Mit Privatberg und Elbblick: Arnhausen war einer der ältesten Bauernhöfe Cuxhavens
Die Ortsbezeichnung Arnhausen kennen viele erst seit der Diskussion um das dort geplante Regenrückhaltebecken. Bis vor einigen Jahrzehnten befand sich dort jedoch einer der ältesten Bauernhöfe Cuxhavens mit einer erstaunlichen Gartenanlage.
Das Anwesen erstreckte sich zur Zeit seiner größten Ausdehnung von der Abschnede bis zum alten Hadler Seebandsdeich an der Elbe.
Wie weltoffen und gleichzeitig bodenständig die Bewohner lebten, weiß niemand besser als die gebürtige Arnhausenerin Dr. Marie-Luise Favreau-Lilie, eine angesehene deutsche Historikerin, die inzwischen wieder in Cuxhaven lebt. Zahlreiche Hof- und Familienakten sind außerdem im Cuxhavener Stadtarchiv (Nachlass Benöhr) gesichert.
Geschichte des Hofs begann unter dem Namen "Im Felde"
Bevor der Hof - damals noch unter dem Namen "Im Felde" - 1826 in den Benöhr'schen Familienbesitz gelangte, hatten die Besitzer häufig gewechselt. Landwirtschaftliche Erfahrung brachte der hamburgische Lotskapitän Jakob Hinrich Benöhr nicht mit, als er einen Ruhesitz mit Blick auf Elbe und Schiffe suchte. Die auf Neuwerk aufgewachsene Ehefrau Anna Margareta konnte diesen Wunsch nur zu gut nachvollziehen.

Das L-förmige Hauptgebäude (Haus, Scheune und Stallungen) stand auf einer Warft. Ein Graben umfloss die ganze Anlage. Der Lehstrom lief als Bach quer durchs Hofgelände. Mehrere Stichkanäle (Teil eines ausgeklügelten Graben- und Drainage-Systems) reichten bis in den Garten. Der von Eschen, Linden und Kastanien umgebene Hof war nicht einfach zu bewirtschaften.
Die Benöhrs waren mit bekannten Familien wie den Segelckes, den Reyes und den Umlands verwandt und erhielten häufig Besuch. Wie bei den wohlhabenden Hadelner Bauernhöfen üblich, erhielten die Kinder eine solide Schulausbildung. Die Söhne studierten üblicherweise; einer pro Generation konnte den Hof erben.

Glückliche Kindheit auf Arnhausen - detailgetreu beschrieben
Mit ihrer Schrift "Glückliche Kindheit auf Arnhausen - Ein Hadelner Hof vor 100 Jahren" hat Emma Lohmeyer-Benöhr (Jahrgang 1875) ein bedeutsames Zeugnis der Zeit von 1880 bis etwa 1891 hinterlassen. Ausführlich beschreibt sie alle Gebäude.

Vor dem geistigen Auge entsteht ein Bild vom mehrstöckigen Dachboden mit seinen verschiedenen Funktionen, von der nur zu offiziellen Anlässen geöffneten repräsentativen "Großen Kellerstube" mit ihren Stuckverzierungen und dem Wohnzimmer, wo neben dem großen Kachelofen gegessen und gespielt wurde.
Lauben, üppige Blumenbeete, Turngeräte
Der liebevoll und durchdacht angelegte Garten wies einige höchst erstaunliche Details auf. Am liebsten möchte man sofort Platz nehmen, wenn Emma schreibt: "Unser Garten auf Arnhausen, wie war er so schön! Durch die Pforte in der Dornenhecke kam man in seinen Schatten und Blütenduft. Gleich rechts stand die kleine weiße Laube mit dem Sandplatz zum Spielen für uns Kinder. Vom Rasen her leuchtete ein großes, meist mit Stiefmütterchen bepflanztes Beet dem Besucher entgegen. Es war eingefasst von einem dicken Kranz doppelter Marienblümchen. Zu beiden Seiten davon die länglichen Beete mit Maiglöckchen und Portulak. Hier wurden ein Reck und ein Barren fleißig zum Turnen benutzt. Den Abschluss bildeten vier herrliche Linden, die wie ein Dom sich gen Himmel reckten. Ein langer Tisch mit weißen Bänken und zwei Lehnstühlen lud zum Kaffeetrinken ein."
Mittendrin standen Götterstatuen
Die Aufzählung der prächtigen Obst- und Ziersträucher und der Fülle an Blumen scheint unendlich. Mittendrin wurden eine Merkur-Statue und ein Venus-Standbild in Szene gesetzt. Nicht weniger erstaunlich war der Privatberg, den Emmas Großvater Hans Christian Benöhr mit der Erde aus dem Bau der Entwässerungsgräben aufgeschichtet hatte. "Dieser Arnhausener Privatberg mit seiner krönenden weißen Bank, überschattet von einer Hängeweide, war im Frühling über und über mit stark duftenden Veilchen bedeckt. Welch herrlichen Ausblick hatte man von hier aus über unsere Felder nach Cuxhaven und Ritzebüttel bis zum Meer!"
Vor dem Schulweg Obst für die Freunde eingesammelt
Zwischen Zier- und Obstgarten lag der Mittelgarten mit Apfelbäumen, gelben Pflaumen und Zwetschgen, Rosen und Phlox. An der "Jelängerjelieber-Laube" vorbei ging es über den großen Hofgraben in den Obstgarten mit hellroten Glaskirschen, schwarzen Glaskirschen, Äpfeln und Birnen: "Morgens liefen wir gleich vor der Schule in den Obstgarten, um Obst für unsere Schulfreunde zu sammeln." Der Obstgarten erstreckte sich bis zum Lehstrom und wurde gesäumt von einer doppelten Reihe Erlen und anderen Schutzbäumen. Er ging - vorbei an Stachelbeerbüschen, Johannisbeer- und Himbeerplantagen - in den Gemüsegarten über, wo sich Blumenbeete mit Erbsen, Kohl, Möhren, Schwarzwurzeln, Petersilie, Stangenbohnen, drei Spargelbeeten und vielem mehr abwechselten, alles aus Samen selbst gezogen und überaus pflegeintensiv. Was nicht zum Verkauf bestimmt war, musste auf verschiedenste Weise verarbeitet und konserviert werden.

