Im Stadttheater Cuxhaven sorgt "Sieben Wege, Kylie Jenner zu töten" für Irritation
Im Stadttheater Cuxhaven zeigt "Sieben Wege, Kylie Jenner zu töten" ein Stück über Rassismus, Social Media und Ungerechtigkeit. Die Hauptfigur Cleo provoziert, schockiert und zwingt das Publikum, die eigenen Grenzen zu hinterfragen.
Auf der Bühne des Stadttheaters Cuxhaven entfaltete sich am Montagabend (16. März 2026) ein Stück, das provoziert - und nachhallt: "Sieben Wege, Kylie Jenner zu töten" von Jasmine Lee-Jones.
Die junge Londoner Autorin, Jahrgang 1998, hat eines der mutigsten Werke der letzten Jahre geschaffen. Mit scharfem Blick legt sie gesellschaftliche Spannungen frei: Rassismus, kulturelle Aneignung, Schwarze Weiblichkeit, die Macht sozialer Netzwerke. Wilhelmshaven sicherte sich die Rechte für die deutschsprachige Erstaufführung; die Übersetzung stammt von Enis Maci.
Zwischen Smartphone-Licht und Sprachgrenzen
Das Zimmer auf der Bühne im Stadttheater ist klein: eine Matratze auf dem Boden, ein Fernseher, ein Fenster. Cleo, die Hauptfigur, liegt auf ihrem Bett. Ihr Gesicht erhellt vom blauen Licht des Handys. "Unternehmerin Kylie Jenner zur jüngsten Selfmade-Milliardärin aller Zeiten gekürt", liest sie einen Tweet vor. Nicht jeder im Publikum hat das Programmheft zur Hand, das erklärt, wer Kylie Jenner ist - und was ein Tweet bedeutet. Begriffe wie Retweet, Follow, Like oder OMG ziehen sich durch das Stück.
Cleo, eine weibliche Person of Colour (POC), spürt Wut und Ungerechtigkeit. Sie versteht nicht, wie Kylie Jenner einen Look vermarkten, gefeiert und immer reicher werden kann, während Schwarze Menschen für dieselben Attribute wie Boxerbraids oder voluminöse Lippen über Jahrtausende verachtet, versklavt und geschändet wurden. Boxerbraids oder auch Cornrows haben ihre Wurzeln in der afroamerikanischen Kultur. Sie beziehen sich auf die Pflanzreihen in Mais- und Zuckerrohrfeldern, wohin versklavte Afrikanerinnen und Afrikaner während des Sklavenhandels verschleppt wurden, und dienten sogar als Landkarten.
Unter dem Pseudonym @incognegro postet sie schließlich: Sieben Wege, Kylie Jenner zu töten. Schnell wird deutlich: Cleo ist keine Heldin - und das macht sie menschlich. Ihre beste Freundin Kara bleibt auf Distanz, obwohl Cleo sich Verständnis erhofft. Mit jedem Tweet steigt ihr Hass - und gleichzeitig holt sie ihre eigene Vergangenheit ein. Jahre zuvor äußerte sie sich selbst homophob im Internet - und das nach dem Outing ihrer besten Freundin.

Cuxhaven ist nicht London
Manchem alteingesessenen Theatergänger blieb wohl die Spucke weg, wenn auf der Bühne von Vibratoren die Rede war. Wenn Wörter wie Schwanz oder Blasen fallen, zogen einige scharf die Luft ein, schüttelten mit dem Kopf - während aus den Reihen der Schulklassen in den vorderen Reihen leises Kichern aufstieg.
Cuxhaven ist nun mal nicht London. Dort erhielt das Stück am West End vier von fünf Sternen im "The Guardian", einer bedeutenden Tageszeitung. In Cuxhaven verlassen mehrere Besucher den Saal - der ohnehin nur spärlich besetzt ist.
Nicht alles läuft rund. Die in der Originalfassung fast gerappten Tweets wirken manchmal nicht scharf genug, die Bildschirme, auf denen die Tweets erscheinen, fast antiquarisch.
Aber es lohnt sich, dranzubleiben. Denn es wird unbequem. Nicht wegen der Sprache. Sondern weil Cleo uns zwingt, die zentrale Frage zu stellen: Sind ihre Tweets wirklich das Schlimmste?
Wenn das Publikum Teil der Bühne wird
Im siebten Weg kippt der Abend. Cleo gibt ihre Anonymität auf, weil sie im Netz rassistisch beleidigt und ihr gedroht wird, ihre Adresse zu veröffentlichen. Dann beginnt sie mit dem siebten Weg. Verschleppt, herumgereicht, vergewaltigt, als Kuriosität ausgestellt und selbst nach dem Tod noch als Forschungsobjekt missbraucht. Dieses Mal spricht sie jedoch nicht über Kylie Jenner, sondern über Saartje Baartman. Eine historische Figur, die 1789 in Südafrika geboren und nach Europa verschleppt wurde. Sie erzählt von dem Horror, dem Schwarze Menschen über Jahrhunderte ausgesetzt waren - und sind.
Im Halbdunkel des Handylichts geht plötzlich das Saallicht an. "Ich habe das Gefühl, beobachtet zu werden", sagt Cleo. Dann richten sich die Blicke von ihr und Kara - unvermittelt, direkt - ins Publikum. "Die saßen die ganze Zeit da und haben nichts gesagt?"
Ein Moment, der hängen bleibt. Weil er nicht mehr nur das Stück meint, sondern den Raum. Uns.
Was darf Kunst? Was soll sie? Sie soll aufrütteln. Schockieren. Neu sein. Zum Nachdenken zwingen. Sonst bleibt sie erwartbar, stagnierend - ein Tatort, den man konsumiert und mit einem beruhigten Gefühl gen Bett verlässt, denn der Böse wurde geschnappt. Vielleicht ist genau das die größte Stärke dieses Abends: dass er sich nicht glatt konsumieren lässt. Dass er nicht beruhigt, sondern stört.
"Sieben Wege, Kylie Jenner zu töten" ist keine Reproduktion des Alten und Bekannten. Es ist unbequem. Provokant. Notwendig.