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Kunst mit Blick aufs Weltnaturerbe: Zahlreiche Gäste kamen zur Eröffnung von „Blick ins Anthropozän“ ins zweite Obergeschoss des Wattenmeer-Besucherzentrums. Foto: Potschka
Kunst mit Blick aufs Weltnaturerbe: Zahlreiche Gäste kamen zur Eröffnung von „Blick ins Anthropozän“ ins zweite Obergeschoss des Wattenmeer-Besucherzentrums. Foto: Potschka
Landschaftsmalereien von Schülern

Anthropozän trifft Kunst: Schüler offenbaren Zukunftsvisionen

von Jens Potschka | 07.10.2026

Wenn Kunst und Wissenschaft verschmelzen, entstehen Bilder, die zum Nachdenken anregen. Die Schüler des Lichtenberg-Gymnasiums eröffnen mit ihrer Ausstellung im Wattenmeer-Besucherzentrum in Cuxhaven-Sahlenburg neue Perspektiven auf das Anthropozän.

Draußen liegt das Weltnaturerbe, drinnen hängt das Anthropozän. Wer am Montagabend ins zweite Obergeschoss des Wattenmeer-Besucherzentrums in Sahlenburg hinaufstieg, bekam beides zu sehen: den weiten Blick über das Watt und Blatt um Blatt junger Kunst. Neuntklässler des Lichtenberg-Gymnasiums haben sich gefragt, wie der Mensch die Landschaft verändert, und ihre Antworten mit Pinsel und Farbe gegeben.

Zur Eröffnung ihrer Ausstellung "Blick ins Anthropozän" kamen so viele Gäste, dass Normann Grabow von der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer anerkennend von einer "vollen Hütte" sprach. Flöten, Gitarren, Keyboard, Cello und Geige stimmten den Abend ein. Die Schülerband unter Leitung der Musikpädagogin Sabine Rönnfeld rahmte die Reden ein und erntete dafür viel Lob. Auf den Tischen warteten Häppchen und alkoholfreie Getränke.

Größte und jüngste Künstlergruppe

Eröffnung der Schülerausstellung im Wattenmeer-Besucherzentrum: Gäste lauschen den Reden zur künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Anthropozän. Hier spricht Normann Grabow (l.) von der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer. Foto: Potschka

"Es sind nicht immer so viele bei den Ausstellungseröffnungen", freute sich Hausherr Bernhard Rauhut. Kein Wunder: Noch nie hat das WattBz eine so große Künstlergruppe gezeigt, und noch nie eine so junge. Bürgermeister Marc Gerdes überbrachte die Grüße von Oberbürgermeister Uwe Santjer und zitierte Kulturfachbereichsleiterin Gabriele Hoffmann: "Um eine Ausstellung zu eröffnen, gehört mehr dazu, als ein paar Bilder an die Wand zu hängen." Wer hier mitgewirkt hat, könne das unterstreichen. Die Schau verbindet Kunst und Wissenschaft und lädt ein, innezuhalten und genauer hinzusehen. "Vielleicht schon, wenn man nachher oben aus dem Fenster schaut."

Nicht Lupe, sondern Weitwinkel

Sonst zeige das Haus gern feine Arbeiten mit Meeresmotiven, sagte Grabow. Diesmal geht es ums große Ganze. Anthropozän, das klingt eher nach Dinosaurier als nach Seepferdchen und Wattwurm. Rund 50 Kilogramm Menschenwerk lasteten rechnerisch auf jedem Quadratmeter der Erde. Grabow sprach von Landverlust, Artensterben und Klimawandel, machte aber Mut: "Die Steinzeit ist nicht zu Ende gegangen, weil die Steine ausgegangen sind, sondern weil es bessere Werkstoffe gab." Wer die Erde so stark präge, könne jeden Tag neu fragen, in welcher Welt er leben wolle. Ein Bild hatte es ihm besonders angetan: "Mein Zuhause" zeigt den Blick aus einem Fenster, wirkt durch die Fensterläden aber, als schaue man hinein. "Natur drinnen im Haus, im Herzen. Ein solches Anthropozän macht Mut."

Schulleiter Martin Rehermann griff als Religionslehrer zum Schöpfungsauftrag. "Macht euch die Erde untertan" heiße im Hebräischen, die Erde wie ein gerechter König zu verwalten und für sie zu sorgen. Als Babyboomer zog er selbstkritisch Bilanz: Seit dem Club of Rome in den Siebzigern habe seine Generation gewusst, dass die fossilen Rohstoffe endlich sind, sich aber nicht genug eingesetzt. "Ich kann euch nur wünschen, dass ihr es besser macht als wir."

Dr. Dagmar Isheim, Beauftragte für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) am Lichtenberg-Gymnasium, lenkte den Blick auf die Bilder. Wer genau hinschaut, entdeckt Verstörendes in der Idylle: eine Strandszene, in der sich eine Schildkröte im Fischernetz verheddert hat, einen roten Strommast quer durch die Landschaft. Oder den "Flug ins Ungewisse": Aus einem Meer von Nebel und Wolken ragen blaue Bergspitzen, in der Bildmitte ist ein Stück des Flugzeugs zu sehen. Die Wolken stehen für die Schönheit der Natur, das Flugzeug für Technik, Mobilität und Emissionen, erklärt die junge Malerin im Katalog. Die verhüllten Gipfel deutet sie als Sinnbild einer ungewissen Zukunft. Solche Räume für Reflexion seien wichtig, betonte Isheim, denn: "Wissen alleine reicht nicht aus, um ins Handeln zu kommen."

