Die Schaukel auf dem Spielplatz im Katharina-von-Bora-Weg kann Schulanfänger Henri Struß nur auf dem Arm seiner Mutter Aliza erreichen. Schaukeln ist trotzdem nicht drin - die Metallfläche ist viel zu heiß. Fotos: Reese-Winne
Die Schaukel auf dem Spielplatz im Katharina-von-Bora-Weg kann Schulanfänger Henri Struß nur auf dem Arm seiner Mutter Aliza erreichen. Schaukeln ist trotzdem nicht drin - die Metallfläche ist viel zu heiß. Fotos: Reese-Winne
"Kein Luxus, sondern ein Anfang"

Barrierefreie Spielplätze würden allen Kindern in Cuxhaven zugute kommen

von Maren Reese-Winne | 13.09.2023

Sandflächen und unerreichbare Klettergeräte: Viele Kinder mit Beeinträchtigungen bleiben auf dem Spielplatz einfach ausgeschlossen. Der Beirat für Menschen mit Behinderung in Cuxhaven setzt sich dafür ein, dass sich das ändert.

Henri braucht nur vorsichtig die Hand auf die Metallfläche der Schaukel zu legen, um sofort zu wissen: Das wird heute nichts, die Platte ist knallheiß. Sich wie sein dreijähriger Bruder Matteo auf den Gummirand der Schaukel stellen kann der auf den Rollstuhl angewiesene Schulanfänger nicht. Ein bisschen mehr Mitdenken bei der Spielplatzgestaltung, das würden sich seine Mutter Aliza ebenso wie Christine Wagner und Rebecca Adryan vom Beirat für Menschen mit Behinderungen wünschen.

Henri werden überall Grenzen aufgezeigt

Henri kann viel, aber ihm werden auf dem Spielplatz hier im Katharina-von-Bora-Weg - und dies ist nur einer von vielen - überall die Grenzen aufgezeigt. Mit dem Rollstuhl kommt er nicht an den Bagger auf der Sandfläche heran. Als er dann doch draufsitzt, ist es (übrigens auch für Erwachsene) kaum möglich, die bleischwere Baggerschaufel zu bedienen. Der Weg zu den wippenden Fahrzeugen führt ebenfalls über eine von Gras durchsetzte Sandfläche.

Kinder wollen sich selbstständig bewegen

"Im Moment helfe ich ihm noch, indem ich ihn hintrage", erzählt Aliza Struß, aber ein Zukunftsmodell ist das nicht. "Und inklusiv schon gar nicht", sagt Christine Wagner bestimmt. Inklusion eröffne Kindern und Erwachsenen mit Beeinträchtigungen Möglichkeiten, selbstbestimmt - ohne Hilfe - am Leben teilzunehmen. "Was ist, wenn auch Mama oder Papa eine Beeinträchtigung haben?"

Auch auf diesem Spielplatz steht eines dieser Klettergerüste, die in Wirklichkeit Eltern-Fitnessgeräte sind. Zwischen den Stufen, die aus hängenden Bohlen bestehen, gähnen riesige Abstände. Die Hangelstrecke ist unerreichbar für jedes Kind und erfordert wohl ähnliche Bärenkräfte wie die Kletterstange. Henri bliebe - wenn seine Mama ihn heraufheben würde - nur der Weg über die Rutsche nach unten. Die aber ist an diesem Spätsommertag auch viel zu heiß - Matteo hat es getestet.

Henris Wunsch: Ein Spielhaus ...

Da hält sich bei dem fast Siebenjährigen, der gerade in die Grodener Schule eingeschult worden ist, die Begeisterung in Grenzen. Was er sich für einen Spielplatz wünschen würde? "Ein Spielhaus", entfährt es ihm, am liebsten mit Waschbecken an der Seite, über das man nach oben klettern könnte. Für Schatten wäre im Inneren schon mal gesorgt... Henri fällt aber auch noch ein anderer Spielplatz in Groden ein: "Da liegt die Rutsche so schön im Schatten."

Eine Schaukel kann auch niedriger hängen

"Henri schaukelt super gern", erzählt seine Mutter Aliza Struß - da würde es schon helfen, wenn Schaukeln einfach niedriger angebracht würden. Oder die Steuerräder auf den Piratenschiffen: Hingen sie nur etwas niedriger, hätte auch ihr Großer seinen Spaß daran. Auch müsse es doch möglich sein, so ein Spielschiff mit einer Rampe auszustatten, überlegt seine Mutter.

