DLRG in Cuxhaven: Wie sich der Einsatz in 100 Jahren wandelte
Seit 100 Jahren trotzt die DLRG Cuxhaven den Naturgewalten an der Nordsee. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie sich die Aufgaben verändert haben. Redakteur Jens Potschka führte ein Gespräch mit dem Vorsitzenden der Ortsgruppe, Dieter Sandforth.
Was unterscheidet die DLRG in einer Küstenstadt wie Cuxhaven von einer DLRG im Binnenland?
Wir haben die Nordsee, das Elbfahrwasser und das Weltnaturerbe Wattenmeer direkt vor der Haustür. Somit haben wir es im Vergleich mit vielfach anderen Rahmenbedingungen zu tun, wie zum Beispiel Wind bis Sturmstärke, Seegang, Strömungen und Schlickfeldern. Dies bedeutet für die Einsatzkräfte der "Schnell-Einsatz-Gruppe" vielfach eine hohe Selbstgefährdung und erfordert permanentes Training und stellt höchste Anforderungen an unsere Einsatzmittel.
Gibt es Einsätze oder Momente, die bis heute weitererzählt werden?
Neben dem Einsatz bei der Flutkatastrophe in Dresden 2002 bleibt der Hochwassereinsatz im Winter 2023/2024 im Heidekreis in Erinnerung. Wasserrettungszüge der DLRG arbeiteten rund um die Uhr bei eisigen Luft- und Wassertemperaturen an Deichsicherungen und Gefahrenabwehr.
Hat sich das Ehrenamt in diesen 100 Jahren verändert?
Das Ehrenamt hat sich durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sicherlich verändert. Der Grundgedanke - sich freiwillig und unbezahlt für andere oder die Gesellschaft einzusetzen - ist meines Erachtens geblieben, natürlich auch angepasst an neue digitale Möglichkeiten. Geblieben ist aber der Leitsatz der DLRG: "Jeder Nichtschwimmer ein Schwimmer - jeder Schwimmer ein Rettungsschwimmer".
Gibt es eine Begegnung mit einem Geretteten, die Sie nie vergessen werden?
Vor Jahren durfte ich zwei Frauen während der Wartezeit bei Hochwasser auf einer Rettungsbake - parallel lief die Rettungsaktion für deren Ehemänner und nebst zwei Hunden von einer Sandbank - bis zum Eintreffen des Feuerwehrbootes betreuen. Es waren die minutenlangen Freudentränen und die sichtbare Erleichterung, auf die Beantwortung der Frage "Was kostet uns jetzt euer Einsatz?", welche ich nicht so schnell vergessen werde. Rettung aus einer akuten Gefahrlage ist grundsätzlich kostenfrei.
Was empfinden Sie, wenn Sie jemanden zum ersten Mal sicher schwimmen sehen?
Das Erlangen des Abzeichens "Seepferdchen" stellt einen von vielen wichtigen Entwicklungsschritten im Leben eines Kindes dar. Der Ausruf "Es geht ja auch ohne Schwimmgürtel" und die Freude in den Augen beim Erreichen des Beckenrandes begeistern und motivieren mich bei meiner Schwimmausbildung an der Grundschule Nordholz jedes Mal. Es ist schön zu sehen, wenn Kinder dieses erste wichtige schwimmerische Ziel erreicht haben und wie selbstbewusst sie am Ende ins Wasser gehen.
Welche Eigenschaften muss ein Rettungsschwimmer mitbringen?
Neben einer guten Schwimmfähigkeit und körperlicher Fitness sollte man unter anderem auch Verantwortungsbewusstsein, Ruhe und Besonnenheit auch unter Stress und Teamfähigkeit mitbringen.
Was hat Ihnen persönlich die DLRG fürs Leben beigebracht?
Der jahrelange aktive Einsatz im Bereich der Wasserrettung hat mir zunächst den Respekt vor der Natur, den Naturgewalten und den damit verbundenen Risiken geschärft. Des Weiteren darf ich jeden Tag erleben, wie sich ehrenamtliche Helfer und Helferinnen für die Gemeinschaft einsetzen und dabei eigene Interessen, Freizeit und Familie zeitweise hintanstellen. Sehr beeindruckt mich immer wieder der Zusammenhalt und die gelebte Kameradschaft innerhalb der "Blaulichtfamilie" (Feuerwehren / DRK / THW / DGzRS / WSP / IuK) unserer Stadt. Das gemeinsame Engagement, diese Hilfsbereitschaft und die Verlässlichkeit bei den gemeinsamen Einsätzen verbinden!
