Die Alte Marsch ist ein historischer Verbindungsweg zwischen Altenbruch und Groden. Nach derzeitigem Planungsstand könnte diese Verbindung gekappt werden - durch ein Hafengewerbegebiet, das allerdings westlich eines denkmalgeschützten Abschnitts der Straße entsteht. Foto: Lütt
Die Alte Marsch ist ein historischer Verbindungsweg zwischen Altenbruch und Groden. Nach derzeitigem Planungsstand könnte diese Verbindung gekappt werden - durch ein Hafengewerbegebiet, das allerdings westlich eines denkmalgeschützten Abschnitts der Straße entsteht. Foto: Lütt
Geplante Gewerbeflächen

Sorge um Altenbruchs Identität: Kritik an Hafenplänen und Industriehallen in Cuxhaven

von Kai Koppe | 17.06.2026

In Altenbruch sorgt die geplante Erweiterung des Offshore-Basishafens für Unruhe. Anwohner und Ortsrat warnen vor bis zu 190 Meter hohen Bauwerken, Lärm und dem Verlust des Ortsbildes. Die Sorge um die Zukunft des Stadtteils wächst.

In Cuxhavens Ortsteil Altenbruch wächst die Angst vor Identitätsverlust durch ein Großprojekt: Im Zuge des Bebauungsplans Nummer 231 soll zwischen Ortsgrenze und dem weiter westlich entstehenden Hafenzubringer ein riesiges "Sondergebiet Hafen" entstehen. Das im Kern 54 Hektar große Areal soll der Offshore-Branche als Produktions- oder als Lagerfläche dienen. Eine Entwicklung, die an Altenbruch nicht spurlos vorübergehen wird: Darüber waren sich Teilnehmer und die in großer Zahl erschienenen Zuhörer einer Ortsratssitzung einig.

Aufmerken ließ die Anwesenden eine Grafik. Das Schaubild, das Katharina Günther (Büro BPW Stadtplanung) im Sitzungssaal in der Villa Gehben präsentierte, vermittelte nicht nur einen Eindruck von einem als Puffer gedachten Grüngürtel. Es verlieh auch eine Vorstellung von Gebäudedimensionen, die sich Günther zufolge an einem "Worst Case", nämlich an den von Bürgern hinzunehmenden Maximalmaß, orientierten. Dass Firmen diese Größenordnungen ausreizen werden, ist nicht gesagt. Sollten Komponenten-Hersteller allerdings die Grenzen des Planungsrechts ausschöpfen, ließe sich über Produktionshallen oder einen neuerdings im Gespräch befindlichen "Schlauchturm" für einen Seekabelhersteller auch im übertragenen Sinne kaum noch hinwegsehen.

Frauenpreiß: "Abstand muss gewahrt bleiben"

Bauhöhen waren nicht der alleinige Aufreger. Kritik wurde zunächst hinsichtlich eines Zeitfensters laut, das Ortsratsmitgliedern zur Lektüre der Sitzungsvorlage geblieben war. Aufgrund von Verzögerungen auf dem Postweg war die Möglichkeit, sich auf die Sitzung vorzubereiten, derart knapp bemessen gewesen, dass Ortsbürgermeister Christoph Frauenpreiß die Entscheidungsfähigkeit des Gremiums infrage stellte.

"Wir sind uns der Bedeutung dieser Fläche für die Entwicklung unserer Stadt bewusst", betonte der Ortsbürgermeister. Über Belange der Anrainer dürfe man trotzdem nicht einfach hinweggehen, mahnte Frauenpreiß. "Wir reden über Höhen von 85 oder gar 190 Metern", erklärte er im Rückgriff auf die von der Stadtplanerin genannten Kennzahlen. Vor deren Hintergrund gab es für den Ortsbürgermeister und CDU-Bundestagsabgeordneten keinen Zweifel: "Der Abstand muss gewahrt bleiben", sagte Frauenpreiß - und meinte damit die Entfernung zwischen womöglich entstehenden Produktionshallen und der Wohnbebauung am Altenbrucher Ortsrand. "Die Wohnqualität", so fuhr er fort, "wollen wir uns bei aller Zustimmung zu diesem Projekt erhalten."

