Brockes-Brotzeit in Cuxhaven: Ein Abend im Schloss Ritzebüttel mit historischem Flair
Im Schloss Ritzebüttel lebt die Geschichte auf: ein unvergesslicher Abend zu Ehren von Barthold Hinrich Brockes, dessen Vermächtnis in jedem Winkel spürbar ist. Die Brockes-Brotzeit lockt mit historischer Kulisse und kulinarischer Finesse.
Er hängt seit Jahren im großen Festsaal von Schloss Ritzebüttel und hat schon viele Feste erlebt. An diesem Abend aber gilt der ganze Trubel ihm allein. Barthold Hinrich Brockes, einst Amtmann an der Elbmündung, wäre am 22. September 346 Jahre alt geworden. Der Verein "Bürger für das Schloss Ritzebüttel" hat zur traditionellen Brockes-Brotzeit geladen. Der Jubilar blickt aus seinem Ölporträt auf 80 Gäste und einen Abend, den er selbst nicht besser hätte planen können.
"Achtzig Gäste, und die Warteliste noch länger. Der Rat in Hamburg hätte gestaunt", mag er denken. Brockes kam 1680 als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns in Hamburg zur Welt. Er wurde Senator seiner Vaterstadt, reiste als Diplomat an Fürstenhöfe und schrieb als einer der ersten großen Naturdichter deutscher Sprache Geschichte. Von 1735 bis 1741 saß er als Amtmann in diesem Schloss. Er verschönerte und erweiterte den Garten und legte den Brockeswald an, so eigenmächtig, dass ihm der Hamburger Rat einen Rüffel erteilte. Die Nachwelt urteilte milder: 1797 ließ sein Nachfolger Johann Arnold Heise ihm zu Ehren eine Gedenktafel aufstellen.
Rot und Weiß im Rondell
Wer an diesem Abend durch den Schlossgarten kommt, wandelt auf den Spuren des Amtmanns. Das Schild gegenüber des Gärtnerhauses heißt die Besucher willkommen, die Herbstsonne bricht durch das dichte Laub der alten Bäume, das Thermometer zeigt 17 Grad. Vor der Brockes-Gedenktafel blüht ein Beet in Rot und Weiß, das Schlossrondell leuchtet in denselben Farben. Es dürfte die letzte große Blütenpracht vor der Weihnachtszeit sein. Auf der Sonnenterrasse hören drei junge Leute Rockmusik, Spaziergänger führen ihre Hunde aus.
Vor dem Schlossportal nehmen die ersten Gäste ihr Begrüßungsgetränk unter freiem Himmel. Ein einsamer Herr zündet sich auf der Treppe noch eine Zigarette an, Seelust-Koch Jörg Hansen wuchtet mit einem Mitarbeiter eine schwere Thermobox ins Haus. Eine Mücke landet auf dem Jackett eines Gastes. Der Dichter, der in seinem Hauptwerk "Irdisches Vergnügen in Gott" die Schöpfung bis ins Kleinste besang, hätte ihr vermutlich eine Strophe gewidmet. Drinnen vor dem Festsaal verrät ein Tischplan auf einer Staffelei, wer wo Platz nimmt. Helfer haben die langen Tafeln am Vortag aufgestellt, am Geburtstag selbst wurde eingedeckt: Brotteller mit Buttermesser, Gläser für Wasser, Weißwein und Rotwein, Besteck für jeden Gang. Auf jedem Brotteller liegt eine kleine Tafel dunkler Schokolade mit dem Signet des Schlosses, eigens angefertigt von Thomas Wüppermann von der "Destillery - Helgoland". Sie hat eine stürmische Reise hinter sich. Der Seegang war heftig, erst mit dem letzten Schiff am Freitag erreichte sie das Festland. Eine Punktlandung. "Schokolade von der roten Insel, über die tobende See gebracht. Das nenne ich Gastfreundschaft", könnte der Amtmann murmeln.
Betteln für den Marstall
Gegen 18.20 Uhr tritt Melanie Eitzen-Fischer vor die Gäste, direkt unter das Porträt. Die Vorsitzende des Schlossvereins löst das Rätsel der Einladung, auf der "Fünf plus sechs" stand: "Fünf Gänge für den Gaumen, sechs Jahrhunderte für die Ohren und dazwischen ganz viel Freude am gemeinsamen Erleben." Sie erinnert daran, dass die Brotzeit schon während der Schlosssanierung stattfand, die vor 30 Jahren abgeschlossen wurde. Damals tafelte man im Rohbau und nannte das Ganze Brockes-Bettelbrotzeit. "Heute sitzen wir wieder zusammen an einem festlich gedeckten Tisch. Aber betteln tun wir immer noch."
Der Erlös des Abends fließt in die Sanierung des Marstalls, der gleich neben dem Schloss seit Langem auf Rettung wartet. Die Vorsitzende dankt Förderern "vom Apfel bis zur Zwiebel", dem Wolters Hoff aus Midlum für die Pilze und Robert und Birgit Hinners, die in einer Nachtaktion zwölf Kilo Krabben geholt haben. Als sie auf das Team der Seelust zu sprechen kommt, wird ihre Stimme brüchig: "Es war wirklich heute ein Wahnsinn." Dann hebt sie das Glas auf den Jubilar. Der hält still, wie es sich für ein Ölgemälde gehört.
