Traurige Gewissheit im August 2004: Levke war ermordet worden. Trauernde legten an den Schildern mit der Aufschrift "Levke, wo bist du?" Blumen nieder. Archivfoto: Reese-Winne
Traurige Gewissheit im August 2004: Levke war ermordet worden. Trauernde legten an den Schildern mit der Aufschrift "Levke, wo bist du?" Blumen nieder. Archivfoto: Reese-Winne
Zwei Kinder auf dem Gewissen

20 Jahre nach dem Mord an Levke in Cuxhaven: Was heute über die Tat bekannt ist

von Maren Reese-Winne | 30.05.2024

20 Jahre ist es her, dass das Verschwinden der achtjährigen Levke aus Altenwalde blankes Entsetzen in Cuxhaven auslöste. Eine TV-Dokumentation für das ZDF zeigt, was sich damals hinter den Kulissen abspielte - ohne dabei voyeuristisch zu sein.

Dreieinhalb Monate, nachdem Levkes späterer Mörder sie vor ihrem Elternhaus in Franzenburg in sein Auto gelockt hatte, war nach dem Auffinden ihrer sterblichen Überreste im sauerländischen Attendorn ihr Tod traurige Gewissheit.

Ermittler und Angehörigenbetreuer berichten

Eine 45-minütige Dokumentation der Reihe "XY gelöst" im ZDF stellt jetzt das Geschehen nach und legt dabei einen besonderen Fokus auf die Ermittlungsarbeit der Polizei Cuxhaven. Karsten Bettels, damals Leiter des Zentralen Kriminaldienstes, und Angehörigenbetreuer Uwe Sandrock erklären ausführlich das Vorgehen, das sie auf die Spur des später als Mörder verurteilten Marc H. brachte.

Szene aus der Dokumentation "Der Zufallsmörder": Moderator Sven Voss mit Uwe Sandrock und Karsten Bettels (Polizei Cuxhaven, beide inzwischen im Ruhestand). Foto: Screenshot

Als sehr authentisch dargestellt empfindet Zeitzeuge Uwe Sandrock den Beitrag. Auch wenn kein Cuxhavener Schauplatz gezeigt wird und Namen verändert werden - auch der des achtjährigen Jungen, den der Täter wenige Monate nach dem Mord an Levke tötete - gefriert allen, die diese Zeit in Altenwalde miterlebt haben, bei einigen Szenen das Blut in den Adern.

Ein ganzes Dorf war im Schockzustand

Das ganze Dorf befand sich schlagartig am 6. Mai 2004 im Schockzustand, während die Feuerwehr mit Lautsprecherwagen durch die Straßen fuhr und nach Levke rief, die nach der Schule vor ihrem Elternhaus von dem zufällig herumfahrenden Marc H. entdeckt und unter dem Vorwand, ihre Mutter sei im Krankenhaus, überredet worden war, in sein Auto einzusteigen. "Der Zufallsmörder" - so lautet auch der Titel der Reportage, die am Mittwoch (29. Mai 2024) im ZDF ausgestrahlt wurde. Vermutlich entschieden nur wenige Minuten über Levkes Schicksal.

An der Franzenburger Schule suchte die Polizei Cuxhaven das Gespräch mit Nachbarn und Eltern. Archivfoto: Reese-Winne

Während Angehörigenbetreuer der Polizei Cuxhaven Eltern und Geschwistern zur Seite standen, Nachbarn ihre Schuppen durchsuchten und Presseaufrufe gestartet wurden, war Levke schon tot, erdrosselt in einem Waldstück in Flögeln. Am nächsten Morgen wurden am dortigen Waldparkplatz ihr Schulranzen, ihre Jacke und weitere persönliche Gegenstände entdeckt.

Angehörigenbetreuung auch Aufgabe der Polizei

Vom Zeitpunkt des Verschwindens an setzte parallel zu den Ermittlungen zum Sachverhalt die Betreuung der Angehörigen; ebenfalls ein wesentlicher Bestandteil der Polizeiarbeit. Viele Stunden verbrachten Uwe Sandrock und Kollege Ralf Beyer in den darauffolgenden Wochen und Monaten in der Familie - "bis hin zur Urteilsverkündung", berichtet Uwe Sandrock.

