Gut gedacht, aber nicht ausreichend genug: Hinweise in Blindenschrift am Zentralen Omnisbusbahnhof (ZOB) in Cuxhaven. Umso schwieriger ist allerdings die Orientierung auf den Bussteigen, wo Fahrgäste die Angabe der Fahrziele vermissen. Die Fahrpläne in den Schaukästen (unter den Dächern) sind schwer zu lesen; an kalten Tagen waren die Scheiben  außerdem häufiger zugefroren. Foto: Reese-Winne
Gut gedacht, aber nicht ausreichend genug: Hinweise in Blindenschrift am Zentralen Omnisbusbahnhof (ZOB) in Cuxhaven. Umso schwieriger ist allerdings die Orientierung auf den Bussteigen, wo Fahrgäste die Angabe der Fahrziele vermissen. Die Fahrpläne in den Schaukästen (unter den Dächern) sind schwer zu lesen; an kalten Tagen waren die Scheiben außerdem häufiger zugefroren. Foto: Reese-Winne
Bewusstsein steigt langsam

Cuxhaven: Wie weniger Barrieren eine ganze Stadt lebenswerter machen sollen  

von Maren Reese-Winne | 21.02.2023

Das stete Nachbohren trägt Früchte: Der Beirat für Menschen mit Behinderungen ist in der Stadt Cuxhaven sichtbar geworden - und er tut alles dafür, dass das so weitergeht. Denn Baustellen gibt es noch genug.

"Alles, was die Stadt barrierefreier macht, macht sie insgesamt lebenswerter. Wir kommen alle in das Alter, in dem wir darüber froh sein werden", sagen die Vorstandsmitglieder Christine Wagner, Werner Ludwigs-Dalkner und Susanne Grantz.

Dass der Beirat mehr und mehr gehört wird, war nicht immer so  in den 17 Jahren seines Bestehens. "Anfangs kamen die Eingaben fast ausschließlich von der Stadt. Dass uns Hoteliers und Unternehmen zurate ziehen, bevor sie bauen,  hätte es früher nicht gegeben, schon gar nicht in der Fülle", erzählt die Vorsitzende Christine Wagner und nennt als Beispiel die Stadtsparkasse Cuxhaven, die ihre Pläne für den Neubau in Altenwalde mit dem Beirat abgestimmt habe : "Das müssen sie nicht, aber das wollen sie."

Mit pragmatischen Schritten kann schon viel erreicht werden

EWE Wasser habe die Vorschläge zur Verbesserung aller öffentlichen Toiletten innerhalb von drei Tagen umgesetzt, das Finanzamt habe pragmatische Lösungen für den Zugang gefunden und der Austausch mit der Nordseeheilbad Cuxhaven GmbH funktioniere ebenfalls. Zu den kommenden Herausforderungen im Strandgebiet gehöre eine Möglichkeit, auch Gehbehinderten den Zugang ins Wasser zu ermöglichen, erklärt Christine Wagner.  

Auch in den politischen Gremien werde der Beirat zunehmend gehört, beispielsweise bei der Priorisierung des barrierefreien Ausbaus der Bushaltestellen. Dafür hatte der Beirat sogar eigens eine  Arbeitsgruppe gebildet. In mehreren Ausschüssen hat er außerdem eigene Sitze - Susanne Grantz vertritt ihn im Begleitausschuss und im Präventionsrat und Christine Wagner (mit beratender Stimme) im Ausschuss für Jugend, Soziales, Familie und Gleichstellung. Auch mit den Ortsräten und Ortsbürgermeistern bestehe ein guter Austausch.

