Bewegung im Klassenzimmer: Warum Schüler der Realschule Cuxhaven im Unterricht radeln
In der Realschule Cuxhaven wird der Schulalltag auf ungewöhnliche Weise belebt: Schülerinnen und Schüler radeln im Klassenraum. Ein Service-Club hat seinen Anteil daran.
Zwei unscheinbare Fahrräder unter Schreibtischen sorgen seit einem Jahr für mehr Bewegung im Schulalltag der Klasse 6c an der Realschule Cuxhaven. Die sogenannten Deskbikes sind dort fest im Unterricht integriert und werden von Schülerinnen und Schülern regelmäßig genutzt.
"Ziel des Projekts ist es, dem zunehmenden Bewegungsmangel im Schulalltag entgegenzuwirken und gleichzeitig die Konzentration zu fördern", erklärt Klassenlehrer Ralf Burat. "Dieses Angebot ist ein weiteres unserer Schule im sportlichen und gesundheitsfördernden Bereich", fügt Schulleiter Hans Christian Seebeck hinzu.
Vor zwei Jahren wurde seine Schule mit dem Gütesiegel "sportfreundliche Schule" durch das Niedersächsische Kultusministerium und den Landessportbund Niedersachsen ausgezeichnet. Neben einem gesunden Mittagsangebot, dem Konzept des beweglichen Klassenzimmers sowie dem Wahlpflichtkurs Sport, erweitern die Deskbikes nun das Angebot. Der 6c gefällt es.
Es ist gerade die dritte Stunde und an den beiden höhenverstellbaren Schreibtischen mit Fahrrad sitzen Jette Küber und Josi Arendt. Die beiden 12-Jährigen radeln moderat und erarbeiten ihre Aufgaben für den Geschichtsunterricht. "Mir gefällt das Fahren sehr gut. Ich mag Sport und kann mich bei der Bewegung besser konzentrieren." Auch ihre Klassenkameradin Josi ist von dem Angebot begeistert. "Ich brauche viel Bewegung. Ich mache in meiner Freizeit Ju-Jutsu und spiele Handball. Ich habe gemerkt, dass ich bei langem Sitzen unruhig werde. Das Radfahren ist ein guter Ausgleich".

Auch wenn es natürlich Jugendliche wie Jette und Josi gibt, die sich gerne bewegen, so ist Bewegungsmangel ein signifikantes Problem bei vielen Teenagern. Fachleute beobachten seit Jahren, dass Kinder und Jugendliche sich im Alltag immer weniger bewegen. Langes Sitzen, hoher Medienkonsum und wenig körperlicher Ausgleich prägen zunehmend auch den Schulalltag. Dabei empfehlen Fachorganisationen, wie die Weltgesundheitsorganisation, mindestens 60 Minuten Bewegung pro Tag für Kinder und Jugendliche. Die Realität sieht häufig anders aus.
An der Realschule Cuxhaven wollte man dem nicht länger tatenlos zusehen. Die beiden Räder wurden vom Service-Club Round Table 155 Cuxhaven mit 675 Euro gesponsert. Präsident Enrico Bonelli überreichte den Scheck und schaute sich interessiert die Räder im Einsatz an. "Beim Radeln im Unterricht geht es nicht um sportliche Leistungen", erklärt Klassenlehrer Burat. Es gehe vielmehr um leichte Aktivierung und einen Wechsel zwischen Sitzen, Stehen und Bewegung. "Ich fahre nicht zu schnell, weil sich ansonsten meine Schultern zu sehr bewegen und ich dann nicht mehr ordentlich schreiben kann", berichtet Josi Arendt von ihren Erfahrungen.

Ralf Burat zieht nach den vergangenen zwölf Monaten wie seine Schüler ein durchweg positives Fazit. Dadurch, dass die Räder sehr leise sind, störe das Fahren im Unterricht nicht. "Am Anfang durften wir in bestimmter Reihenfolge auf die Räder. Inzwischen machen wir das als Klasse eigenständig. Wir schauen, wer es gerade besonders braucht, und achten auch darauf, dass es gerecht zugeht", erklärt Jette Küber.
Auch ihr Lehrer sitzt regelmäßig auf einem Ergometer. "Das ist mein privates Rad. Ich wollte mit gutem Beispiel vorangehen", betont der passionierte Sportlehrer. Auf die Frage, ob dieses Angebot auch in weiteren Klassen angeboten werden sollte, sind sich die Pädagogen Burat und Seebeck sofort einig. "Gerne würden wir dieses Angebot ausweiten. Es hängt, wie viele Dinge, von unseren finanziellen Mitteln ab." Round-Table-Präsident Bonelli, der von dem Gezeigten sichtlich angetan war, versprach, diesen Wunsch mitzunehmen.
Von Myriam Domke-Feiner