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Beeindruckender Abend im Schloss Ritzebüttel: Leslie Malton und Felix von Manteuffel lesen aus „Ich will lieber schweigen“, dem Buch von Roswitha Quadflieg zu den Briefen und dem Tagebuch ihres Vaters Will Quadflieg.
Beeindruckender Abend im Schloss Ritzebüttel: Leslie Malton und Felix von Manteuffel lesen aus „Ich will lieber schweigen“, dem Buch von Roswitha Quadflieg zu den Briefen und dem Tagebuch ihres Vaters Will Quadflieg.
Lesung im Schloss Ritzebüttel

Am Ende bleiben viele Fragen: Leslie Malton und Felix von Manteuffel in Cuxhaven

29.09.2026

Im Cuxhavener Schloss Ritzebüttel lasen Leslie Malton und Felix von Manteuffel aus Roswitha Quadfliegs "Ich will lieber schweigen". Der Abend führte tief in die Fragen um Will Quadfliegs Haltung in der NS-Zeit.

Die Frage, wie die Eltern es mit Hitler und den Nationalsozialisten gehalten haben, hat die Generation der im Krieg und kurz nach dem Krieg Geborenen ohne Ende umgetrieben und treibt sie bis heute um. Roswitha Quadflieg, Tochter eines berühmten Vaters, des Schauspielers Will Quadflieg, ist eine davon. In ihrem auf dem Tagebuch
des Vaters von 1945/46 basierendem Buch "Ich will lieber schweigen", aus dem Leslie Malton und Felix von Manteuffel im Schloss lasen, geht es auch um diese Frage und um noch viel mehr.

Vor allem darum, wie der Vater das wahrnahm, was um ihn herum geschah - Krieg, Konzentrationslager, die Todesmärsche in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs, die Flüchtlingsströme aus dem Osten. Dauerhaft geschwiegen wurde, wie der Spurensuche der Tochter zu entnehmen ist, auch in der Familie Quadflieg, wie in so unendlich vielen deutschen Familien. Und wenn die Tochter zu dem Schluss kommt: "Er war völlig unpolitisch und hat sich nicht für das interessiert, was um ihn herum passierte", sagt das mehr als genug. Der Vater habe seine Karriere verfolgen und seine Familie ernähren wollen und "für die deutsche Sprache wieder eine Kathedrale bauen" wollen. Sie jedoch sei ihm nun "104 Tage gefolgt. Habe recherchiert und das ergänzt, was mein Vater übersehen und verschweigen wollte."

Möglich hat das nach dem Tod der Mutter der Fund eines Kartons auf dem Dachboden gemacht. Der Inhalt: 147 Briefe aus der Zeit von 1933 bis 1945 und ein kleines Tagebuch aus den Jahren 1945/46. Beides ausdrücklich bestimmt für Will Quadfliegs erste Frau, die Schwedin Benita von Vegesack, von der sich der Schauspieler 1963 trennte. Als Quadflieg mit seinem Tagebuch begann, das ein einziger langer Brief an seine mit zwei Kindern nach Schweden geflohene, hochschwangere Frau ist, war der damals 31‑Jährige bereits ein berühmter Schauspieler. Bewundert noch bis in seine späten Jahre vor allem für seine so hervorragende Sprache schickten ihn die einstigen Machthaber im letzten Kriegsjahr zu Vorträgen deutscher Dichtkunst durchs Land. Er rezitierte Goethe in Nordhausen, Hermann Hesse in Breslau - als von oben verordnete Ablenkung für die Menschen in den Schrecken des Krieges.

In seinen Briefen aus dieser Zeit und vor allem in seinem Tagebuch flüchtet sich der Schauspieler - neben der ständigen Sorge um Frau und Kinder - in Programm-Überlegungen, in die Schönheit und unlöschbare Bedeutung deutscher Dichter- und Geistesgrößen. "Goethe, Bach - das sind unsere Namen, nicht die KZs" ist einer seiner Sätze. Er will sich "die Ruhe der Seele erhalten", an künftige Theaterpläne denken. Wenn die Tochter 80 Jahre später den "Fluchten" des Vaters das reale Geschehen jener Zeit gegenüberstellt, ergibt das das Bild eines Mannes, der vieles, sehr vieles bewusst ausblendet. Zwar holen ihn die Realitäten immer wieder ein, doch er münzt sie um in andere Sphären.

Etwas, was dem Schauspieler Felix von Manteuffel bei seiner Lesung aus dem Tagebuch Quadfliegs überaus beeindruckend gelingt. Manteuffel, sprachlich exzellent, porträtiert eine in Wahrheit immer noch auf die Karriere fixierte Schauspieler-Persönlichkeit in einer im Grunde genommen total verunsichernden Zeit. Klar dagegen gesetzt der Part Leslie Maltons in dieser Lesung: die von der Tochter sorgsam und genau recherchierten Fakten jener Jahre und die sich daraus ergebenden Fragen an den Vater: Hast Du davon überhaupt nichts wahrgenommen, nichts wahrnehmen wollen? Dem Schauspieler-Ehepaar Malton/von Manteuffel gelingt mit seiner Lesung aus "Ich will lieber schweigen" ein vielfältiger und zugleich tiefer Einblick in beide Akteure dieses Buches - in den Vater wie in die Tochter.

Zwar stellt letztere klar: "Anklage steht mir nicht zu." Und doch steckt gerade davon natürlich eine ganze Menge allein schon in der unternommenen Konfrontation mit der Realität und den sich daraus ergebenden Fragen nach deren Verbleib in den Briefen und Tagebuch-Aufzeichnungen. Buch und Lesung entlassen die Zuhörer am Ende mit vielen Fragen. Eine davon: Können (oder dürfen) wir uns mit dem Wissen von heute überhaupt solchen Aufzeichnungen nähern und dieses Wissen wie eine Blaupause darüberlegen?

Will Quadflieg selbst hat viel später einmal in einem Interview als einen "ziemlich mieser Mitläufer" bezeichnet. Seine Tochter Roswitha hat des Vaters Auseinandersetzung mit seiner Haltung damals durchaus anerkannt. "Vielleicht", so meint sie, "hast du auch deine Unfähigkeit, wirklich trauern zu können, erkannt und gespürt, dass deine Rollen deine eigene Identität überlagerten."

Von Ilse Cordes

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