Moin Cuxhaven

Wenn Vierjährige Manager-Wochen absolvieren

von Jens Potschka | 26.01.2026

Seit Jahrzehnten begeistert die Kolumne "Moin Cuxhaven" die Leserinnen und Leser der Cuxhavener Nachrichten. Inzwischen sorgt die Rubrik auch auf cnv-medien.de für Unterhaltung und Information. Heute geht es um Kinder mit vollen Terminkalendern.

Burn-out betrifft längst nicht mehr nur Pflegekräfte oder Lehrende, sondern zunehmend auch junge Menschen. Während Krankenkassen von steigenden Fallzahlen berichten und Therapieplätze knapp werden, reagieren wir mit einem paradoxen Rezept: Wir erhöhen den Druck. Und beginnen damit immer früher.

Neulich auf dem Spielplatz in Duhnen: Eine Mutter telefoniert, während ihr Sohn auf ein Gerüst klettert. "Nein, dienstags geht nicht, da hat er Schwimmkurs. Mittwoch Musikunterricht, donnerstags Turnen." Der Junge ist vielleicht vier Jahre alt. Seine Woche ist durchgetaktet wie die eines Managers.

Kindheit gilt vielerorts nicht als Lebensphase mit Eigenwert, sondern als Vorbereitungszeit, als Strecke, die möglichst effizient zurückgelegt werden soll. Bildungspläne und Kompetenzraster strukturieren den Alltag in vielen unserer Kitas und Grundschulen, flankiert von Sport, Musik, Sprachen und Förderangeboten. Freie Zeit wird zur Lücke, die gefüllt werden muss.

Die Botschaft ist subtil, aber wirksam: Stillstand ist Rückschritt. Wer früh beginnt, ist im Vorteil. Doch wohin führt dieser Dauerlauf? Wenn immer mehr Erwachsene ausgebrannt sind, liegt der Verdacht nahe: Wir fordern nicht zu wenig, sondern zu früh und zu viel.

Kindheit braucht Zeit zum Zwecklosen. Zum Buddeln am Strand, ohne dass dabei etwas Sinnvolles entstehen muss. Zum Spielen ohne Anleitung, zum Scheitern ohne Zeugnis. Persönlichkeit entsteht nicht im Dauerlauf, sondern im Innehalten. Resilienz wächst aus Beziehungen, aus Verlässlichkeit und dem Gefühl, auch ohne Leistung genug zu sein.

Vielleicht sollten wir Kindheit wieder mehr als Prozess betrachten, nicht als Projekt. Letzte Woche saß ein Mädchen mit dicker Daunenjacke auf einer Bank am Kurpark und starrte einfach nur in den Himmel. Etwa fünf Minuten lang. Nichts Besonderes - und doch das Wertvollste: einfach nur da sein.

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Jens Potschka

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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