Buchpremiere in Cuxhaven: Warum die deutsche Besatzung Norwegen nicht brechen konnte
Es war eine besondere Runde, die sich am Dienstag im vollbesetzten Saal der Cuxhavener Stadtbibliothek die Bälle zuwarf. Und das zu einem spannenden Thema, das Peter von Rüden neu aufgerollt hat, nämlich der deutschen Besatzung in Norwegen.
Im Dialog - ergänzt durch eindrucksvoll vorgetragene Passagen - gestalteten Autor und Medienwissenschaftler Dr. Peter von Rüden, der ehemalige Radio-Bremen-Programmdirektor Hermann Vinke und Schauspielerin Kathrin Steinweg eine Buchvorstellung, die sich deutlich von einer einfachen Lesung abhob.
Das Sachbuch "Gemeinsam gegen Hitler, Quisling und Terboven" greift ein wenig bekanntes Kapitel der Weltkriegsgeschichte auf. Es geht um die Besatzung Norwegens und die Widerständigkeit eines ganzen Volkes, aber auch die Beziehungen des norwegischen zum deutschen Widerstand. Viele Details bringt Peter von Rüden, der das Buch in Cuxhaven geschrieben hat, zum allerersten Mal an die Öffentlichkeit.
"Ich wusste: Wenn ich das jetzt nicht aufschreibe, ist es weg", sagt Peter von Rüden zur Entstehungsgeschichte. Ende der 80er-Jahre hatte er für eine NDR-Serie über Skandinavien im Zweiten Weltkrieg erstmals zum Thema recherchiert. Vor allem eine Frage blieb hängen: "Was ist das für ein Volk, bei dem drei Viertel der Lehrer und die gesamte Staatskirche mit allen Bischöfen in den Untergrund gehen?"
Gruselige Vorstellung eines großgermanischen Reichs
Vidkun Quisling, "ein besonders gelehriger Schüler Adolf Hitlers" (Peter von Rüden), war von 1942 bis 1945 Ministerpräsident der von der deutschen Besatzungsmacht eingesetzten Marionettenregierung. Josef Terboven war ab 1940 deutscher Reichskommissar in Oslo und damit der verlängerte Arm der NS-Regierung. Norwegen war für die Nazis nicht nur aus strategischen Gründen interessant, um von hier aus über die nördliche Landesgrenze die deutschen Truppen in Finnland mit Nachschub zu versorgen. Vielmehr habe Adolf Hitler dieses Volk mit klarem Verweis auf die nordische "Rasse" als unverzichtbaren Bestandteil eines großgermanischen Reichs verstanden, so Peter von Rüden. "Norwegen sollte im Inneren wie Deutschland organisiert werden. Nach dem Einmarsch war Hitler völlig verblüfft, dass es dort Demokraten gab."

Die demokratische Tradition blieb auch während der durch Repressalien und Gewalt geprägten Besatzungszeit das gesellschaftliche Leitprinzip. Diese Zivilcourage war gefährlich; so sollte beispielsweise jeder Tod eines Deutschen mit 50 getöteten norwegischen Geiseln vergolten werden. Die jüdische Bevölkerung - etwa 2000 Personen - wurde wie in Deutschland systematisch erniedrigt, verfolgt und deportiert. Quisling verfolgte den grausamen Anspruch, Norwegen "judenrein" zu machen. Rund 60 Prozent von ihnen kamen in Auschwitz um.
Gemeinsamer Widerstand einte Menschen
Es war aber auch eine Zeit, die Menschen einte. Nach Norwegen geflüchtete Deutsche kooperierten mit dem norwegischen Widerstand und stellten die Verbindung zu Widerstandsgruppen in Deutschland her. Hörfunk-Nachrichten aus dem Rest der Welt erreichten über die BBC das Land; verbotenerweise natürlich. Fast täglich sprach hier König Haakon VII. aus dem Londoner Exil zum Volk. Die ganze Familie versammelte sich vor dem Rundfunkgerät, das auf Geheiß der Besatzer eigentlich längst hätte abgegeben sein sollen.
Der Inhalt der Sendungen wurde zum Teil verschriftlicht unters Volk gebracht. Auch die in Schweden produzierte und heimlich unter Lebensgefahr ins Land geschmuggelte Zeitschrift "Handslag" (Handschlag) enthielt verbotene Informationen. Ihr prominentester Journalist war der 1940 nach Stockholm geflüchtete Willy Brandt, der - vom Deutschen Reich ausgebürgert - als inzwischen norwegischer Staatsbürger eine zentrale Rolle im Widerstand spielte.
Angesichts der ersten Niederlagen der Wehrmacht wuchs ab Mitte 1943 die Hoffnung auf einen durch ein tödliches Attentat auf Adolf Hitler ausgelösten Regimewechsel in Deutschland. Warum jeder der zahlreichen Attentatsversuche scheiterte, bleibt schleierhaft.
Die letzte Phase des Krieges wurde durch Hitlers Selbstmord am 30. April 1945 eingeleitet. In Norwegen befanden sich zu dem Zeitpunkt über 300.000 bewaffnete deutsche Soldaten. Sollte der Kampf hier weitergehen, womöglich mit zusätzlich eingeflogenen Elitesoldaten? Von Rüden: "Die Bedrohung war real." Das unblutige Ende war Verhandlungssache. Unter der Zusage, dass die deutschen Soldaten nicht an die Sowjetunion ausgeliefert würden, wurden die Kapitulation und die Entlassung der Soldaten nach Deutschland vereinbart.
Moderator Hermann Vinke bezeichnete das Sachbuch als "politisch-militärischen Krimi". Peter von Rüden habe mit seiner hochakribischen Arbeit Neuland betreten. "Wie intensiv dieser Widerstand war und dass er überhaupt möglich war, hatte ich bisher nicht gewusst. Aber es macht Hoffnung."
Erkenntnisse reichen bis in die Gegenwart
Die Erkenntnisse daraus reichten bis in die Gegenwart, nämlich mit der entscheidenden Botschaft, dass Widerstand Solidarität brauche. Der Kampf gegen den Diktator Adolf Hitler habe gemeinsames Handeln unabdingbar gemacht. Eine Solidarität, für die es auch jetzt wieder höchste Zeit sei, machte Peter von Rüden deutlich: "Der damalige Widerstand ist in einer Diktatur entstanden. Muss es erst wieder dazu kommen?"
Die Entscheidung der deutschen Wählerschaft im Jahr 1933 habe den Tod von 69 Millionen Menschen nach sich gezogen; allein deshalb müsse für Sozialdemokraten, Linke und Christen ein geschlossenes Auftreten gegen die AfD eine gemeinsame Verpflichtung sein. "Nie wieder ist jetzt" konstatierte auch Hermann Vinke. Dass außerdem heute die Freundschaft mit Norwegen wieder möglich sei, sei ein wirkliches Geschenk und eine große Geste dieses Landes. Die Buchvorstellung in Cuxhaven wurde in Kooperation mit der Stadtbibliothek und dem Förderverein "Deine Bibliothek" veranstaltet.
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