Moin Cuxhaven 

Ein Album voller stiller Weisheit

von Jens Potschka | 05.06.2026

Seit Jahren begeistert die Kolumne "Moin Cuxhaven" die Leserinnen und Leser der Cuxhavener Nachrichten und der Niederelbe-Zeitung. Inzwischen sorgt die Rubrik auch auf cnv-medien.de für Unterhaltung. Heute geht es um das Poesiealbum.

Es gibt Gegenstände, die altern würdevoll. Ein guter Mantel. Ein Spazierstock. Vielleicht auch ein Gesicht. Aber kaum etwas trägt die Zeit so still und unbestechlich in sich wie ein Poesiealbum. Rot ist es, aus Leder, mit einem goldenen Schnappverschluss, als hätte schon seine äußere Form beschlossen, dass Erinnerungen etwas Kostbares seien.

Meine Frau schlug ihres auf, und plötzlich saßen nicht mehr zwei Erwachsene am Tisch, sondern all die Menschen von damals gleich mit: Eltern, Großeltern, Lehrerinnen, Mitschülerinnen. Ein ganzes vergangenes Leben meldete sich zu Wort. Handschriftlich!

Das ist vielleicht der größte Unterschied zu heute. Damals musste man sich Zeit nehmen, um jemandem etwas mitzugeben. Kein Emoji konnte einspringen. Wer in ein Poesiealbum schrieb, dachte nach. Über den anderen. Über das, was bleiben sollte. Und erstaunlicherweise blieb genau das. Eine Musiklehrerin malte Noten ins Album und schrieb ein Lied von Matthias Claudius dazu: "Ich danke Gott und freue mich wie's Kind zur Weihnachtsgabe." Ein Satz aus einer langsameren Welt. Einer Welt, in der Dankbarkeit noch keine Wellnessvokabel war, sondern tägliche Übung.

Eine andere Lehrerin notierte: "Nicht mit der Laterne, mit dem Herzen suche die Menschen." Zehn Worte. Aber wahrscheinlich braucht man ein halbes Leben, um sie wirklich zu verstehen. Besonders schön dieser Vers: "Oben sind bewegte Wellen, doch die Perle liegt am Grunde." Das klingt nach Meeresrauschen und nach Wahrheit zugleich. Wer Menschen nur an ihrer Oberfläche misst, kennt am Ende bloß ihre Unruhe.

Und dann der Satz ihres Vaters: "Bist du allein, so denke an deine eigenen Fehler. Bist du in Gesellschaft, vergiss die Fehler der anderen." Man möchte ihn jedem Kommentarspaltenbewohner über den Bildschirm hängen. Vielleicht wäre die Welt nicht friedlicher, aber zumindest etwas höflicher.

Ein Poesiealbum ist kein Buch. Es ist ein handgeschriebenes Gedächtnis der Zuneigung. Und wer aufbewahrt, was einmal liebevoll gemeint war, rettet mehr als Papier. Er rettet Haltung. 

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