"In meiner Kindheit war der Garten noch genauso bepflanzt", berichtet Dr. Marie-Luise Favreau-Lilie. Auch die Turngeräte der Kinder und die große Schaukel gab es noch. Charakteristisch war die Kombination von Blumen und Gemüse. Bäume und Sträucher sollten die Versorgung mit dem in der Marsch knappen Brennholz gewährleisten. Erheblich beschwert war die Bewirtschaftung jedoch seit 1896 durch die Errichtung der Bahnlinie von Cuxhaven nach Geestemünde, deren Trasse den Hof quasi halbierte.

Zwei Schicksalsschläge in einem Jahr
1937 kam Gisela Gerike als Ehefrau des letzten Hoferben Otto Andreas Benöhr auf den Hof. Vier Söhne wurden von 1938 bis 1943 geboren; der Zweitgeborene ertrank tragischerweise 1943 auf dem Hof.
Am 3. August 1943 traf eine britische Fliegerbombe die Scheinwerferbatterie am Rande Arnhausens. Der Flieger befand sich wahrscheinlich auf dem Rückweg nach der verheerenden Angriffsserie auf Hamburg ("Operation Gomorrha"). Verbliebene Bomben wurden oft über Cuxhaven abgeworfen.
Die Druckwelle tötete sieben Männer auf der Stelle, auch den 32-jährigen Otto Andreas Benöhr. Ehefrau Gisela blieb mit den drei kleinen Söhnen zurück. Alleine den Hof weiterzuführen, hätte ihre Kräfte überschritten. "Der Familienrat beschloss, dass sie wieder heiraten müsse", berichtet ihre Tochter, die nach der Eheschließung der Mutter mit dem Landwirt Louis Favreau 1948 geboren wurde.

Feuer zerstörte das historische Wohnhaus
Am 5. Juni 1954 (Pfingstsonnabend) ereignete sich der nächste Schicksalsschlag. Als das wahrscheinlich durch das Anheizen des Badeofens entstandene Feuer im Reetdach entdeckt wurde, war es schon zu spät. Das Wohnhaus war nicht mehr zu retten, wenigstens konnten noch viele Gegenstände und Möbelstücke hinausgeschafft werden, während die Kinder über die Felder zum Großvater an die Abschnede geschickt wurden. Die Familie wohnte danach für einige Monate in anderen Häusern des Anwesens. Das neugebaute Wohnhaus war wesentlich kleiner als sein Vorgänger.
Langsam zeichnete sich das Ende der Familientradition ab. Keiner der Brüder hatte landwirtschaftliche Ambitionen, sie wollten studieren. Genau wie Marie-Luise, die es nach dem Abitur am Gymnasium für Mädchen in die Großstadt zog (was von den Eltern ausdrücklich gefördert wurde). "Ab 1967 kam ich nur noch auf Besuch. Meine Hochzeit wurde als letztes Familienfest auf dem Hof gefeiert", berichtet die Zeitzeugin.

In mehreren Etappen an die Stadt verkauft
Auch ein Pächter ließ sich nicht lange für die Aufgabe erwärmen, Arnhausen weiter zu bewirtschaften. Nach und nach wurden ab der Mitte der 60er-Jahre bis 1980 einzelne Flächen an die Stadt Cuxhaven verkauft, die ihre Gewerbegebiete entwickeln wollte. Als eine der ersten Aktionen wurde damals der Hofbaum gefällt, eine stattliche Blutbuche, die Kennzeichen eines jeden Hadler Hofs war.