Bilder einer Überwachungskamera bildeten wichtiges Indiz

Mit dem Entdecken der persönlichen Gegenstände war klar, dass es nicht mehr um einen bloßen Vermisstenfall, sondern um ein Verbrechen ging: Entführung, sexueller Missbrauch oder gar Mord. Wie sich bei der Sonderkommission Stück für Stück die Teile eines Puzzles zusammensetzten, erklärt Karsten Bettels im Gespräch mit Moderator Sven Voss: Untersuchung einschlägig vorbelasteter Personen, Befragungen, Verfolgung von Hinweisen, Umfeldbetrachtung. Duplikate der Kleidung Levkes wurden beschafft, die Familie bei der Gestaltung eines Schaukastens am Waldparkplatz einbezogen. Bilder einer Überwachungskamera bildeten später eines der Indizien, die zum Täter führten.

Der Zusammenhang der insgesamt drei Schauplätze - Ort des Verschwindens, Waldparkplatz Flögeln und Ablageort der Leiche - führte die Polizei zum Mörder der achtjährigen Levke. Grafik: dpa

Wer hat Beziehungen zu beiden Orten?

Vorerst aber blieb die Polizei ratlos. Erst die Entdeckung der Leiche bei Attendorn im Sauerland lieferte neue Ansatzpunkte: "Wer hat Bezüge zu beiden Regionen und pendelt regelmäßig hin und her?", wurde per Presseaufruf gefragt. Ein Name unter 500 Hinweisen wurde zweimal genannt: Marc H., der bereits einschlägig aktenkundig gewordene Bremerhavener.

"Mit Aussage selbst ans Messer geliefert"

Fernsehbilder zeigten Polizisten, die säckeweise Äste und Blätter vom Auffindeort zu bereitstehenden Fahrzeugen schleppten, damit diese auf Haare oder andere Spuren des Täters untersuchten würden. "Einzigartig in der deutschen Kriminalgeschichte", wie Sven Voss feststellt. Ob diese Untersuchungen wirklich durchgeführt wurden, bleibt ungewiss, auf jeden Fall aber erreichte die Nachricht darüber auch Marc H., wie sich später herausstellte.

Trotz den ungeheuren Drucks, der sich da bereits aufgebaut haben musste, suchte er sich am 30. Oktober 2004 in Hipstedt (Kreis Rotenburg) ein neues Opfer, den auf dem Nachhauseweg zufällig vorbeikommenden achtjährigen Nils (so der geänderte Name in der Reportage). Er missbrauchte und tötete ihn und versenkte den Leichnam bei Bramel in der Geeste.

Ein einiges Mal die Geschehnisse erzählt

Davon ahnte die Polizei noch nichts, als nach einer Vorladung zum Fall Levke die Beweislast um den mutmaßlichen Täter immer erdrückender wurde und er sich durch seine Aussagen "quasi selbst ans Messer lieferte" (Zitat Sven Voss). Nur eines fehlte dem Chefermittler: das Geständnis. Bis zur entscheidenden, sorgsam vorbereiteten Vernehmung auf der Dienststelle im Dezember 2004, an dem Marc H. alles erzählte; zum ersten und einzigen Mal übrigens. "Da sind auch bei dem einen oder anderen bei uns Tränen geflossen", berichtet Karsten Bettels.

Pressekonferenz im Cuxhavener Kreishaus am 8. Januar 2005: Karsten Bettels, Leiter der SOKO "Levke", und Petra Guderian, Leiterin der SOKO in Rotenburg. Am Tag zuvor hatte der Täter die zweite Tat gestanden, woraufhin die Kinderleiche am angegebenen Ort gefunden wurde. Archivfoto: Reese-Winne

Mörder: "Es hätte auch 1000 Kinder treffen können"

Monate später offenbarte sich der Täter (in der Reportage zitiert mit dem Satz "Bei passender Gelegenheit hätte es auch 1000 Kinder treffen können") einem Pflichtverteidiger gegenüber auch als Mörder des Jungen aus Hipstedt und verriet das Versteck der Leiche. Am 29. Juni 2005 verurteilte ihn das Landgericht Stade wegen zweifachen Mordes zu lebenslanger Haft, stellte die besondere Schwere der Schuld fest und ordnete Sicherheitsverwahrung an.

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Maren Reese-Winne

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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