Welche Einsätze nehmen zu?
Mit der Einführung von neuen Einsatzmitteln - speziell Drohnen - werden wir vermehrt auch außerhalb der ureigensten Aufgabe der "Wasserrettung" bei Suchen nach vermissten Personen an Land, bei Erkundungen von Überschwemmungsgebieten (Deiche) und selbst bei Bränden zur Unterstützung der Feuerwehren bei der Suche mittels Wärmebildkamera nach Glutnestern eingesetzt.
Wie bereiten Sie sich auf den Klimawandel vor - stärkere Strömungen, Extremwetter, Sturmfluten?
Wir schulen regelmäßig unsere Einsatzkräfte für komplexere Schadenslagen wie Starkregen, Hochwasser und Sturmfluten und verstärken in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen sowie Behörden. Erfahrungswerte aus verschiedenen Flutkatastrophen wurden bereits in die Bereiche "Ausrüstung" und "Ausbildung" umgesetzt. Dazu gehören unter anderem Verbesserungen der persönlichen Schutzausrüstungen und Übungen unter realistischen Bedingungen.
Wie schwierig ist es heute, junge Menschen fürs Ehrenamt zu gewinnen?
Insgesamt verzeichnen wir bei der DLRG einen erfreulichen Zuwachs bei den Mitgliederzahlen. Natürlich können wir nicht jeden für die Abteilung "Ausbildung" oder "Einsatz" gewinnen. Wir stehen in Konkurrenz mit Familie, Beruf und verschiedenen Freizeitangeboten. Vor allem mit unserem "Jugend-Einsatz-Team" (JET) wollen wir Jugendliche im Alter von 10 bis 16 Jahren für uns begeistern. Bei den Erwachsenen können wir vermehrt durch unser breites Einsatzspektrum - von Tauchern, Strömungsrettern, Bootsführern und Luftrettern - und durch unsere Einsätze im Rahmen der Wasserrettung für eine Tätigkeit im Ehrenamt punkten.
Was würden Sie einem Jugendlichen sagen, der überlegt, mitzumachen?
In der heutigen Zeit ist der Blick in die sozialen Medien zunächst als "Eye-opener" sicherlich hilfreich, um das breite Einsatzspektrum (Ausbildung / Training/ Einsatz) kennenzulernen und ein Interesse zu wecken. Letztendlich bevorzugen wir aber das persönliche Kennenlernen und empfehlen daher den Besuch an einem unserer wöchentlichen Dienstabende (jeden Dienstag ab 18 Uhr / in den Sommerferien Donnerstag ab 18 Uhr). Dort kann man Gleichaltrige treffen, das Vereinsleben erleben und direkt mitbekommen, dass die DLRG-Ortsgruppe mehr zu bieten hat als nur Schwimmen.
Welche Unterstützung wünschen Sie sich von Politik und Gesellschaft?
Wir haben ein gutes Ansehen sowohl bei der Stadt als auch beim Landkreis Cuxhaven. Eine große Anerkennung erfahren wir auch in der Gesellschaft vor Ort, was zahlreiche Sach- und Geldspenden von Einzelpersonen und Firmen seit Jahren beweisen. Das erweiterte Einsatzspektrum bis hin zum Katastrophenschutz, die neuen Einsatzmittel und die Ausbildungsanforderungen erfordern natürlich immense finanzielle Mittel, welche nicht nur durch Mitgliedsbeiträge oder Spendenbeiträge erbracht werden können. So wünschen wir uns planbare finanzielle Unterstützungsleistungen für Miete / Unterhalt Fuhrpark / Neuanschaffungen etc. Mit der Stadt Cuxhaven und dem Landkreis führen wir diesbezüglich regelmäßig vielversprechende und offene Gespräche.
Was wünschen Sie sich zum 100-jährigen Jubiläum mehr: Geld, Mitglieder oder Aufmerksamkeit?
Es sind nicht die materiellen Dinge, die vorrangig zählen. Für die Zukunft wünsche ich mir zunächst, dass alle Kameraden und Kameradinnen von den Einsätzen im Wasserrettungsdienst und Katastrophenschutz gesund wieder zurückkehren und bei dem Auftrag - Leben zu retten - stets erfolgreich sind. Wunsch ist auch ein dauerhaft sicherer und reibungsloser Ablauf bei der Schwimmausbildung. Natürlich wünsche ich mir auch, dass wir genügend Helfer und Helferinnen finden, die im Bereich der DLRG weiterhin Verantwortung übernehmen, Spaß an der ehrenamtlichen Arbeit haben und somit die Ziele "Menschenleben zu retten und Ertrinkungsunfälle zu verhindern" auch weiterhin Bestand haben.
