In Groden begann eine beeindruckende Karriere als Musikerin und Komponistin
Der Titel zeigt nicht auf den ersten Blick, dass es sich bei der Neuerscheinung "Turmwächters Lied - Die Lebensgeschichte der Komponistin Erna Becker-Ernst (1985-1945) um ein Buch mit starkem Cuxhaven-Bezug handelt. Doch genauso ist es.
Noch dazu um eines mit absoluter Detailtreue: Dreimal war ihr Enkel Carl Ferdinand Ernst während der Recherche in Cuxhaven, zehn Jahre hat er insgesamt recherchiert, drei Jahre lang geschrieben.
Der Name Becker weist in den Stadtteil Groden. "Alle Namen, Orte, Straßenbezeichnungen stimmen", versichert der Autor. Das Buch erschien dieser Tage bei PureBiography (Bestandteil des Verlags Grin Publishing). Erna, geboren am 10. September 1885, war das jüngste Kind des Grodener Pastors Carl August Becker und wuchs mit ihren drei älteren Geschwistern Hellmuth, Edgar und Carla auf dem malerischen Pastorengrundstück gleich neben dem Anwesen Arnhausen auf. Ab dem fünften Lebensjahr bekam sie Klavierunterricht beim Grodener Hauptlehrer, Kantor und Organisten Wilhelm Quietmeyer. Ihr Talent fiel sofort auf. Als sie acht Jahre alt war, starb ihre Mutter Christine Becker.

Der Roman begleitet sie von ihrer Kindheit im Pfarrhaus über die Ausbildung fern der Heimat bis hin zu den Herausforderungen von Liebe, Verlust, Krieg und künstlerischer Selbstbehauptung. Trotz persönlicher und historischer Erschütterungen folgte sie ihrer kreativen Berufung.
Schulzeit in der Höheren Töchterschule
Zunächst aber führte ihr Weg - zusammen mit Schwester Carla - an die Höhere Töchterschule von Fräulein Marie Cochius, Vorläufer-Schule des Gymnasiums für Mädchen (heute Lichtenberg-Gymnasium). Der vier Kilometer lange Schulweg wurde zu Fuß zurückgelegt.
Nur an wenigen Stellen konnten junge Frauen damals in Deutschland das Abitur machen; Ernas Weg führte dafür an das Kolleg in Sondershausen/Thüringen. Die Biografie begleitet sie danach durch den weiteren Lebensweg: Musikstudium, Hochzeit, Geburt des Sohnes Wolfgang, schließlich die Machtergreifung der NSDAP, der sich Erna 1930 anschloss. Ihre Werke wurden im Rundfunk und bei Konzerten - auch in der Grodener Kirche - gespielt.
Flugblatt der Weißen Rose aufbewahrt
Später setzte sie sich kritisch mit den Inhalten der NS-Propaganda auseinander. Unter anderem war es ein Flugblatt der Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose", das sie im Herbst 1943 dazu bewegte, sich vollends von der NS-Ideologie zu distanzieren. Das Flugblatt - abgebildet im Buch - fand Enkel Carl Ferdinand im Nachlass. Erna fühlte sich durch das Regime hintergangen und ausgenutzt.

Einzigartig ist, dass das Buch 22 ihrer originalen Kompositionen in neu eingespielten Aufnahmen hörbar macht und diese mit der Erzählung verbindet. Über QR-Codes (Printausgabe) oder eingebundene Audioinhalte im E-Book können Leserinnen und Leser die Musik unmittelbar erleben.
Gleichzeitig eröffnet die Geschichte einen Blick auf die wechselvolle Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert und soll auf die verbindende Kraft grenzüberschreitender kultureller Begegnungen hinweisen. Deshalb hat der Autor das Buch gleichzeitig der deutsch-französischen Freundschaft gewidmet.
Auf der östlichen Seite der Grodener Pfarrkirche erinnert bis heute eine stark verwitterte und fast im Gebüsch verborgene Steinplatte an die Komponistin Erna Becker-Ernst, die sich zeitlebens nach ihrer Heimat in Groden und Cuxhaven zurückgesehnt hat.

Der Anna-Becker-Weg in Groden ist nach ihrer Stiefmutter benannt, die der Vater nach dem frühen Tod der ersten Ehefrau trotz eines Altersunterschieds von 27 Jahren geheiratet hatte. 27 Jahre - genau wie der Altersunterschied von Erna Becker zu ihrem Ehemann, dem Oberförster Wilhelm Ernst, mit dem sie in Bad Münstereifel lebte.
Auch ein Zeugnis deutscher Musikgeschichte
Im umfangreichen Anhang sind Unterrichts- und Seminarunterlagen überliefert, die Einblicke in die anspruchsvolle
Ausbildung angehender Komponistinnen und Komponisten sowie in die komplexe Welt der Orchesterkomposition ermöglichen. Da zahlreiche historische Bestände im Krieg verloren gegangen sind, stellen diese Quellen auch ein Zeugnis deutscher Musikgeschichte dar. Gleichzeitig möchte der Autor Aufmerksamkeit für die oft von außen begrenzte Rolle der Frauen in der deutschen Musikgeschichte erzeugen.
Den Hintergrund zum Titel "Turmwächters Lied" gibt es auch: Ein Gewitter - so wild wie einst in ihrer Heimat - beeindruckte die Komponistin im Jahr 1916 so nachhaltig, dass sie noch in derselben Nacht das gleichnamige Gedicht von Friedrich de la Motte Fouqué vertonte. Hauptperson: ein Leuchtturmwärter inmitten der Naturgewalten.
Carl Ferdinand Ernst (75) ist Diplom-Volkswirt und Diplom-Ökologe. Er war bis zur Pensionierung für das Stadtforstamt in Hannover tätig und hat im Auftrag der Landeshauptstadt Hannover unter anderem ein großes Filmprojekt über Neophyten und Neozoen verwirklicht.
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