Hiyoli Togawa an der Viola und Alexej Gerassimez am Vibraphon verwandelten den großen Festsaal von Schloss Ritzebüttel in einen Klangraum zwischen den Kulturen. Die beiden Musiker sind nicht nur künstlerisch, sondern auch privat ein Paar. Foto: Potschka
Hiyoli Togawa an der Viola und Alexej Gerassimez am Vibraphon verwandelten den großen Festsaal von Schloss Ritzebüttel in einen Klangraum zwischen den Kulturen. Die beiden Musiker sind nicht nur künstlerisch, sondern auch privat ein Paar. Foto: Potschka
Mare-Musik-Festival 2026

Bratsche und Schlagwerk verzaubern Schloss

von Jens Potschka | 25.05.2026

Eine Bratsche und ein Schlagzeuger verwandeln Schloss Ritzebüttel in eine musikalische Entdeckungsreise. Zwischen alten Klängen und neuen Kompositionen entfaltet sich ein Abend voller Überraschungen und Klangwelten, die Grenzen überschreiten.

Aus einer einzigen Trommel holt Alexej Gerassimez eine ganze Klangwelt heraus: Sein Snare-Drum-Solo im Festsaal von Schloss Ritzebüttel ließ das Publikum den Atem anhalten. Foto: Potschka

Von Jens Jürgen Potschka

Cuxhaven. Der große Festsaal von Schloss Ritzebüttel ist an diesem Sonnabendabend gut gefüllt. Auf der kleinen Schlossbühne hat Alexej Gerassimez eine beeindruckende Landschaft aus Instrumenten aufgebaut: Marimba, Vibrafon, Glocken, Gongs verschiedener Größe, Snare Drum, Handpan. Wer den Raum betritt, stutzt. Das ist kein Kammermusikabend im klassischen Sinne. Das ist ein Versprechen. Mathias Christian Kosel, der künstlerische Leiter des Mare-Musik-Festivals, begrüßt das Publikum mit einem Augenzwinkern: "Das, was Sie jetzt hier sehen, wird auch gespielt und ist nicht nur Deko.”

Bratsche und Percussion: Das klingt zunächst ungewöhnlich, fast gewagt. Doch genau in dieser Spannung liegt die Stärke dieses Duos. Hiyoli Togawa, Bratschistin mit deutsch-japanisch-australischen Wurzeln, und Alexej Gerassimez, einer der profiliertesten Schlagwerker seiner Generation und Professor an der Hochschule für Musik und Theater München, arbeiten seit Jahren gemeinsam. Für diese ungewöhnliche Besetzung haben renommierte Komponisten eigens neue Werke geschrieben. Der finnische Komponist Kalevi Aho verfasste ein Doppelkonzert für die beiden. Togawa spielt an diesem Abend auf einer Viola aus dem Jahr 1733. Kosel bemerkt mit einem Lächeln: "Wer weiß, ob nicht schon Mozart darauf gespielt hat?"

Ein Programm wie eine Weltreise

Das Programm des Abends führt durch sieben Jahrzehnte und mehrere Kontinente. Es beginnt mit Gerassimez' eigenem "Lullaby of Itsuki", zart und meditativ, gefolgt vom zweiten Satz aus "Deserts" des katalanischen Komponisten Ferran Cruixent, der auf einem Gedicht von Ingeborg Bachmann basiert. Gerassimez übersetzt den Text spontan ins Deutsche, holprig und charmant zugleich, was den Saal zum Schmunzeln bringt.

Es folgen Kalevi Ahos "Am Horizont" und Gerassimez' "Eravie" in der Fassung für Viola und Marimba. Tigran Mansurians Duo fügt armenische Farben hinzu, bevor Gerassimez' "Asventuras" das Programm zur Zugabe hin öffnet. Den krönenden Abschluss bildet Astor Piazzollas "Libertango", arrangiert von Gerassimez. Piazzolla wollte den Tango aus der Tanzmusik befreien und zur Konzertkunst machen. Genau das gelingt an diesem Abend.

Bei den ruhigeren Stücken lassen sich Momente echter Stille spüren. Das Publikum reist mit, ohne Widerstand. Die Musik nimmt einen mit, ohne zu erklären, wohin. Dabei entfaltet Gerassimez auf seiner Fülle von Instrumenten eine schier unglaubliche Klangvielfalt: Mit Jazzbesen, Percussionsschlägeln und bloßen Händen, mit feuchtem Finger auf dem Rand eines Weinglases und mit den Fingernägeln auf den Gongs erzeugt er einen Klangteppich, der den Festsaal in verschiedenste Welten taucht.

Ein Schlagzeug-Solo als Höhepunkt

Der Abend hat viele Höhepunkte. Einer sticht heraus. Alexej Gerassimez spielt ein Solo auf der Snare Drum, der kleinen Trommel, die er als sein Lieblingsinstrument bezeichnet und die für jeden Schlagwerker das absolute Basisinstrument ist. Was er daraus herausholt, ist schlicht verblüffend. Der Saal folgt ihm gespannt und dankt es ihm danach mit anhaltendem Applaus. Togawa steht dem in nichts nach. Ihre Bratsche erzählt, klagt, tanzt, flüstert. Sie singt beim Spielen, manchmal kaum hörbar, manchmal deutlich genug, um zu spüren, dass hier jemand nicht nur ein Instrument bedient, sondern mit dem ganzen Körper musiziert.

Zwei Zugaben beschließen den Abend. Die letzte davon ist "Over the Rainbow". Togawa spielt sie auf der Bratsche mit einer Wärme, die den Festsaal noch einmal ganz still werden lässt. Draußen ist es noch hell, der Sommerabend wartet. Die Konzertbesucher verlassen Schloss Ritzebüttel mit dieser Melodie im Ohr und einem Lächeln im Gesicht. Manchmal braucht ein großer Abend am Ende genau das: ein einziges, schönes Lied.

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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