Eisbär und Leuchtturm

Ein Eisbär zwischen Café und Modegeschäft: Käthe Ahrens (9b) fragt mit ihrem Bild "Cuxhaven 2100", wie unsere Welt am Ende des Jahrhunderts aussehen soll. Foto: Potschka

Das Beste an diesem Abend: Die Künstler standen neben ihren Werken. Käthe Ahrens aus der 9b kannte das Wort Anthropozän vor dem Projekt nicht. Ihr Bild "Cuxhaven 2100" zeigt eine vertraute Stadtszene in Grautönen: links das Café Lomo, rechts ein H&M-Geschäft, im Vordergrund läuft ein Eisbär durch die Straße. Der Mensch dringe immer weiter in die Natur ein und nehme zu wenig Rücksicht auf Tiere, schreibt sie im Katalog. Gehen die natürlichen Lebensräume verloren, müssten sich Mensch und Tier eines Tages denselben teilen. "So stelle ich mir das Leben in ein paar Jahrhunderten vor, wenn wir nicht weiter darauf achten." Ihr Titel stellt die Frage, wie unsere Welt im Jahr 2100 aussehen soll. Sie hat bewusst direkt gemalt, damit die Botschaft auf den ersten Blick ankommt. Trotzdem blickt sie zuversichtlich nach vorn. Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen würden schon gut umgesetzt, und Social Media kläre zusätzlich auf.

Ihr Zuhause ist das Meer, doch das gehört auch den Tieren: Hanna Müller (9b) vor ihrem Bild "Stürmisches Zuhause" mit rot-weißem Leuchtturm in aufgewühlter See. Foto: Potschka

Ihre Klassenkameradin Hanna Müller hat das Meer gemalt. "Für mich war Wasser schon immer Zuhause, weil wir am Wasser wohnen." In "Stürmisches Zuhause" ragt ein rot-weißer Leuchtturm aus der See, unten tobt das Wasser dunkel und aufgewühlt, darüber hellt sich das Blau auf. Große Schiffe kämpfen sich durch die Wellen. Der Leuchtturm hilft der Schifffahrt, steht aber an einem Ort, an dem eigentlich Tiere leben. Das stürmische Meer deutet sie als Sinnbild für die Folgen menschlichen Handelns, für intensive Schifffahrt und Eingriffe in die Natur. Das Meer gehöre nicht nur den Menschen, schreibt sie im Katalog, sondern auch den vielen Meerestieren. Ihr Bild ruft dazu auf, die Natur und ihre Bewohner zu respektieren und gemeinsame Lebensräume verantwortungsvoller zu nutzen. Die Klimakrise bereitet ihr Sorgen: "Es wird immer wärmer und das Wasser immer höher." Vieles kenne man nur aus den Nachrichten und verstehe manches gar nicht richtig. Gemalt haben die Jugendlichen bereits im vergangenen Herbst, damals noch im achten Jahrgang, rund sechs Wochen lang.

Vom Modell an die Wand

Auch Auswahl und Hängung lagen in Schülerhand. Ende Juni entwickelte ein Kuratorinnenteam aus den Jahrgängen 6 bis 9 das Konzept, ordnete die Bilder nach Themen und gestaltete den Katalog, der für Besucher ausliegt. Jedes Bild sollte genug Raum bekommen, um für sich zu wirken, schreiben die Kuratorinnen im Vorwort. Zugleich sollten die Bezüge zwischen den Werken sichtbar werden. Ihre Schau verstehen sie als Einladung zum Nachdenken und zum Gespräch.

Kunstlehrerin Nina Siebert, die das Projekt verantwortet, erzählt, wie das ging: Für einen Ortstermin reichte die Zeit nicht. Also bauten die Schülerinnen nach dem Grundriss ein Modell und hängten maßstabsgetreu ausgedruckte Bilder zur Probe auf. Am Freitag vor der Eröffnung kamen die Originale an die Wand. Die größte Herausforderung? "Es gab keine." Das Team im Haus und viele Freiwillige hätten mit angepackt.

Junge Künstler des Lichtenberg-Gymnasiums präsentieren im Wattenmeer-Besucherzentrum ihre eindrucksvollen Werke zum Thema Anthropozän und regen zum Nachdenken über die Zukunft unserer Umwelt an. Foto: Potschka

Bei den Jugendlichen beobachtete Siebert Angst vor Klimawandel und Krieg. Ein Schüler verbinde das Flugzeug in seinem Bild sogar mit Krieg, wohl auch, weil die Marineflieger täglich über Cuxhaven hinwegdonnern. Zugleich sähen die jungen Leute, dass der Mensch auch Schönes schafft, etwa einen Park. Für Rauhut ist die Schau ein "Heimspiel", denn Nationalpark, Welterbe und Biosphäre sind die Themen des Hauses.

Wo der Mensch im Watt seine deutlichsten Spuren hinterlässt? Isheim denkt an Plastikschnipsel am Strand, Rauhut an den Leitdamm, "das Künstlichste bei uns im Watt". Isheim sorgt sich zudem, dass viele Jugendliche heute fern der Natur aufwachsen. Nass geregnet werden, im Watt stehen: Solche Erfahrungen würden seltener, Klimawandel bleibe abstrakt. Kunst öffne da einen anderen Zugang, sagt Rauhut. Man müsse um die Ecke denken und den eigenen Geist mehr bewegen als beim Ablesen von Schautafeln. Grabow wünschte der Ausstellung "volle Räume, gern wie heute". Zeit dafür bleibt bis zum 6. Januar 2027.

Besucher des Wattenmeer-Besucherzentrums in Cuxhaven tauchen in die künstlerische Welt des Anthropozäns ein, während Schüler des Lichtenberg-Gymnasiums ihre Werke präsentieren. Foto: Potschka

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Jens Potschka

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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