Moin Cuxhaven

Schafe wissen es längst

von Jens Potschka | 27.06.2026

Seit Jahren begeistert die Kolumne "Moin Cuxhaven" die Leserinnen und Leser der Cuxhavener Nachrichten und der Niederelbe-Zeitung. Inzwischen sorgt die Rubrik auch auf cnv-medien.de für Unterhaltung. Heute geht es um die Weisheit der Schafe.

Wer dieser Tage morgens aus dem Fenster schaut, könnte fast meinen, die Nordsee habe ihren Antrag auf Dauerurlaub durchbekommen. Blauer Himmel, warme Luft, ein Wind, der eher streichelt als schubst. Für Cuxhavener Verhältnisse ist das schon beinahe verdächtig. Man wartet förmlich darauf, dass irgendwo eine Möwe mit Sonnenbrille auftaucht.

Joachim Ringelnatz hätte seine Freude daran gehabt. Er empfiehlt uns, ein Wölkchen aus dem Himmel zu zupfen, den Hut mit einem grünen Zweig zu schmücken und uns ins Gras zu legen. Ein bemerkenswerter Vorschlag in einer Zeit, in der viele Menschen selbst für die Entspannung noch einen Termin im Kalender brauchen. Dabei liegt die Weisheit des Sommers oft direkt vor unserer Haustür. Am Deich zum Beispiel. Dort, wo Schafe stoisch das tun, was sie seit Jahrhunderten tun: Schaf sein. Eine Eigenschaft, um die man sie gelegentlich beneiden könnte. Kein Schaf scrollt durch schlechte Nachrichten. Kein Schaf fragt sich, ob es im Leben schon genug erreicht hat. Es frisst Gras und schaut aufs Meer. Nicht die schlechteste Strategie.

Die große Kunst dieser warmen Tage besteht vielleicht darin, den eigenen Gedanken einmal Auslauf zu verweigern. Ringelnatz schreibt, das Denken solle nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf. Das klingt zunächst nach einer etwas eigenwilligen Maßeinheit, wäre aber vermutlich gesünder als manches, womit wir uns sonst beschäftigen. Während anderswo über Work-Life-Balance referiert wird, genügt hier oft ein Platz in der Sonne, ein Fischbrötchen in Reichweite und der Blick auf das Watt. Mehr Wellness hat die Küste selten versprochen. Also gönnen wir uns heute ein wenig Sommerfrische. Lassen die Wolken ziehen, die Termine warten und die Sorgen für ein Stündchen allein zu Hause sitzen. Und wenn Ihnen auf dem Weg durch die Stadt ein besonders zufriedener Mensch begegnet, dann ist das vielleicht gar kein Urlaubsgast. Sondern einfach jemand, der endlich verstanden hat, was die Schafe längst wissen. Und genießen Sie die Wärme, solange bis das Wetter wieder norddeutsch wird.

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