Optimismus an der Seefahrtschule. Schülerzahlen steigen und Baumaßnahmen zur Modernisierung der Schule werden durchgeführt. Foto: Larschow
Optimismus an der Seefahrtschule. Schülerzahlen steigen und Baumaßnahmen zur Modernisierung der Schule werden durchgeführt. Foto: Larschow
Interview 

Zwischen Flaute und Aufwind: Cuxhavener Schulleiter sieht Chancen für den Nachwuchs 

von Tim Larschow | 04.07.2026

Eine Branche mit Zukunft: Detlef Graven, Schulleiter der Staatlichen Seefahrtschule Cuxhaven, spricht im Interview über Chancen für junge Menschen, den Wandel durch Digitalisierung und darüber, warum eine Karriere auf See heute noch faszinierend ist.

Zwischen Aufwind und Zukunftsfragen: Die Staatliche Seefahrtschule Cuxhaven blickt nach schwierigen Jahren wieder optimistischer in die Zukunft. Steigende Schülerzahlen, laufende Modernisierungsmaßnahmen und ein wachsendes Interesse an maritimen Ausbildungswegen machen Schulleiter Detlef Graven Hoffnung. 

Herr Graven, wie würden Sie die aktuelle Situation der Staatlichen Seefahrtschule Cuxhaven beschreiben? Welche Entwicklungen prägen die Schule derzeit besonders?

Also, wenn ich es seemännisch ausdrücke, dann würde ich sagen, dass wir durch eine Riesenflaute gekommen sind. So langsam frischt der Wind aber auf und die Schülerzahlen steigen. Außerdem werden jetzt Baumaßnahmen an der Schule durchgeführt. Wir werden uns also moderner präsentieren können und gleichzeitig verzeichnen wir durch die Schiffsmechanikerausbildung wieder mehr Zulauf. Zudem steigt das Interesse an der SBTA-Ausbildung und das stimmt mich durchweg positiv.

Die Zahl der Auszubildenden und Studierenden in der Seefahrt ist seit Jahren rückläufig. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Das Land hat viele Krisen durchlebt. Wirtschafts-, Corona- und weitere Krisen. Ich hoffe und bin zuversichtlich, dass wir auch hier wieder im Aufwind sind.

Es heißt, dass qualifizierte Seeleute dringend gesucht werden - insbesondere bei Behörden wie der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung, der Wasserschutzpolizei oder dem Zoll. Welche Berufsperspektiven haben Absolventinnen und Absolventen Ihrer Schule heute und ist der Arbeitsmarkt tatsächlich so aufnahmefähig?

Ich glaube, gerade im behördlichen Bereich, also zum Beispiel bei der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung, haben viele unserer ehemaligen Schüler ihren Arbeitsplatz gefunden. Doch wenn aus der Seefahrt kein Nachwuchs kommt, dann haben auch die nachgeordneten Berufe Probleme, Stellen zu besetzen. Wir suchen selbst seit drei Jahren einen Seefahrtoberlehrer aus dem Bereich Technik. Die Frage ist nur, wie bereit die jungen Leute heutzutage noch sind, eine solche Ausbildung anzutreten und die Komfortzone "Zuhause" zu verlassen. Insgesamt weiß ich, dass in der Seefahrt nach wie vor fähige Seeleute mit deutschen Schulabschlüssen gesucht werden.

Welche Fähigkeiten und persönlichen Eigenschaften sollten junge Menschen mitbringen, wenn sie eine Karriere in der Seefahrt anstreben?

Man sollte offen sein für Neues, ein Teamplayer sein. Der Kapitän kann ohne den Koch nicht und der Koch hat keinen Job, wenn der Kapitän das Schiff nicht bewegt. Wenn man zur See fährt, ist das Schiff auf sich allein gestellt. Man hat nur die Besatzung des Schiffes und ist aufeinander angewiesen. Es gibt nicht wie an Land einen ADAC, der vorbeikommt, wenn man einen Platten hat. Man muss seine Probleme selbst lösen. Diese Art der Problemlösung ist in der Seefahrt im Vergleich zu anderen Branchen beinahe einzigartig. Die Internationalisierung ist auch ein schönes Thema - mal über den Tellerrand hinausschauen. Dadurch erlangt man auch eine Weitsicht, die man an Land sonst nicht bekommt.

Die Seefahrt hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Welche Rolle spielen Digitalisierung, Automatisierung und moderne Schiffstechnik inzwischen in der Ausbildung?

Ja, das hat sie sich durchaus. Wenn ich zum Beispiel an unser Elektrolabor denke, wo mittlerweile auch die selbstständige Programmierung von Anlagen eine Rolle spielt. Die Digitalisierung wird noch ein großes Thema. Es geht immer mehr um Datensicherheit, automatisierte Systeme und letztendlich auch autonome Schifffahrt. Hier ist viel Spannendes, was auf uns zukommt. Aber man sollte mit der Digitalisierung keine Grenzen überschreiten.