Zwölf Kilo Krabben, nachts geholt
Jörg Hansen kündigt jeden Gang selbst an, mit launigen Worten und einem Seitenblick ins 18. Jahrhundert. "Ich denke mal, der hat natürlich auch die regionalen Produkte bevorzugt", sagt der Koch über den Amtmann. Nach einer Waldpilz-Pastete als Gruß aus der Küche folgt ein Salat von frischen Nordseekrabben auf kleinen Reibeplätzchen mit Honig-Senf-Dill-Soße, dazu Rauchlachsröschen und Blattsalate. Die Schlossküche hat allerdings einen Haken. "Wir haben überhaupt keinen Backofen", verrät Hansen. Sein Team holt den Hauptgang deshalb aus dem Hotel in Duhnen nach, und Schlosspächter Holger Bause lässt ihn unten in seinem Ofen noch einmal aufwärmen. "Das ist das Signal, dass wir unter Kollegen sind", sagt Hansen. Sechs Leute der Seelust stehen im Einsatz, verstärkt von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern aus dem Umfeld des Schlossvereins, die Teller um Teller durch den Saal tragen.
Monteverdi aus vier Saxophonen
Zwischen den Gängen spielt das Saxophonquartett MultiColore: Thomas Haberkamp am Sopran- und Altsaxophon, Ilona Haberkamp am Altsaxophon, Peter Sagurna am Tenorsaxophon und Ralf Kiwitt am Baritonsaxophon. Das Ensemble fand an der Dortmunder Musikhochschule zusammen, besteht in diesem Jahr seit 45 Jahren und hat schon in China gastiert. Kiwitt lebt seit fünf, sechs Jahren mit seiner Frau in Cuxhaven. "Wir leben hier und lieben es", sagt er. Nun wollte er sein Quartett endlich auch an der Elbmündung zu Gehör bringen.
Die Musiker beginnen mit Monteverdi, von Thomas Haberkamp eigens arrangiert. Zwei Chöre, die sich in einer Kirche gegenüberstehen, verwandeln sich in vier Saxophone. Das Instrument sei klanglich sehr flexibel, "eigentlich wie die menschliche Stimme", erklärt Haberkamp. Dass es erst um 1840 erfunden wurde, fast ein Jahrhundert nach Brockes' Tod, stört an diesem Abend niemanden. Nach dem Mulligatawny, einem indischen Geflügelcurrysüppchen mit Banane und Kokos, folgt ein Block mit Bach, darunter Auszüge aus der "Kunst der Fuge". Da dürfte der Mann im Rahmen aufhorchen. Bach und Brockes waren Zeitgenossen, erinnert Kiwitt, und Bach hat Texte des Hamburgers vertont. Tatsächlich griff er in seiner Johannes-Passion auf Verse aus Brockes' berühmter Passionsdichtung zurück, die auch Händel und Telemann in Musik setzten. "Mein Zeitgenosse aus Leipzig, gespielt auf Instrumenten, die ich nie gesehen habe. Es klingt, als hätte er sie selbst bestellt", hätte der Dichter vielleicht notiert. Kiwitt hat für das Programm einen eigenen Gedanken: "Jeder Komponist, den wir spielen, hätte zumindest theoretisch auch in diesem Saal sitzen können."
Die Keule, nicht der Rücken
Dann kommt der Hauptgang, frisch aus dem geliehenen Ofen: rosa gebratene Rehkeule mit Hagebuttensauce, gestovtem Wirsing, Waldzwergen, Selleriepüree und Kartoffeltalern. "Ihr denkt eigentlich, es ist der Rücken, es ist aber die Keule", ruft Hansen in den Saal. Wild aus der Region, Krabben von der Küste: Genau dieses Menü würde er Brockes servieren, sagt der Koch. "Das war früher schon etwas Feines und ist auch heute noch etwas Feines."
Nach dem Hauptgang schwenkt MultiColore in die Gegenwart, zu Gershwins "Summertime", zu Klängen aus "Ein Amerikaner in Paris" und zu modernem Jazz. Am Tisch erzählt Barbara Itgen, zweite Vorsitzende des Schlossvereins, warum ihr das Schloss so viel bedeutet. Es ähnelt in seiner Bauweise dem Turm auf Neuwerk, auf dem sie und ihr Mann geheiratet haben. Der Altbau hat einen ganz eigenen Geruch, sagt sie, voller Wärme, Herzlichkeit und Vertrautheit. "Ich glaube, dass jede Wand hier im Schloss Geschichten erzählen könnte." Für die kommenden Jahre wünscht sie sich eine gute Sanierung des Schlossgrabens, mehr Aufmerksamkeit und Sicherheit für den Schlossgarten und einen Platz im kreativen Team für den Marstall. Ein Wunsch, der dem Gartenschöpfer im Rahmen gefallen dürfte.
Auch an den Hausmeister hat der Verein gedacht. "Der bekommt morgen Suppe", verrät Barbara Itgen mit einem Lächeln. Zum Finale trägt der Service die Dessertvariation "Brockes 2026" herein, den Namen des Jubilars in feinem Schwung auf jedem Teller. Birnenkompott, Schokolade, ein kleiner Brownie, frische Früchte. "Wir hoffen, wir sehen uns nächstes Jahr gesund und munter wieder", sagt Jörg Hansen. Was die Gäste neben dem Essen mitnehmen sollen, hat Michaela Hansen schon vor dem ersten Gang gewusst: "Das besondere Ambiente, die herzliche Atmosphäre, die Gastfreundschaft und den guten Zweck, dem das Ganze letztendlich dient."
Spät am Abend treten die Gäste hinaus in den dunklen Garten, den Brockes einst gegen den Willen des Rates verschönerte. Der Dichter schrieb zu seinem 65. Geburtstag ein Gedicht auf sich selbst. Zum 346. hat er sich keins gemacht. Vielleicht hätte er nur einen Satz hinterlassen: "Kommt wieder. Der Marstall braucht euch, und ich werde nicht jünger."
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