Schwierige Orientierung an den Bussteigen

Allerdings stellt aktuell ausgerechnet Cuxhavens modernstes Aushängeschild in Sachen ÖPNV - der ZOB - nicht nur Menschen mit Behinderung vor Probleme: Wer nicht ganz genau weiß, wo er wann hinmöchte, kann an der fehlenden Beschilderung verzweifeln. Werner Ludwigs-Dalkner, 2. Vorsitzender, weiß von Menschen, die zwischen den Bussteigen hin und her irren und nicht wissen, wo sie sich anstellen sollen. "Die Notwendigkeit, den gesamten ÖPNV barrierefrei zu machen, bleibt nach wie vor ein großer Punkt in unserer Arbeit", sagt er. Erleichterung verspricht das zu erwartende elektronische Leitsystem für den Busverkehr in ganz Cuxhaven. Die dynamische Fahrgastanzeige soll in Echtzeit über die nächsten Abfahrten und Verspätungen informieren. "Das reicht aber nicht nur am ZOB, sondern damit müssten dann alle Haltestellen ausgestattet werden", sagt Christine Wagner.

Für dieses Jahr hat sich der Beirat einige Schwerpunkte vorgenommen; einer davon sind die Spielplätze - "kein einziger der 60 bis 70 Plätze in Cuxhaven ist barrierefrei" -, ein anderer die Sportstätten, wo noch viel Verbesserungsbedarf bestehe. Immerhin verspreche die Sporthalle Sahlenburg zu einem Vorzeigemodell zu werden. "Es ist ein großer Aufwand, aber es dient dazu, die Stadt zukunftsfähig zu machen", unterstreicht Werner Ludwigs-Dalkner.

Fehlender Wohnraum birgt Zündstoff

Er weist gleichzeitig auf den größten Brocken hin, der gesellschaftlichen Zündstoff in sich birgt: "Bezahlbaren barrierefreien Wohnraum gibt es nicht mehr." Das Leben vieler Familien und allein Wohnender sei hierdurch elementar eingeschränkt. Der Kreis der Betroffenen explodiere: "Ganz viele Senioren benötigen solchen Wohnraum. Und die Generation der Babyboomer kommt erst noch." Barrierefreier Wohnraum müsse zukünftig zur Regel werden: "Kein Haus, keine Wohnung, die nicht barrierefrei ist, dürfte mehr gebaut werden." Fahrstühle, Verzicht auf Schwellen, Einbau von mindestens 100 Zentimeter breiten Türen, Automatiköffnungen, barrierefreie Sanitäranlagen müssten als Pflichtnorm ins Baugesetz gehören. Das sei auch nicht teurer (Studien zufolge steigen die Kosten eines Neubaus so um maximal ein Prozent) und böte nur Chancen: "In einem barrierefreien Haus können alle wohnen, aber nicht umgekehrt." Unverständlicherweise gehöre dies noch nicht zu den Pflichtelementen der Bauingenieurs- und Architektenausbildung.

Dagegen scheinen andere Schwachstellen, derer sich der Beirat annehmen will, deutlich schneller lösbar. Wie zum Beispiel die unsinnige Anbringung von Brandschutztüren in Behinderten-WCs (etwa im Bahnhof) ohne Fenster: Wenn Betreffende die Tür nicht mehr aufbekämen, stelle das schon ohne Feuer eine sehr unangenehme Situation dar, so Christine Wagner. Sie weiß von Vorfällen, wo gefangene Personen nur durch Zufall entdeckt und befreit wurden, weil auch der Notruf ins Leere gegangen sei.

Weiter gepflegt werden soll der enge Kontakt zum Kreis-Inklusionsbeirat, dem ohnehin mehrere Beiratsmitglieder ebenfalls angehören. Für die Öffentlichkeit bleibt der Beirat ebenfalls ansprechbar - erst recht bei der nächsten Veranstaltung zum Europäischen Protesttag für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung: Am 7. Mai wird hierzu "Deutschlands einziger körperbehinderter Komiker" Martin Fromme (eigene Aussage; ihm fehlt ein Unterarm) um 16 Uhr mit seinem Programm "Glückliches Händchen" in der Stadtbibliothek erwartet.

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Maren Reese-Winne

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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