Viele junge Menschen wünschen sich heute eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Hat die Seefahrt auf diese veränderten Erwartungen bereits reagiert?

Ich sage mal, als ich noch zur See gefahren bin, war ich bereit, acht Monate am Stück zu fahren, um anschließend vier Monate Urlaub zu haben. Das war damals der Rhythmus. Wenn man heute etwa auf die Spezialschifffahrt schaut, ist man 14 Tage an Bord und 14 Tage zu Hause. In der Großen Fahrt ist es üblich, vier Monate zu fahren und anschließend zwei Monate zu Hause zu sein. Da hat sich viel verändert. Wenn man aber zu Hause bei Familie und Kind sein will, ist und bleibt die Große Fahrt eine Herausforderung.

Welche Maßnahmen ergreift die Seefahrtschule, um mehr junge Menschen für maritime Berufe zu begeistern? Reichen diese aus oder braucht es mehr Unterstützung aus Politik und Wirtschaft?

Unterstützung können wir nie genug kriegen. Unsere Maßnahmen selbst beschränken sich auf Berufsfindungsmessen, unseren Internetauftritt mit Formaten wie Podcasts, aber damit stoßen wir auch an unsere Grenzen. Die Lehrkräfte sollen schließlich in der Schule sein und unterrichten und nicht von Messe zu Messe tingeln. Da ist die Berufsbildungsstelle Seeschifffahrt in Bremen gefragt, um Werbung zu machen, sowie der Verband Deutscher Reeder.

Detlef Graven, Schulleiter der Staatlichen Seefahrtschule Cuxhaven. Foto: Larschow

Welche Bedeutung hat der Standort Cuxhaven für die maritime Ausbildung in Deutschland?

Die Seefahrtschule ist entstanden aus den Belangen der Wirtschaft. Damals wurde aus den Reihen der Fischerei gesagt: "Wie schön wäre es, wenn wir alle einen einheitlichen Standard hätten." Das ist 1928 passiert mit der Schulgründung. Im Laufe der Zeit hat sich die Schule dann zu einem Gemischtwarenladen entwickelt. Das ist etwas Positives, denn wir sind die einzige Seefahrtschule Deutschlands, die alle Fachbereiche - Nautik, Technik und Fischerei - an einem Standort vereint. Deshalb sollte man den Standort auch erhalten.

Welche Chancen bietet die Region für angehende Seeleute? 

Mit Blick auf die vielen Reedereien sehr gut. Der Hafen und die Region bieten ein tolles Portfolio, welches wir den Schülern anbieten können. Und auch bei uns am Schwarzen Brett hängt häufig die Information, dass Besatzungsmitglieder gesucht werden.

Was würden Sie einer 16- oder 18-jährigen Schülerin oder einem Schüler sagen, der überlegt, eine Laufbahn in der Seefahrt einzuschlagen? Warum lohnt sich dieser Beruf auch heute noch?

Ich denke an meine Zeit zurück. Ich wollte die Welt sehen und herumkommen. Und genau das kann junge Menschen noch heute antreiben. Man ist ständig auf Achse. Selbst wenn man schläft, ist das Schiff unterwegs. Man lernt Länder und Leute kennen und das sollte man sich nicht entgehen lassen. Ich kann noch heute ohne schlechtes Gewissen einem jungen Menschen empfehlen, sich einen Job auf See zu suchen. Später kann man sich immer noch umorientieren und beispielsweise einen Job an Land suchen. Ich habe als junger Mann nie gedacht, dass ich mal Schulleiter einer Seefahrtschule werden würde. Die Entwicklungsmöglichkeiten aus den nautischen oder technischen Jobs heraus sind so vielfältig - man muss nicht immer auf See bleiben.

Wenn Sie einen Wunsch an Politik, Behörden und Reedereien frei hätten, um die Zukunft der Seefahrt in Deutschland zu sichern - welcher wäre das?

Es wäre mein Wunsch, dass die Seefahrt in der Politik einen höheren Stellenwert bekommt, der nach außen kommuniziert wird. Wir müssen daran arbeiten, die Seefahrt positiver darzustellen. Der Wunsch an die Bundespolitik wäre ein Ausbildungsschiff. Ein Schiff, auf das alle Schulen Zugriff hätten, um nicht nur am Simulator, sondern auch am 'Realator‘ eine nachhaltige Ausbildung anzubieten. Mit aktuellen Geräten und aktuellen Problemstellungen. Das würde die Ausbildung deutlich voranbringen.

Optimismus an der Seefahrtschule. Schülerzahlen steigen und Baumaßnahmen zur Modernisierung der Schule werden durchgeführt. Foto: Larschow

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