Die Motte in der Matrix
Seit Jahren begeistert die Kolumne "Moin Cuxhaven" die Leserschaft der Cuxhavener Nachrichten und der Niederelbe-Zeitung. Inzwischen sorgt die Rubrik auch auf cnv-medien.de für Unterhaltung. Heute geht es um ein denkwürdiges Experiment.
Eine Motte irrt im Zickzackkurs durch die Nacht - reagiert auf Lichtreize, Geräusche oder Magnetfelder. Letztere werden mit großen Spulen erzeugt, Schallwellen dringen aus sogenannten Audio-Arrays. Und die "Nacht" ist eine Halle am Bodensee. Die Motte ahnt davon nichts, ebenso wenig weiß sie um ihre Rolle in einem ausgeklügelten Experiment: Schwarmverhalten wollen Forscher der Universität Konstanz analysieren; eine Rolle spielt dabei nicht zuletzt der sprichwörtliche Drang der genannten Insekten zum Licht. Der ist - vorsichtig ausgedrückt - wenig vernünftig, aber ein maßgeblicher Grund, warum sich die Motte als Versuchskaninchen qualifiziert hat. Der Falter ist eigentlich nur ein Platzhalter; aus seinem Verhalten möchten die Wissenschaftler Rückschlüsse ziehen - auf die Dynamik, die entsteht, wenn wir Zweibeiner in großen Gruppen agieren.
Richtig gelesen: Es geht im letzter Konsequenz um uns selbst, um das Phänomen menschlicher Gruppenentscheidungen, die zum Teil irrational wirken - und oft genug auch tatsächlich schiefgehen. Dass die Konstanzer ausgerechnet eine Motte ausgesucht haben, um zu spiegeln, wie der Homo sapiens tickt, ist natürlich eine bittere Pille für unser Selbstverständnis als Menschen: Gefühlt sind wir auf dem Sprung, die letzten Geheimnisse des Universums zu lüften. In Wahrheit aber bauen wir eine High-Tech-Scheune, nur um uns von einem Insekt, das sich vorzugsweise von alten Socken ernährt, unser Dasein erklären zu lassen.
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