Was wissen die meisten Menschen über die DLRG nicht?
Viele verbinden mit der DLRG noch allzu oft die Begriffe Schwimmausbildung und Rettungsschwimmer und die rote Einsatz- oder Badebekleidung. Das Einsatzspektrum hat sich aber enorm erweitert und reicht heute von Drohnensteuerer, Strömungsretter und Einsatztaucher bis hin zum Luftretter. Ebenso ist vielen nicht bewusst, dass die DLRG ein fester Bestandteil des Katastrophenschutzes, insbesondere im Bereich der Wasserrettung und bei Hochwasserlagen, ist.
Welche falschen Vorstellungen begegnen Ihnen immer wieder?
Häufig hören wir: "Ich kann doch bei euch nicht mitmachen, ich kann nicht gut schwimmen." Die Bereiche Jugendarbeit, Erste-Hilfe, Technik, Öffentlichkeitsarbeit oder Verpflegung erfordern nicht zwangsläufig eine Rettungsschwimmer-Qualifikation.
Wann mussten Sie selbst einmal Angst überwinden?
Angst habe ich bei Einsätzen bisher nicht bewusst überwinden müssen. Dennoch habe ich gehörigen Respekt bei Einsätzen unter erschwerten Rahmenbedingungen und bei unübersichtlichen Situationen. Das Vertrauen auf die Teamleistung und den eigenen Ausbildungsstand helfen dabei.
Gibt es Entscheidungen, die innerhalb weniger Sekunden über Leben und Tod entscheiden?
Die wichtigste Entscheidung müssen wir bei der kurzen Lagebeurteilung immer im Vorfeld einer Rettungsaktion treffen. Es gilt unbedingt der Grundsatz "Selbstrettung vor Fremdrettung". Es ist weder dem Retter noch dem Verunglückten geholfen, wenn ich zum Beispiel im Winter selbst ohne Sicherungsmaßnahmen auf eine brüchige Eisfläche gehe oder bei 4 Grad Wassertemperatur ins Hafenbecken springe.
Wie geht man nach einem belastenden Einsatz nach Hause?
Nach einem belastenden Einsatz setzen wir uns direkt mit dem gesamten Team zusammen. Ziel ist es im Gespräch, Belastungsreaktionen früh zu erkennen, um langfristig psychische Folgen zu vermeiden. Innerhalb der Ortsgruppe verfügen wir über Einsatzkräfte, die eine Ausbildung im Rahmen der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) erhalten haben. So können wir schon frühzeitig intern gezielte Unterstützung bei der Verarbeitung des Erlebten anbieten. Bei Bedarf vermitteln wir an externe psychologische und therapeutische Hilfsstellen weiter. Natürlich können wir über die Leitstellen auch jederzeit ein Kriseninterventionsteam (KIT) anfordern.
Wer rettet eigentlich die Retter?
Wir vertrauen auf unsere Teamleistung, denn eine Einsatzkraft kann nur durch eine andere Einsatzkraft gerettet werden. Sowohl unsere Taucher im Wasser werden durch weitere einsatzklare Taucher an Land abgesichert als auch Strömungsretter im Bedarfsfall durch einen weiteren Strömungsretter mittels Sicherungsleine. Letztendlich "retten" uns eine einsatzoptimierte Ausrüstung, permanentes Training und eingeübte Handlungsabläufe.
Hundert Jahre lang sind Generationen von Ehrenamtlichen ins Wasser gegangen, damit andere sicher wieder herauskommen. Glauben Sie, dass unsere Gesellschaft heute noch genügend wahrnimmt, welchen Wert dieses Engagement hat?
Basierend auf meiner positiven Lebenseinstellung glaube ich fest daran. Auch wenn es vereinzelt mal negative Reaktionen gegenüber Einsatzkräften gegeben hat, erfahren wir als Ortsgruppe durchweg Respekt, Anerkennung und positive Beachtung. Diese Wertschätzung zeigt sich in Rückmeldungen auf Einsatzberichte, einem Dankeschön nach bestandener Schwimmausbildung oder durch Zuerkennung einer Spende. Auch heute noch zutreffend finde ich das Zitat aus dem Jahre 1953 vom damaligen Oberbürgermeister Wachtendorf: "Wenn in dieser Zeit des Egoismus der Grundgedanke der DLRG, das eigene Leben für andere zu wagen, sich im Alltag durchsetzen würde, wäre das Leben doppelt schön."

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