Für den "Schlenker" gibt es einen Grund 

Positiv würdigte der Ortsbürgermeister, dass ein in den Grüngürtel eingebettetes Regenrückhaltebecken öffentlich zugänglich sein soll. Entlang der sich in Nord-Süd-Richtung erstreckenden Wasserfläche soll ein Fuß-/Radweg in Richtung Elbe führen, um sich dann oberhalb des Gewerbegebiets wieder gen Westen (also Richtung Cuxhaven) zu wenden. Für diesen "Schlenker" gibt es einen Grund: Planer gehen offenbar davon aus, dass die Alte Marsch ihre heutige Verbindungsfunktion nicht behalten können wird. Gemäß einer Planzeichnung wird sie als Stichstraße enden: vor den geplanten Gewerbeflächen, deren spätere Nutzung zum heutigen Zeitpunkt andererseits noch nicht feststeht. "Wir wissen noch gar nicht, wer sich da ansiedeln wird", räumte Katharina Günther ein, nachdem sie (auf Rückfragen aus dem Ortsrat reagierend) eine Abstufung der Bebauung als "aus städtebaulicher Sicht wünschenswert" beschrieben hatte. In Unkenntnis, welche Betriebe sich in diesen Randlagen niederlassen, macht es aus ihrer Sicht auch keinen Sinn, sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt über die Abmessungen eines Schallschutzwalls den Kopf zu zerbrechen.

Nicht groß nachdenken musste Ortsratsmitglied Sönke Binder, als über Traufhöhen gesprochen wurde: Eine Halle, die 85 Meter hoch aufragt, direkt an die Grenze zu legen - "das geht gar nicht", bekräftigte der CDU-Vertreter.

Einwendungen setzen einen Start des Verfahrens voraus

Ausschlusskriterien lassen sich allerdings erst nach Anschub des Bauleitplanverfahrens zu den Akten nehmen. "Wir müssen konkreter werden und es deswegen wagen, in das Verfahren einzusteigen", mahnte Fachbereichsleiter Sebastian Post mit Blick auf die dafür benötigte Abstimmung im Ortsrat. "Wir treffen heute einen Aufstellungsbeschluss, wir beschließen keinen Bebauungsplan", ergänzte Tobias Quos (Bündnis 90/Die Grünen) unter Verweis auf den gegenwärtigen Verfahrensstand.

Quos zeigte sich kurz darauf irritiert über eine Formulierung in einem Änderungsantrag, den CDU und "Die Cuxhavener" zur Beschlussfassung eingereicht hatten. "Maximalhöhen von 85 Meter beziehungsweise 1,90 werden grundsätzlich abgelehnt, da sie weder orts- noch landschaftsbildverträglich sind", hieß es in dem Papier. Würde ein solcher Passus pauschal gelten, stellte er aus Sicht des Grünen ein K. o.-Kriterium für jegliche Form von Offshore-Ansiedlungen dar. Quos ließ sich jedoch belehren, dass die Formulierung im Kontext mit einer zur Ortsgrenze hin einzuhaltenden Höhenabstufung zu verstehen sei. Unter diesen Vorzeichen traf der Ortsrat am vergangenen Montag doch eine Entscheidung: Bei einer Enthaltung stimmten die Mitglieder einer Aufstellung des Bebauungsplans Nr. 231 ("Erweiterung Offshore-Basishafen") vorbehaltlich folgender Änderungen zu: Bauhöhen sollen so abgestuft werden, dass sie zur Ortschaft hin der vorhandenen Bebauung entsprechen. Der Bau eines Lärmschutzwalls soll verbindlich festgelegt werden. Und: Die Alte Marsch soll "zumindest für den Fuß- und Radverkehr" in ihrer heutigen Form durchgängig bleiben.

Einige Altenbrucher blicken skeptisch in die Zukunft 

Aus Sicht vieler Altenbrucherinnen und Altenbrucher ist die Messe mit solchen Festsetzungen aber noch längst nicht gelesen. "Der Plan von heute Abend wird uns weiterverfolgen", prophezeite Michael Habben. "Wie schützen Sie uns in Zukunft?", wollte eine Zuhörerin angesichts eines mutmaßlich über das aktuelle Plangebiet hinausgehenden Flächenhungers von den anwesenden Verwaltungsvertretern wissen.

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