Frauentag nach isländischem Vorbild: Cuxhavener Gruppe plant "einen Tag ohne Frauen"
Bundesweit sind für den 9. März 2026 an vielen Orten Frauenstreiks angekündigt. Inspiriert vom isländischen Streik 1975 plant auch eine Cuxhavener "Enough" Gruppe eine Aktion, die deutlich machen soll: Ohne uns steht alles still.
In einer vierteiligen Serie begleitet CNV-Medien die Cuxhavener "Enough"-Gruppe, die den 9. März, nach isländischem Streik-Vorbild organisiert. Bundesweit sind für diesen Tag bereits etliche Frauenstreiks angekündigt.
Die Serie wirft einen Blick zurück auf die Geschichte des Frauenstreiks 1975 in Island und welche Folgen er hatte. Im zweiten Teil kommen die Initiatorinnen zu Wort, im dritten Teil junge Frauen aus der Region, die sich an dem Tag beteiligen. Die Serie endet mit der Aktion am 9. März 2026, die von unserer Volontärin begleitet wird.

"Enough" - die ersten Schritte
In den Räumlichkeiten der Diakonie Cuxland herrscht lebhaftes Treiben - Stühle werden gerückt, Kaffeetassen klappern, Notizblöcke werden aufgeschlagen. Die Untergruppe des Arbeitskreises häusliche Gewalt trifft sich. Ab sofort sind sie auch die Cuxhavener Ortsgruppe "Enough" - und sie planen den Frauenstreik am 9. März 2026. Dabei sind die Frauen- und Mädchenberatung wie auch die Beratungsstelle gegen häusliche Gewalt des Paritätischen, Pro Familia und Sozialarbeiterinnen aus verschiedenen Bereichen.
Die Gruppe "Enough" ist ein offenes, überregionales Bündnis von Frauen und Verbündeten, das eigens für den globalen Frauen-Generalstreik am 9. März 2026 gegründet wurde und die Streikidee in die Breite trägt: Von anfangs wenigen Aktivistinnen ist eine wachsende Bewegung mit Regionalgruppen, Online-Kampagnen und bundesweiten Vernetzungsrunden entstanden, die den Internationalen Frauentag bewusst um einen politischen Streiktag verlängern will, um zu zeigen: Ohne uns steht alles still.

"Kvennafrídagurinn" - Island 1975
1975 kochte die Unzufriedenheit der Isländerinnen über schlechte Bezahlung, kaum politische Mitsprache und die unsichtbare Doppelbelastung im Haushalt über. Trotz formalem Wahlrecht waren sie im Parlament nahezu unsichtbar und verdienten in vielen Branchen bis zu ein Drittel weniger als Männer. Ein Bündnis aus Frauenverbänden, Gewerkschafterinnen und eher radikalen Aktivistinnen - den "Roten Strümpfen" - nutzte das "Internationale Jahr der Frau", um einen drastischen Schritt zu wagen: einen landesweiten "Frauentag frei", "Kvennafrídagurinn" auf Isländisch.
Am 24. Oktober 1975 legten rund 90 Prozent der Isländerinnen jede Form von Arbeit nieder, bezahlt wie unbezahlt. Sie verließen Büros, Fabriken und Küchen und versammelten sich in Reykjavík und vielen Orten des Landes zu Demonstrationen. Schulen blieben geschlossen, Flüge fielen aus, Banken liefen nur im Notbetrieb, Männer mussten Kinder mit ins Büro nehmen - ein Land probte für einen Tag den Alltag ohne weibliche Arbeit.

Historische Wirkung bis heute
Die Wirkung war historisch: Viele Frauen erlebten erstmals die eigene kollektive Macht, viele Männer begriffen, wie sehr Wirtschaft und Alltag auf der unsichtbaren Arbeit von Frauen beruhen. Bereits 1976 verabschiedete das Parlament ein erstes Gleichstellungsgesetz, 1980 wählte Island mit Vigdís Finnbogadóttir das weltweit erste demokratisch gewählte Staatsoberhaupt, das eine Frau war - ein direkter Schub aus der Streik-Erfahrung. Langfristig trug der Streik dazu bei, dass Island im Global Gender Gap Index seit Jahren Spitzenreiter ist und als "feministisches Musterland" gilt, auch wenn Gewalt gegen Frauen, Lohnlücken und Care-Ungleichheit weiterhin Themen bleiben. Zugleich wurde der "Women's Day Off" international zur Blaupause für spätere Frauenstreiks - er zeigt bis heute: Wenn Frauen kollektiv aussteigen, steht ein Land still.

"Ich will keine Blumen"
Der Frauenstreik 2026 in Deutschland knüpft daran an. Nach Jahren stagnierender Gleichstellung, verschärfter ökonomischer Unsicherheit und einer gesellschaftlichen Rechtsverschiebung wuchs die Frustration vieler Frauen und FLINTA*-Personen über Gewalt, Lohnlücken, Überlastung in der Sorgearbeit und fehlenden Schutz. FLINTA bezeichnet Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender Personen - also Menschen, die aufgrund ihrer Geschlechtsidentität patriarchale Diskriminierung erfahren.
Die Freude in der Cuxhavener Gruppe ist groß, dass so viele Frauen zu dem Planungstreffen zusammengekommen sind. "Ich will keine Blumen zum Frauentag, ich will freie Zeit", betont eine Sozialarbeiterin. "Und Wertschätzung, gerechte Bezahlung", ergänzt Mirian Breuer von der Mädchen- und Frauenberatung.

"Pause für Frauen" - Cuxhaven 2026
Am 9. März 2026 soll es um 9 Uhr im Bali Kino Cuxhaven losgehen, mit einer Begrüßung durch Ministerin Daniela Behrens. Um 10 Uhr wird der Film "Ein Tag ohne Frauen", über den Streik in Island, gezeigt. Tickets lassen sich bereits jetzt auf der Website des Kinos für fünf Euro buchen. Im Anschluss soll eine "Pause für Frauen" geschaffen werden. "Wer es nicht zum Film schafft, kann danach ab 11.30 Uhr zur Mittagspause vorbeikommen", erläutert Ragna Spargel von Pro Familia.
Auch Schulen sollen in die Aktion eingebunden werden. Schülerinnen und auch Lehrerinnen können sich über einen QR-Code beteiligen, auch wenn sie selbst nicht vor Ort sind. Der Code führt zu der Website "Questionpro" auf der Fragen in Echtzeit beantwortet und dann vor Ort auf die Leinwand projiziert werden können.

Beteiligung und Unterstützung erwünscht
Die Initiatorinnen erhoffen auch Unterstützung durch Institutionen und Einrichtungen, die ihren Arbeitnehmerinnen die Möglichkeit geben, an der Aktion teilzunehmen, oder sogar selbst eine "Pause für Frauen" organisieren. Auch männliche Unterstützer sind erwünscht. "Da wir Frauen an dem Tag keine Care-Arbeit leisten, nicht umsorgen und organisieren, hoffen wir auf Männer, die den Kaffeeausschank und die Kinderbetreuung übernehmen", so die Initiatorinnen.
Der 9. März 2026 soll, ganz wie 1975 in Island, zeigen, was passiert, wenn diejenigen, die den Alltag tragen, für einen Tag kollektiv aussteigen. Wer sich beteiligen oder unterstützen möchte, kann sich per Mail an biss.cuxhaven@paritaetischer.de melden.