Vortrag über Siegfried Lenz in Cuxhaven: Bis heute hochaktuell
Siegfried Lenz, einer der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit, wäre 2026 100 Jahre alt geworden. Ein Vortrag in Cuxhaven beleuchtet seine frühen Jahre als Journalist und Radioautor und zeigt unbekannte Facetten seines Schaffens.
Er gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur, seine Bücher haben Millionenauflagen erreicht und am 17. März 2026 jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal: Die Rede ist von Siegfried Lenz. In Cuxhaven war er schon wenige Tage zuvor Thema, und zwar bei einem Vortrag des Medienwissenschaftlers Prof. Dr. Peter von Rüden. Er richtete den Fokus auf die frühen Jahre von Siegfried Lenz, als er noch nicht der berühmte Autor der "Deutschstunde" war, sondern erst noch der junge Journalist und Radioautor.
Und wer könnte den besser einem Publikum nahebringen als Peter von Rüden? Er hat für den NDR und Arte neben einem vierstündigen Themenabend, Fernsehbeiträge und Hörfunksendungen produziert und ist durch gemeinsame Freunde mit Siegfried Lenz persönlich zusammengetroffen. So gesehen war es also durchaus ein authentischer Abend, dieser Lenz-Abend im Schloss Ritzebüttel. Und durch eingespielte O-Ton-Beiträge des Schriftstellers wie von Freunden und Zeitgenossen bekam er dazu noch ein besonderes Gewicht.

Dass der Autor der großen Romane "Deutschstunde", "Heimatmuseum" und "Exerzierplatz" zu den Pionieren des Rundfunks im Nachkriegsdeutschland gehört, hat sein Lesepublikum nicht unbedingt im Kopf. Dass er aus dem kleinen Ort Lyck aus Masuren stammt, wissen die Zuhörer hingegen spätestens seit dem Erzählband "So zärtlich war Suleyken", in dem seine Geschichten aus Masuren zu finden sind.
Lenz' Biografie ähnelt in vielem der seiner Zeitgenossen: Als "ganze Klasse" zur Hitlerjugend abkommandiert, wird er nach dem Notabitur zum Kriegsdienst eingezogen, geht zur Marine, erlebt die letzten Kriegstage auf dem Panzerkreuzer "Admiral Scheer". Wenige Tage vor Kriegsende desertiert er, gerät in englische Gefangenschaft. Dort verhilft ihm sein Schul-Englisch zu einer Dolmetschertätigkeit bei der "66 Control Unit", einer amtlichen Entlassungskommission.
Noch 1945 wird er nach Hamburg entlassen, beginnt ein Jahr später ein Studium an der dortigen Universität, will Lehrer werden und finanziert sein Studium zu einem großen Teil mit Schwarzhandel, was er später in "Lehmanns Erzählungen" literarisch verarbeiten wird. Durch seinen Dozenten (Hans Wolffheim) bekommt er Kontakt zum Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR, heute NDR), verfasst für die Reihe "Wir erinnern an …" kleine Rundfunkbeiträge. Von englischer Seite empfiehlt man ihm, sich doch bei der "Welt" (damals eine Zeitung der britischen Besatzungsmacht) zu bewerben. Lenz absolviert ein Volontariat, Willy Haas, Begründer der einstmals so hochgeschätzten "Literarischen Welt", fördert ihn. Im Feuilleton ist er zuständig für den Fortsetzungsroman.
Dann schreibt er seinen ersten eigenen Fortsetzungsroman ("Es waren Habichte in der Luft"), der im Bürgerkrieg in Finnland spielt und präzise recherchiert ist. Willy Haas hält ihn für buch-würdig. So bietet Lenz ihn zwei Verlagen an, einer davon ist Hoffmann und Campe, und der meldet sich umgehend. Fortan wird alles, was er schreibt, in diesem Verlag erscheinen, bis hin zur Gesamtausgabe seiner Werke, der auf 24 Bände ausgelegten "Hamburger Ausgabe".

Beim NWDR, so Peter von Rüden, probiert Lenz in jenen Jahren "alle Formen des Radios aus". Viele Texte sind für den Rundfunk geschrieben. So auch seine erst 1984 in Buchform erschienene Erzählung "Ein Kriegsende", die ursprünglich eine Auftragsarbeit des NDR war, und sein dritter Roman "Der Mann im Strom", der auf einer Radiosendung mit dem Titel "Die Wracks von Hamburg" fußt.
Aufschreiben, was war: Das gehört für Siegfried Lenz zu den ureigensten Aufgaben der Literatur. Sein lebenslanges Thema: der Konflikt zwischen Pflicht und Verantwortung, die Frage der Schuld. Das große Thema seines Romans "Deutschstunde", wo Sigi Jepsens Polizisten-Vater den mit Malverbot belegten Max Nansen in maßlos überzogenem Pflichtgefühl jede Minute überwacht. Schon Jahre zuvor, 1963, beschäftigt Lenz dieses Thema, und zwar in "Stadtgespräch". Der Roman spielt an einem fiktiven Ort während der Zeit der deutschen Besetzung. Peter von Rüden zufolge muss der Autor auf norwegische Quellen zurückgegriffen haben. Wenn "Stadtgespräch" bei seinem Erscheinen kein besonderer Erfolg beschieden war, hatte das seinen Grund: Anfang der 1960er Jahre sei das Thema in der deutschen Literatur "ein total nasser Fleck" gewesen.
Keine Frage - Siegfried Lenz war ein politischer Autor und er ist gerade in unserer Zeit aktueller denn je. Auch wenn Marcel Reich-Ranicki, einst "Papst" der deutschen Literaturkritiker, ihn als einen "Geschichtenerzähler im eher traditionellen Sinne" bezeichnete und Günter Grass Lenzens Romane "komplizierte Konstrukte" nannte, sollte man es dann doch besser mit Hanjo Kesting halten, für den Lenz ein "großer Aufklärer und idealistischer Skeptiker" war. Und das ist in der Tat die Literatur, die wir heute so unbedingt brauchen.
Von Ilse Cordes