Moin Cuxhaven

Vergessene Schätze: Was alte Schubladen über uns verraten

von Jens Potschka | 30.05.2026

Seit vielen Jahren begeistert die Kolumne "Moin Cuxhaven" die Leserinnen und Leser der Cuxhavener Nachrichten. Inzwischen sorgt die Rubrik auch auf cnv-medien.de für Unterhaltung und Information. Heute geht es um das stille Archiv.

Es gibt Schubladen, die sind keine Möbelstücke mehr, sondern Zeitmaschinen mit schwergängigem Auszug. Man öffnet sie selten. Und wenn doch, dann wie jemand, der eine verlassene Bahnhofshalle betritt: vorsichtig, fast ehrfürchtig. Dort liegen sie. Konzertkarten aus Sommern, deren Hitze längst verweht ist. Bedienungsanleitungen für Geräte, die nicht einmal mehr Strom bekämen. Einzelne Schlüssel ohne Schloss. Briefe von Menschen, deren Handschrift uns heute fremder vorkommt als ihre Gesichter.

Warum heben wir Dinge auf, die wir nie wieder anschauen?

Vielleicht, weil der Mensch das einzige Wesen ist, das seiner eigenen Vergänglichkeit Archivschränke baut. Der Hamster sammelt Vorräte, wir sammeln Bedeutungen. In jedem Kassenzettel von 2009 steckt der stille Protest gegen das Vergehen der Zeit. Wegwerfen hieße, anerkennen, dass etwas endgültig vorbei ist. Und Endgültigkeit ist ein Wort, das wir zwar grammatikalisch beherrschen, aber seelisch nur widerwillig akzeptieren.

Gerade hier oben, zwischen Wind, Watt und Wetterlage, kennt man das Aufheben noch als eine Form der Lebensklugheit. "Kann man ja noch gebrauchen", sagt man in Cuxhaven mit jener norddeutschen Nüchternheit, hinter der sich oft etwas viel Zärtlicheres verbirgt: die Weigerung, Erinnerungen der Müllabfuhr zu überlassen.

Dabei schauen wir diese Dinge kaum noch an. Die alte Muschelkette aus Duhnen liegt seit Jahren in einer Dose. Unzählige Urlaubsfotos vergilben friedlich vor sich hin. Aber das Entscheidende ist vielleicht gar nicht das Anschauen. Es ist das Wissen, dass sie noch da sind. Wie kleine Bojen im eigenen Lebensmeer. Beweise dafür, dass wir einmal jemand anderes waren. Jünger, verliebter, mutiger. Oder einfach nur mit besseren Knien.

Und vielleicht ist genau das die heimliche Aufgabe all dieser nutzlosen Dinge: Sie erinnern uns nicht an die Vergangenheit. Sie erinnern uns daran, dass wir eine haben.

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