Bewegende Lesung von Tim Pröse in Cuxhaven: Geschichten von Überleben, Mut, Hoffnung
Die Zuhörer erlebten bei der Lesung von Tim Pröse in der Stadt Bibliothek in Cuxhaven eine bewegende Reise in die Vergangenheit, die die Kraft der Menschlichkeit in ihren verletzlichsten Momenten zeigt.
Der Abend in der Stadtbibliothek Cuxhaven ging weit über eine Lesung hinaus. Er wurde zu einer stillen, eindringlichen Begegnung mit Menschlichkeit in ihrer verletzlichsten Form. "In diesen Geschichten geht es ums Überleben", kündigte Ina Jäkel, Mitarbeiterin der Bibliothek, den aus München angereisten Tim Pröse an.
Der bekannte "Spiegel"-Bestseller-Autor nahm das Publikum mit auf eine Reise, die unter die Haut ging. "Wir Zeitzeugen treten ab, ihr seid die Zweitzeugen", zitierte er die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer. Mit seinem Buch "Jahrhundertzeugen" ließ er vor allem die Stimmen derer sprechen, die Unvorstellbares erlebt haben - und dennoch weiterlebten. Seine Lesung war ein greifbares, szenisches Nacherleben. Mit Originalzitaten, persönlichen Begegnungen und großem Gespür für das Menschliche hinter der Geschichte entstand ein Raum, in dem man mit allen Sinnen mitfühlte.
Mit der schwungvollen Erkennungsmelodie der Kultsendung "Dalli Dalli" begann die erste Episode. Im Zentrum stand die Geschichte von Hans Rosenthal. Vielen ist er als fröhlicher Quizmaster mit seinem legendären Ausruf "Das war Spitze!" in Erinnerung. An diesem Abend jedoch wurde eine andere Seite sichtbar: die eines jungen jüdischen Mannes, der sich während der NS-Zeit verstecken musste - in ständiger Angst, entdeckt zu werden.
Im Hühnerstall Unterschlupf gefunden
In einem Hühnerstall einer Berliner Laubenpieper-Kolonie fand er Unterschlupf. "Das Dröhnen der Bomber über ihm wurde zur Hoffnung", so Pröse. Dass er überlebte, verdankte er dem Mut dreier Frauen, die alles riskierten, um ihn zu schützen. Diese leise Heldentat verleiht seiner späteren Karriere eine tiefere Bedeutung. Sein Erfolg war mehr als Ruhm, er war ein gelebtes Wunder voller Fröhlichkeit, mit der er sich über das Dunkel der Geschichte erhob. Vielleicht erklärt sich daraus auch seine Großzügigkeit, mit der er Gewinne aus seiner Sendung Bedürftigen zukommen ließ. Wer selbst alles hätte verlieren können, vergisst das nie.
Doch Rosenthals Geschichte stand nicht allein. Tim Pröse erzählte auch von dem Holocaust-Überlebenden Jurek Rotenberg, seinem Freund aus Israel. Dessen Rettung grenzt an ein Wunder: Als 14-Jähriger wurde er gemeinsam mit anderen Juden durch das mutige Eingreifen des Industriellen Berthold Beitz vor der Deportation ins KZ bewahrt. Jahrzehnte später kam es zu einem Wiedersehen mit seinem nahezu hundertjährigen Lebensretter - ein Moment von großer emotionaler Tiefe. Diese Geschichte macht deutlich, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod damals war.
Gezeichnet mit Kohlestiften
Auch Yehuda Bacon, der als Kind die Mordmaschinerie von Auschwitz überlebte, fand einen Weg, das Unsagbare auszudrücken: durch seine Kunst. Mit Kohlestiften zeichnete er, was sich nicht in Worte fassen ließ. Etwa das Porträt seines Vaters, das als Rauch aus dem Krematorium in den Himmel aufsteigt. Seine Werke sind Zeugnisse, Mahnungen und der Versuch, das Unfassbare sichtbar zu machen. Zeichnungen von Mithäftlingen und Darstellungen der Lageranlagen wurden später sogar in den Auschwitzprozessen 1964 als Beweismittel herangezogen. Was all diese Geschichten verbindet, ist nicht nur das erlittene Leid, sondern auch eine leise, beinahe trotzige Hoffnung. Gegen jede Wahrscheinlichkeit haben diese Menschen überlebt: Sie fanden Wege, ihre Erfahrungen weiterzugeben, damit sie nicht vergessen werden.
Veranstaltet wurde der Abend von der Stadt Cuxhaven in Zusammenarbeit mit der regionalen Arbeitsgruppe des Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie". Gefördert wurde die Veranstaltung durch das Bundesprogramm "Demokratie leben". Für Erfrischungen sorgte der Förderverein "Deine Bibliothek - Cuxhaven, Otterndorf, Bücherbus". Dieser Abend erinnerte daran, wie zerbrechlich Menschlichkeit ist und wie viel Mut es braucht, sie zu bewahren. "Mein Wunsch ist, dass ihr etwas von der Flamme dieser Menschen mit nach Hause nehmt", sagte Tim Pröse.
Von Joachim Tonn