhr er für die Reederei SAL Schifffahrtskontor Altes Land mit Schwer- und Stückgut um die Welt. 1995 wechselt er für zwei Jahre als Schiffsgutachter in den Hamburger Hafen - dann begann seine Zeit bei den Seenotrettern.
Weitere Geschichten rund um die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) können in der aktuellen Fernsehserie "Die Seenotretter" angeschaut werden.

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