Das würde auch der achtjährigen Leonie Pauly entgegenkommen, die blind ist und sehr gerne auf dem Wikingerschiff mit Jan Cux und Cuxi  am Strandhaus Döse spielt. Endlich schafft sie es über die Rutsche allein hoch. Bis sie sich dort wohl fühlte, musste ihr Mutter Denise viel zeigen. Ein großer Favorit ihrer Tochter sei auch die Seilbahn im Döser Kurpark, erzählt sie, und auf dem wohnortnahen Schneckenspielplatz kenne sich Leonie inzwischen auch recht gut aus. Dennoch würde sich auch Denise Pauly mehr Angebote für alle Kinder auf den Spielplätzen wünschen, wie Tafeln voller Formen oder andere Spielideen zum Erproben aller Sinne.

Familien fühlen sich oft ausgeschlossen

So, wie es im Grunde allen Kindern zugute kommen würde. Das wird auch Rebecca Adryan nicht müde zu betonen. Die Großmutter eines schwerst mehrfachbehinderten Jungen ist Kinderbeauftragte im Beirat für Menschen mit Behinderungen. Weil es für diese Gruppe nichts gebe, seien auch Angehörige mit schwerbehinderten Kindern selten auf Spielplätzen anzutreffen - "das sieht schon so aus, als ob sie bewusst ausgeschlossen würden." Dabei müssten sich auch gerade diese Kinder bewegen.

Auch Eltern behinderter Kinder fahren in den Urlaub

Nachdem in Bremen gerade der erste inklusive Spielplatz eröffnet worden ist, würde sie sich auch für Cuxhaven mehr Sensibilität wünschen. "Wir wissen um die Finanzlage der Stadt", betonen sie und Beirats-Vorsitzende Christine Wagner: "Es geht nicht um Luxus, es geht um einen Anfang." Viele Angebote würden nicht mal große Mehrinvestitionen bedeuten. Bodennahe Trampoline, niedrig montierte Spielgeräte, Rollenspielmöglichkeiten, Matschtische, Ruheecken - all das würde allen Kindern zugutekommen, Einheimischen wie Gästen: "Auch Eltern behinderter Kinder fahren in den Urlaub."

Wenn die Geräte da sind, muss auch der Zugang frei sein

Einige Nestschaukeln gibt es schon in Cuxhaven und auch ein bodennahes Karussell, aber die Erreichbarkeit bleibe ein großes Problem, bedauern die Fachfrauen. Damit meinen sie nicht nur den Sand, der die meisten Spielplätze beherrscht; manchmal sei schon der Weg dorthin unpassierbar. Metallbügel versperren zum Beispiel den Zugang zum Spielplatz gegenüber vom Kinderhospiz.

Der Klimawandel erfordere außerdem ein Nachdenken über Sonnendächer oder Trinkbrunnen, findet Christine Wagner. Im Beirat für Menschen mit Behinderungen seien die Spielplätze schon seit mehr als zehn Jahren ein Thema und die Mitglieder bäten dringend darum, bei Neuanlagen zurate gezogen zu werden. Vielleicht könne auch erst mal mit einem Gerät pro Spielplatz angefangen werden. Den Weg zu Fördermöglichkeiten wolle der Beirat gerne mit ebnen helfen.

Schule zeigt, wie es geht

Ob Henri davon so bald etwas haben wird, wird sich noch herausstellen. Viel eher, glaubt seine Mutter, könnte er bald in Richtung Skatepark schauen. Da die Rampen runter ... "die würde er bestimmt fahren." Eine Anerkennung für tolle Bemühungen um Inklusion möchte sie gerne noch anbringen: "Weil die Grodener Schule nächste Woche ein Sportfest mit Sponsorenlauf plant, sind wir gefragt worden, was zu tun ist, damit Henri mitmachen kann." Nun sei extra die Route geändert worden. Diese Bemühungen sehe sie bereits nach wenigen Tagen überall im Schulalltag.

Christine Wagner (l.) und Rebecca Adryan vom Beirat für Menschen mit Behinderungen wünschen sich für die Spielplätze mehr Barrierefreiheit - ohne dass dafür Reichtümer ausgegeben werden müssten.
Finde den Fehler - am Rand der Sandfläche ist für den Grundschüler mit seinem Rollstuhl Schluss.
Solche Klettergerüste bringen Eltern an ihre Grenzen. Wer es nicht über die wackeligen Bohlen nach oben schafft, bleibt unten, wenn er nicht hochgehoben wird.
Auf dem Wipp-Motorrad kann Henri ordentlich Fahrt aufnehmen - aber allein kann er es auf dem Sand-Rasen-Untergrund nicht erreichen.
Die blinde Leonie Pauly (8) liebt Jan Cux und Cuxi auf dem Wikingerschiff in Döse. Aber es hat gedauert, bis sie sich dort orientieren konnte. Foto: Pauly

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Maren Reese-Winne

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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